Die niedrigste Auslastung seit 13 Jahren musste Festspielintendant Alexander Pereira zum Abschluss seiner ersten Saison in Salzburg präsentieren: Sie ist um fünf Prozent gesunken. Dabei sind mehr Zuseher denn je gekommen: 240.000 zu regulären Veranstaltungen, dazu kommen drei Benefiz-, zwei Open-Air- und 42 Sonderveranstaltungen sowie 22 Einlass- und Generalproben, das macht insgesamt fast 279.000 Besucher.
Diese Divergenz erklärt sich daraus, dass Pereira die Festspiele verlängert und um 42.000 Karten mehr als im Vorjahr aufgelegt hat. Diese Ausweitung wurde vielfach kritisiert; so schrieb Wilhelm Sinkovicz im gestrigen „Presse“-Leitartikel, es herrsche „längst das Prinzip Masse statt Klasse“.
Er habe „im Schlussdrittel der Festspiele besonders viele attraktive Veranstaltungen inklusive Opernpremieren programmiert“, verantwortete sich Pereira bei der Pressekonferenz: „Es dauert zwei, drei Jahre, bis das Publikum registrieren wird, dass auch der Schluss und nicht nur der Anfang der Festspiele attraktiv ist.“ So antwortete er auf die Frage, mit welchem Konzept er die Auslastung wieder auf das seit Jahren übliche Niveau von 93 bis 95 Prozent heben wolle.
„Für Wiederaufnahmen offen“
Mit den Einnahmen ist Pereira zufrieden: Sie liegen mit über 28 Millionen Euro um 1,5 Mio. Euro über dem Budget, sagte er. Die Gratiskarten habe er schon „zurückgeschraubt“, so seien die „Soldaten“ heuer zwar genauso ausgelastet gewesen wie 2011 „Die Sache Makropulos“, aber bei jenen seien 80 Prozent der Karten „wirklich verkauft“ worden und bei „Makropulos“ nur 67 Prozent.
So fühle er sich „mehr geohrfeigt, als ich verdient habe“, erklärte Pereira und klagte, er habe „hier nie jemanden getroffen, der mit mir über Kunst reden wollte“. Er, der zu seinem Amtsantritt erklärt hatte, Wiederaufnahmen sollten in Salzburg nur die Ausnahme sein, sagte nun, er werde in Zukunft für solche „offen sein“. „Die ,Boheme‘ lasse ich fallen, weil mir das Verdi- und Wagner-Jahr 2013 besonders wichtig ist. Aber zum Beispiel beim 2013 beginnenden Da-Ponte-Zyklus von Bechtolf und Franz Welser-Möst, der in Salzburg logischerweise nach der ,Zauberflöte‘ kommen muss, sind Wiederaufnahmen durchaus denkbar.“
Bechtholf kritisiert Kritiker
Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf plädierte dafür, den Misserfolg nicht „überzubewerten“, sprach gar von „Auslastungsfetischismus“. „Man muss wagen und Risken eingehen, wir werden das auch in Zukunft tun. Wenn eine Produktion nur zu 60 Prozent ausgelastet ist, dann ist das völlig wurscht. Diese Art von Verschwendung ist keinesfalls obszön, sie ist vielmehr Teil des Festes. Wen wir permanent 99 Prozent hätten, würde man uns Populisten nennen.“ Die Kritiken über Salzburg kanzelte er als „hauptsächlich apodiktische Geschmacksäußerungen“ ab, die sein „undogmatisches Schauspielprogramm“ nicht verstünden. APA/tk
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)
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