Sie darf an Anna Netrebko, Cecilia Bartoli oder Birgit Minichmayr Maß nehmen, Stoffe abstecken und an ihren Kleidern herumzupfen: Josefa Schmeisser leitet die Damenschneiderei der Salzburger Festspiele. Berührungsängste zu großen Namen kennt die gelernte Schneiderin, die seit 1991 in der Kostümabteilung des Festivals arbeitet, nicht. „In Unterwäsche sind alle gleich.“
Wenn man so nah mit Menschen arbeitet, gehe es vor allem um eine gute Vertrauensbasis: „Wir haben alle ein gemeinsames Ziel. Die Künstler sollen auf der Bühne toll aussehen.“ Besonders prachtvoll und aufwendig sind heuer die Kostüme für die Oper „Das Labyrinth“, die Fortsetzung der „Zauberflöte“. „Alles ist noch ein bisschen opulenter als bei der Zauberflöte, es gibt eine riesige Papageno-Familie“, erzählt Elisabeth Binder-Neururer über dieses kaum aufgeführte Werk.
Die freie Kostümbildnerin zeichnet gemeinsam mit der Wiener Designerin Susanne Bisovsky für die Kostüme im „Labyrinth“ verantwortlich. Inspirationsquelle für so manches Outfit der Figuren von Sarastro bis Papagena ist die jahrelange Auseinandersetzung Bisovskys mit dem Thema Tracht. Vor gut einem Jahr haben Bisovsky und Binder-Neururer die sogenannten Figurinen, detailreiche Zeichnungen der Kostüme für jede noch so kleine Rolle, abgeliefert, danach ging es mit den Salzburger Gewandmeistern an die praktische Umsetzung.
Im Zauberreich voller Stoffballen, Spitzen, Pailletten, Federboas und Tüll wird dann getüftelt, wie sich die Entwürfe realisieren lassen. Ein Schmuckstück der heurigen Labyrinth-Produktion: das schwarz-weiße Kleid der „Königin der Nacht“. Rund 80 Meter Fallschirmseide wurden gefärbt, fein plissiert und zu einem prachtvollen Rock verarbeitet, das Oberteil ist aus feinster Spitze gearbeitet.
Es ist eines der aufwendigsten Kleider des heurigen Sommers, erzählt Schmeisser – federleicht und maßgeschneidert für Julia Novikova, die die Königin singt. Dass man bei den Salzburger Festspielen schon früh weiß, wer eine Rolle spielt oder singt, ist für die Gewandmeisterin ein Vorteil. „Da kann man gut auf die jeweilige Person eingehen. Es passt schließlich nicht jedem alles“, sagt Schmeisser, „die einen kann man fast bis zum Umfallen Schnüren, andere wollen das gar nicht.“ Die Künstler müssen sich auf der Bühne bewegen können. Hochgeschlossene Kleider sind bei den Sängern nicht beliebt. „Der Kehlkopf sollte frei sein.“
Rund 3000 Kostüme pro Saison werden allein von der Damenschneiderei produziert. Jedes Outfit muss perfekt sitzen und bis ins letzte Detail stimmen. Wer auf der Bühne im Dickicht eines Waldes unterwegs ist oder aus der Hölle kommt, kann etwa kein gebügeltes Hemd gebrauchen. Das Wissen um die Szene und die Notwendigkeiten der Regie bestimmt die Arbeit der Kostümschneider.
Damit das Umziehen schnell geht, werden Klettverschlüsse oder Magnete verwendet. Mit Drahtbürsten, Fett oder Ochsengalle trimmt man Stoffe auf alt. Damit vor dem Auftritt jeder Mitwirkende sein Kostüm samt Accessoires bekommt, ist eine ausgeklügelte Logistik nötig. Jedes Tuch, jedes Täschchen, jeder Schuh ist penibel zugeordnet. Trotzdem passiert es manchmal, dass in der Hektik etwas schiefgeht. Einmal wurde in der Garderobe bei historischen Röcken vorn und hinten verwechselt. Das Resultat der falschen Anatomie: „Der ganze Chor war schwanger“, erinnert sich Schmeisser. Beim nächsten Mal wurden die Röcke dann richtig getragen.
Die Arbeit der Damenschneiderei ist nach der Premiere nicht getan. Nach jeder Vorstellung kommen alle Kostüme zurück zu Schmeisser und ihrem Team. Die Bühnenkleidung wird kontrolliert, gereinigt, zerrissene Stellen repariert und Knöpfe wieder angenäht, damit die Kostüme beim nächsten Einsatz wieder perfekt sind und sich die Künstler wohlfühlen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)
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