Steven Isserlis hat eine hohe Treffsicherheit. Mit der linken Hand am Griffbrett seines Stradivari-Cellos sowieso, aber auch mit der Rechten: Wenn er in weit ausholender Bewegung eines der vielen Mikros in Schwingungen versetzt, die im Mozarteum über den Köpfen der Musiker baumelten. Bei Josefs Suks Klavierquartett (mit Alina Pogostkina an der Geige) mag es noch ein Versehen gewesen sein, beim abschließenden Pendant von dessen Lehrmeister Antonín Dvořak (diesmal mit Joshua Bell an der Violine) war es schon zum running gag geworden. Und wer will schon sein Publikum enttäuschen?
Zur Enttäuschung hatte es ohnehin nicht den geringsten Grund, wie der für einen Kammermusikabend außergewöhnlich starke Beifall zeigte, der keineswegs nur auf das effektvolle Finale des Dvořak-Quartetts zurückzuführen war. Bell und Isserlis, diese zwei Namen stehen seit Jahren für einen hoch-expressiven, auf volles Risiko gehenden Stil, und sie führten auch diesen sechsten Abend der Reihe „Über die Grenze“ zum triumphalen Erfolg.
Herzstück waren jedoch nicht die dankbaren Quartette, zu denen Lawrence Power seinen warm-sympathischen Bratschenton beisteuerte, sondern die dazwischen geschalteten Sonaten für Violine und Klavier (von Leoš Janáček) bzw. Cello und Klavier (Bohuslav Martinů). Wobei letztere mit einigem Recht auch Sonate für Klavier und Cello heißen könnte. Der im kraftraubenden Dauereinsatz stehende Pianist Dénes Várjon meisterte nicht nur die erheblichen technischen Anforderungen mit Bravour, er erwies sich auch als Isserlis zumindest ebenbürtiger Gestalter mit feiner Anschlagskultur. Und das nur Minuten, nachdem er und Bell eine exemplarische Deutung der Janácek-Sonate (wohl einer der bemerkenswertesten Beiträge zur Gattung) geleistet hatten.
Wie ein Raubtier auf seine Beute stürzte sich Bell auf seinen ersten Einsatz und machte von Beginn an klar: hier geht es um alles. Tatsächlich geht es um sehr viel, vor allem darum, die disparaten Elemente – kurze, aber satte Melodiebögen, die gerade in ihrer Knappheit Lebenshunger ausstrahlen, lärmend-brutale Einwürfe und karge Passagen von Musik gewordener Resignation – sinnfällig zu verbinden. Vielleicht bis auf den Beginn des zweiten Satzes, wo eine schlichtere Tongebung noch stärkere Wirkung erzielt hätte, finden die Musiker immer eine schlüssige interpretatorische Lösung. Wie eine Heimsuchung lassen sie den dritten Satz hereinbrechen, mit seinem grobschlächtigen Grundmotiv, um schließlich im Finale mit den Dämpfer-gefärbten, über die Klavierlandschaft getupften Geigen-Einsprengseln noch einmal eine neue, beängstigende Klangwelt aufzumachen. Diese Musik gibt keine Antworten, sie stellt elementare Fragen.
Und so war es zur Balance ganz gut, dass das Konzert mit einem Werk beschlossen wurde, das eine Antwort gibt. In Dvořaks Es-Dur-Quartett fällt sie sprühend optimistisch aus, und die Musiker brauchten dazu denn auch keine Extraeinladung. Hätte es in Salzburg wetterbedingt einen Blackout gegeben – zumindest die Gegend um die Schwarzstraße hätte man mit der Energie, die Bell und Konsorten durch ihr Spiel generierten, mit Strom versorgen können. Absolut Festspielwürdig!
Festspielwürdig in anderem Sinne war auch die Aufführung des Scardanelli-Zyklus von und durch Heinz Holliger in der Reihe „Salzburg contemporary“ (welch einfallsreicher Titel!). In dem Sinne nämlich, dass Festspiele nicht nur Blockbuster wie die Zauberflöte oder La Bohème realisieren sollen, sondern auch Dinge die jenseits ausgetretener Pfade liegen. Und dort liegt eine Komplettdarstellung des Scardanelli-Zyklus allemal. Er ist auch für abgebrühte Ohren eine Herausforderung. Zweieinhalb pausenlose Stunden, in denen zugleich viel und wenig passiert: Wenig, weil sich fast alles in gemessenem Tempo und im unteren Lautstärkebereich abspielt, was mitunter für lähmende Gleichförmigkeit sorgt. Viel, weil die Klangwolke dennoch ständig in Bewegung ist, plasmaartig in Freiräume mäandert und sich wieder zurückzieht.
Größte Hochachtung verdient der lettische Radiochor, der die Schwierigkeiten mit höchster Konzentration und Bravour meisterte, in Komplizenschaft mit den Spezialisten vom „Ensemble Contrechamps“.
Holliger saß zwei Tage später auch im Publikum, als eine spannende Gegenüberstellung angesagt war: Drei Solosonaten für Streicher von Bernd Alois Zimmerman, dem ein besonderer Schwerpunkt der Festspiele gilt, gegen zwei Solowerke von Bach geschnitten (was Giacinto Scelsis „Manto“ damit zu tun hatte, blieb ein wenig rätselhaft). Am Anfang stand klugerweise nicht Bach, sondern Zimmermanns Bach-Hommage in Form einer Violinsonate, kantig und mit analytischem Scharfsinn gespielt von Thomas Zehetmair, der als Gegenpol mit der C-Dur-Sonate jenes Bachwerk gewählt hatte, das den wohl größten Kontrast dazu bietet.
Dass gelegentliche Intonations-Unschärfen zu bemerken waren, wurde durch Thomas Demengas stellenweise die Grenze zur Karikatur streifende Interpretation von Bachs Cello-Suite Nr. 6 relativiert: Hier war die Intonation tatsächlich problematisch, und zwar in allen Sätzen. Wie anders klang da Demengas mit Verve, Witz und Farbenreichtum vorgetragene Solosonate Zimmermanns. Schade, dass man nicht gehört hat, was Ruth Killius, die überzeugendste Solistin des Abends, zu Bach zu sagen gehabt hätte. Immerhin durfte man erleben wie sie mit beispielhafter Expressivität Zimmermanns mit Pizzicati in beiden Händen und Flageoletts gespickter, abwechslungsreicher Viola-Sonate viel Leben einhauchte.
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