Kleinmütige Salzburger. Während in Mörbisch jüngst die „Fledermaus“ bei Schnürlregen beinhart durchgezogen wurde, übersiedelte Hofmannsthals „Jedermann“ am Samstag schon vor dem ersten Tropfen ins Große Festspielhaus. Rücksicht auf die Künstler – noch mehr aber auf die teuren Toiletten und Frisuren der Gäste? Um die Ausstattung der Besucher könnte man sich wohl fast ein Einfamilienhaus leisten. „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ist trotz der noblen Atmosphäre das populäre Feigenblatt der Salzburger Festspiele – und eine Cashcow des Festivals, das offenbar im Interesse seiner Klientel handelt. „So sind wir im Trockenen und haben es warm“, befand ein Besucher.
Für die Aufführung ist die Indoor-Variante eher tödlich. Sie verstärkt den antiquierten Charakter des Stücks. Auf dem Domplatz mischen sich Kultur und Kultus, Religion zu einem kathartischen Erlebnis. Im Haus stört vor allem die staubige Sprache. Hofmannsthal ist nun einmal kein Goethe und sein Jedermann kein Faust.
2002 brachte Christian Stückl seine Neuinszenierung heraus, mit Peter Simonischek, der die Rolle spirituell verinnerlichte wie wenige andere, Veronica Ferres, einer der tollsten Buhlschaften aller Zeiten – und mit einer ganzen Reihe von Stars in den Nebenrollen, von Jens Harzers Tod bis zu Tobias Morettis Gutem Gesell. Aber auch Stückls Regie überraschte, so frisch kann Tradition wirken, der Oberammergauer Passionsspielmeister zeigte sicheres Gespür für den Text.
In ihrem letzten Jahr – 2013 soll es einen neuen „Jedermann“ geben, wie der aussehen wird, ist noch nicht bekannt – wirkt Stückls Inszenierung stark verbraucht: Die allzu absichtsvoll bizarre Tischgesellschaft, das zerfaserte Vorspiel mit Zitaten aus dem „Faust“ und herzigen Kindern, Gottvater, der ein Rabbi ist, wieso denn das? Und der Glaube ist gestrichen. Was hat ein „Jedermann“ ohne Glaube für einen Sinn?
Ironie, Sentimentalität, beides falsch
Die Allegorie des Glaubens trägt wesentlich zu Jedermanns Seelenrettung bei – gemeinsam mit den „Guten Werken“; diese Figur ist im Original anfangs gelähmt, hier wurde sie zur lustigen Person umgeformt, was ebenfalls unlogisch ist. Die „Guten Werke“ zeigen dem Teufel, der Jedermann in die Hölle verschleppen will, mit zwei Fingern das Kreuz, gewöhnlich ist das eine große Geste, hier wirkt sie lächerlich. Dafür tragen die Kinder des Schuldknechts Engelsflügel. Hier hat sich teils Ironie, teils Sentimentalität breit gemacht, beides ist grundfalsch beim „Jedermann“, einem christlichen Besserungsstück, das deswegen seit Jahrzehnten so beliebt ist, weil es auch vom wohlhabenden Publikum ernst genommen und gefühlsmäßig nachvollzogen wird. Eine weitere Störung ergibt sich daraus, dass die Besetzung bei Weitem nicht so großartig ist wie vor zehn Jahren. „Jedermann“ ist auch eine Schauspielerparade, Produkt eines Gemeinschaftsgeistes für ein Gesamtkunstwerk, das die Festspiel-Erfinder im Auge hatten. Ob Knecht, Koch oder Statist, jeder sollte großartig sein in diesem Ensemble und sich geehrt fühlen, dass er dabei sein darf bei diesen Olympischen Spielen der darstellenden Kunst. Heute sieht man Star-Theater, in dem sich naturgemäß jene profilieren, die es besser können als andere.
Den stärksten Schlussjubel errang bei der Premiere Nicholas Ofczarek. Wiewohl auch seine Rolleninterpretation sonderbare Ideen birgt, ist er ein imposanter Jedermann, eine Art Manager zwischen dem ersten und dem zweiten Herzinfarkt und doch ganz authentisch als historische Figur. Ofczarek, am meisten daheim bei kraftvollen Mannsbildern mit zynischer Grundierung, ist hier auch stark als Verlierer, als Ratloser, der sich nicht raussieht – und am Ende tatsächlich verstehen lernt, dass in seinem neuen jenseitigen Dasein andere Talente als Tüchtigkeit, Machtbewusstsein und Geldscheffeln gefragt sind. Es wäre nicht nötig gewesen, diesem Jedermann seine Ambivalenzen zu entziehen, indem man ihn auf den Schuldknecht eintreten lässt. Hofmannsthals reicher Mann ist anfangs einfach lebenslustig und souverän, seiner selbst zu sicher, um an seinen Fall zu glauben, was dem heutigen Wirtschaftsleben vermutlich mehr entspricht als ein brutaler Leuteschinder wie er hier teilweise entworfen wird.
Birgit Minichmayr entledigt sich ihrer Rolle als Buhlschaft mit einer gewissen Beiläufigkeit, die einen starken Kontrast zu ihrem sonstigen Erscheinen auf der Bühne bildet. Martin Reinke deklamiert markant Gott den Herren und den armen Nachbarn, diese Idee ist schön, den Allerhöchsten seine ungeratenen Schäfchen selbst prüfen zu lassen. Auch der Gute Gesell (Peter Jordan) hat eine Doppelrolle, er ist sozusagen des Teufels, ein übler Verführer, ein Mephisto, das passt. Sascha Oskar Weis ist als Mammon eine zu unscheinbare Fehlbesetzung, vor allem im Vergleich zum Tod Ben Beckers, der ohne großes Tamtam eine unheimlich bezwingende Aura entfaltet.
Hofmannsthals Restaurierung ist kaputt
Elisabeth Rath als Jedermanns Mutter trägt eine Hippiefrisur, originell, doch kommt sie bloß verschwommen über die Rampe. Hofmannsthal war besonders stolz auf seine genuine Restaurierung des Jahrhunderte alten „Everyman“, dramaturgisch stringent und mit Verweisen auf die Moderne. Es war keine gute Idee, ausgerechnet Anfang und Schluss des Werkes umzuschreiben.
Die Zukunft des Stückes, wie könnte sie aussehen? Die sakrale Aura sollte gestärkt werden, sonst ist die Sache nämlich sinnlos – und „Jedermann“ hat im Großen Festspielhaus eigentlich nichts zu suchen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)
Salzburger Künstlerfest: ''O' zapft is''
Minichmayr, Ferres, Hoss: Der Jedermann und seine Buhlschaft(en)




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