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Musik, Theater und Kunst bei den Salzburger Festspielen

Dossier Die erste Saison von Intendant Markus Hinterhäuser will ein "Epizentrum des Besonderen" sein - und könnte neue Perspektiven bringen. Was die Festspielen bieten.

Mehr als 200.000 Karten sind aufgelegt, wenn Salzburg nun für sechs Wochen Opern-, Schauspiel- und Konzertmetropole ist Was erwartet die Besucher bei den berühmten Festspielen? Die "Presse" bietet eine Orientierungshilfe für die Festspieltage.

Die erste Ausgabe des neuen Intendanten Markus Hinterhäuser will ein "Epizentrum des Besonderen" sein. Fünf neue Operninszenierungen hat Hinterhäuser im Talon, den Höhepunkt bildet zweifelsohne das Rollendebüt von Salzburg-Liebling Anna Netrebko als "Aida" unter Riccardo Muti. Den Opernreigen in Salzburg eröffnet man am 27. Juli mit Mozart. Deutungsrevolutionär Teodor Currentzis ist mit seinem Permer Orchester musicAeterna für "La Clemenza di Tito" in der Felsenreitschule unter Vertrag. Beibehalten wurde die Auftaktwoche mit der besinnlichen Ouverture spirituelle, die diesmal nicht einer bestimmten Religion, sondern dem spirituellen Thema der "Transfiguration", also einer Offenbarung, gewidmet ist.

 

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Auftakt

Salzburgs Konzertschiene eröffnet mit „schwarzem Licht“

Zum Auftakt der Ouverture spirituelle glänzten Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Kent Nagano.

Das Eröffnungskonzert glich einem Fanal. Zur Erinnerung: 2012 rief Alexander Pereira die Ouverture spirituelle ins Festspielleben, eine Konzertserie, die vorab Möglichkeit zur musikalischen Besinnung sowie in den ersten Jahren zum Dialog mit Religion(en) bot – und seine kurze Ära überdauerte. Ausgangspunkt war dabei stets Haydns Oratorium „Die Schöpfung“. Der überwältigende C-Dur-Ausbruch des „Es werde Licht!“ nach der „Vorstellung des Chaos“ ist darin Symbol für das Erhellen der Welt, der Herzen und obendrein wohl des (aufgeklärten) Geistes.

Intendant Markus Hinterhäuser und Konzertchef Florian Wiegand haben die Ouverture spirituelle nun neu erfunden, beziehungsreich und stärker mit dem restlichen Programm verquickt. Auch in diesem Sommer wird die „Schöpfung“ zu hören sein – gegen Ende, mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle. Den Auftakt machte dagegen zunächst György Ligetis berühmtes Chorstück „Lux aeterna“. Dessen „schwarzes Licht“, wie es der Komponist selbst nannte, möge den Verstorbenen leuchten – auch wenn sich die mittelalterlichen Requiemsworte im undurchdringlichen Geflecht der kanonisch sich auffächernden und aneinander reibenden Stimmen verlieren. Man denkt dabei auch an zahllose direkte und indirekte Todesopfer von Krieg und Gewalt unserer Zeit: Festspiele können und werden daran nichts ändern, dürfen dieses Wissen aber auch nicht grundsätzlich ausblenden.

Behutsam, vorsichtig fast, aber immer mit der nötigen Präzision ließ der formidable Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Kent Nagano Ligetis zarte Klangbänder durch die Felsenreitschule schweben: ein gedankenvoller, ja skeptischer Kontrapunkt vorab zum folgenden großformatigen Werk, „La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ“ von Olivier Messiaen, gleichfalls in den 1960er-Jahren entstanden.


Meditatives Oratorium

Messiaen, dieser fromme Ekstatiker und ebenso kindlich wie sinnlich gläubige Katholik, der zeitlebens die Schöpfung auf eigene Weise gelobt hat, indem er etwa unzählige Vogelstimmen aus aller Welt musikalisch nachgezeichnet hat, verarbeitet darin die Verklärung Christi – nicht erzählend mit Gesangsrollen wie in einem herkömmlichen Oratorium, sondern abstrahiert, meditativ, nachsinnend. Rituelle Gongschläge, Texte aus Bibel und Theologie, in einstimmigem Choral, mit monumentalen Unisonowirkungen oder in schräg schillernden Harmonien, flatternde Solokommentare von Klavier (Pierre-Laurent Aimard), Flöte, Klarinette und allerlei Schlagzeug, Kantilenen des Cellos: Das alles mündet zuletzt in verzücktes, gleißendes E-Dur. Nobler, geschmeidiger und klarer als mit Chor und Symphonieorchester des BR unter Nagano ist das schwer vorstellbar und erntete entsprechend großen Jubel.

„Transfiguration“ lautet überhaupt das Motto der Ouverture, und ihr Eröffnungsabend bildete zugleich den Auftakt von „Zeit mit Grisey“: Diese Reihe bringt Musik von und rund um Gérard Grisey, den 1998 verstorbenen Gründer der französischen Spektralisten, die sich unter den Schülern Messiaens formiert haben und wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Akustik neue Kompositionsmethoden sowie eine neue Sinnlichkeit des Klangs abgewinnen konnten.

 

Der Monteverdi Choir widmet sich zum 450. Geburtstag seinem Namenspatron.
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Der Monteverdi Choir widmet sich zum 450. Geburtstag seinem Namenspatron.
Der Monteverdi Choir widmet sich zum 450. Geburtstag seinem Namenspatron. – (c) Massimo Giannelli

Jedermann

Die Inszenierung eines Publikumslieblings

Lange durfte das Spiel vom Sterben des reichen Mannes historisierend bleiben. Jedermann: Ein Abriss.

Es ist ja interessant, dass sich nicht so wenige Menschen alljährlich Hofmannsthals „Jedermann“ anschauen. Obwohl sich diese gewisse weihevolle Stimmung eigentlich nur beim ersten Mal einstellt: „Führwahr mag länger das nit ertragen/Dass alle Kreatur gegen mich/Ihr Herz verhärtet böslich...“ Es war Ewald Balsers Stimme, die da auf dem Domplatz als Gottvater erklang. Das war in den 1980er Jahren, Balser (1898 -1978) war tot, doch noch bis 1994 lehrte sein rauer, rollender Burgtheater-Ton vom Band die Zuschauer das Fürchten. Abstrakt schien der Herr präsenter und erschreckender als in noch so überzeugender realer Gestalt.

Vom Denkmal zum Kunstwerk

Den „Jedermann“ in Max Reinhardts Regie traute man sich lange nicht angreifen, was durchaus auch geschäftliche Gründe hatte. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes macht Gewinn und finanziert andere Projekte, vor allem im Schauspiel. Und weil es bei den Festspielen sonst teilweise durchaus progressiv herging, durfte der „Jedermann“ lange historisierend bleiben: Auf Max Reinhardt folgten ehrwürdige Restauratoren. Dann war irgendwie doch recht plötzlich Schluss mit der Denkmalpflege.

Peter Stein wollte Peter Handke zum Neuschreiben des „Jedermann“ animieren, der sah sich das Spektakel an, war gerührt und lehnte dankend ab. So heißt es. Christian Stückl, ein etablierter Regisseur im modernen Theater, erarbeitete mit Gespür eine Neuinszenierung, die traditionsbewusste und modern gesinnte Besucher gleichermaßen erfreute, speziell der Heuwagen, dem die Buhlschaft (Veronica Ferres) entstieg.

Veronica Ferres als Buhlschaft.
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Veronica Ferres als Buhlschaft.
Veronica Ferres als Buhlschaft. – (c) APA

Sven-Eric Bechtolfs Befreiungsschlag

Zwischendurch versuchte Martin Kusej durchaus mit Erfolg, das Spektakel aufzupolieren, doch letztlich kehrte man zu Stückl und seiner Gratwanderung zurück. Stückls „Jedermann“-Inszenierung wurde von 2002 bis 2004 und von 2007 bis 2012 gespielt. Einen ernsthaften Neustart mit Fortüne wagte 2013 Sven-Eric Bechtolf: „Jedermann“ wurde zum großen, allerdings etwas kühlen Schauspiel und Schauspielertheater. Diesem beachtlichen Wurf war aber nur eine Laufzeit von vier Jahren beschert.

Aktuell: Michael Sturminger

Neue Ausstattung, neue Besetzung: Der neue Regisseur Michael Sturminger hat sich für einen zeitgenössischen "Jedermann" entschieden. Für ihn ist es "erstaunlich, dass es eine zeitgenössische Inszenierung des "Jedermann" bisher nicht gab.

Und wie wurde das am Freitag umgesetzt? "Eine ziemlich durchwachsene Aufführung" urteilt Norbert Mayer, "leicht modernisiert und recht modisch." Sturmingers Aktualisierungen seien nicht schlüssig. Und: Gags würden in dieser Revue, die kompromisslos auf den Protagonisten Tobias Moretti zugeschnitten sei, kein Ganzes ergeben.

 

Tobias Moretti

Moretti ist der "Jedermann" bestens bekannt, da er bereits den Guten Gesellen und den Teufel auf dem Domplatz gespielt hat. Mit ikonischen Figuren hat Moretti Erfahrung. Der Tiroler, 1959 in Gries am Brenner geboren, war bereits als Ermittler in „Kommissar Rex“ Kult. Bei den Salzburger Festspielen und im Burgtheater spielte er in Martin Kušejs Inszenierung von Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“, den Ottokar. In Film und Fernsehen war Moretti etwa als Andreas Hofer, Luis Trenker, zweimal als Adolf Hitler, Erzherzog Johann oder Ferdinand Marian (Hauptdarsteller im NS-Propagandafilm „Jud Süß“) zu sehen; Oskar Röhlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ kam 2010 bei den Filmfestspielen in Berlin heraus. Moretti spielte aber auch in Komödien („Der Vampir auf der Couch“ oder „11/2 Ritter“ von und mit Til Schweiger).

Moretti hat nicht nur das Gespür für die richtigen Rollen, er ist auch selbst Mitgestalter oder Gestalter. In Bregenz inszenierte er Mozarts „Don Giovanni“, in Zürich „La finta giardiniera“ (Nikolaus Harnoncourt dirigierte).

In Salzburg wird er heuer übrigens gemeinsam mit seinem Bruder sein, Gregor Bloéb spielt den Erpresser Streckmann in Hauptmanns „Rose Bernd“.

Tobias Moretti
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Tobias Moretti
Tobias Moretti – APA/BARBARA GINDL

 

Stefanie Reinsperger,

Stefanie Reinsperger, Schauspielerin des Wiener Volkstheaters, wird für ihre Unerschrockenheit und Ursprünglichkeit geschätzt. Sie schloss 2011 ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar ab und wurde dann sofort am Schauspielhaus Düsseldorf verpflichtet. Drei Jahre später wurde sie am Burgtheater engagiert, dann wechselte sie ans Volkstheater. Mit einer Reihe radikaler und anarchistischer Rollendarstellungen machte sie von sich reden.

 

SALZBURGER FESTSPIELE 2017: FOTOPROBE 'JEDERMANN'
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SALZBURGER FESTSPIELE 2017: FOTOPROBE 'JEDERMANN'
APA/BARBARA GINDL

 

Hanno Koffler

Hanno Koffler spielt heuer den Teufel und den guten Gesell. Der 37jährige Berliner hatte zunächst mit seinem Bruder die Band Kerosin, in der er Schlagzeug spielte. Koffler war oft im Fernsehen und in Filmrollen zu sehen, darunter in „Tatort“, in der Komödie „Unter Strom“ oder in „Toter Winkel“ (über rechtsextremen Terror und Migration). Koffler hat das Wiener Reinhardt-Seminar absolviert. Mit Erni Mangold spielte er im Theater Nestroyhof Hamakom in „Tanzcafé Treblinka“ von Werner Kofler.

Hanno Koffler
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Hanno Koffler
Hanno Koffler – APA/BARBARA GINDL

 

Mavie Hörbiger

Mavie Hörbiger spielt heuer die (guten) Werke. Die 1979 in München geborene Künstlerin ist eine Enkelin von Paul Hörbiger und seit 2011/12 am Burgtheater engagiert. Dort war sie u. a. in Nestroys „Lumpazivagabundus“ zu sehen, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, die Matthias Hartmann inszenierte. Ferner spielte Hörbiger in Tolstojs „Die Macht der Finsternis“ oder in „Antigone“. Sie hat viele Filme gedreht, darunter die Komödie „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“, „Axolotl Overkill“ nach dem Roman von Helene Hegemann oder „Spuren des Bösen“ von Heino Ferch. Mavie Hörbigers Lebenspartner ist der Burgschauspieler Michael Maertens, das Paar hat zwei Kinder.

 

Mavie Hörbiger
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Mavie Hörbiger
Mavie Hörbiger – APA/BARBARA GINDL

Edith Clever

Edith Clever spielt heuer Jedermanns Mutter. Wichtige künstlerische Partner der 1940 in Wuppertal geborenen Schauspielerin und Regisseurin waren Peter Stein und Hans-Jürgen Syberberg. In Paris spielte Clever alle Rollen in Kleists „Penthesilea“, einer fünfstündigen Performance, auch sonst ist sie eine Spezialistin für Monologe (Molly Bloom, Joyce, Syberberg). Mit Stein drehte sie den Film „Sommergäste“ (nach Maxim Gorkis Stück) und sie spielte die Kleopatra in seiner Inszenierung von Shakespeares „Antonius und Kleopatra“. Ferner war sie als Olga sie in Steins Inszenierung der „Drei Schwestern“ von Tschechow zu erleben.

 

Edith Clever
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Edith Clever
Edith Clever – imago/Manfred Siebinger

Opern

Opern: Schöne Klänge und menschliche Abgründe

Von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ bis Verdis "I due Foscari".

Fünf neue Operninszenierungen hat Neo-Intendant Markus Hinterhäuser bei seinen ersten Salzburger Festspielen im Talon. Aus dieser Perspektive den Höhepunkt bildet das Rollendebüt von Salzburg-Liebling Anna Netrebko als "Aida" unter Riccardo Muti. Aber auch die vier weiteren Musiktheaterpremieren bringen klingende Namen an die Salzach. Eine Auswahl:

Schicksalsoper: Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“

Bereits am 2. August steht Andreas Kriegenburgs Deutung von Dmitri Schostakowitsch "Lady Macbeth von Mzensk" am Plan, wobei hier die große Wagner-Sopranistin Nina Stemme ihr Rollendebüt in der Titelpartie geben wird. Im Graben führen wie bei den drei anderen genannten Produktionen die Wiener Philharmoniker das Regiment, dieses Mal unter Leitung von Mariss Jansons.

Die "Presse" sprach mit Mariss Jansons über seine persönlichen Erinnerungen an Dmitri Schostakowitsch: "Er hat nie viel gesprochen, und nie hätte er sich jemandem aufgedrängt. Wenn er geredet hat, dann war es immer sehr schnell. Nach dem, was wir heute lesen können, war er in seiner Jugend anders, aber später war er sehr
introvertiert." Aber auch über Schwierigkeiten, die sich bei der Ausführung ergeben.

Frauenpower für „Aida“

Verdis "Aida": Premiere am 6. August.

Die in New York lebende Fotografin, Film- und Video-Regisseurin und bildende Künstlerin Shirin Neshat wird heuer - für viele überraschend - die "Aida" in Szene setzen. "Als mich Markus Hinterhäuser anrief und fragte, ob ich diese Aufgabe übernehmen wolle, dachte ich, der ist ja verrückt. Aber jetzt bewundere ich den Mut und bedanke mich für das Vertrauen."

Shirin Neshat geht es, seit sie Künstlerin ist, um die Rolle der Frau, speziell um die Rolle der Frau in autoritären Staaten des Islam. "Und da sehe ich enorme Parallelen zwischen der Figur der 'Aida' und meinem eigenen Leben. Beide leben wir im Exil und sind beseelt von Schmerz, Hoffnung, Heimweh und dem Wissen um die Aussichtslosigkeit. Ja, ich identifiziere mich mit der 'Aida'".

Shirin Neshat
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Shirin Neshat
Shirin Neshat – (c) Salzburger Festspiele / Anne Zeuner

Die aktuelle Salzburger "Aida" soll definitiv nicht dem Krieg huldigen, obwohl vieles an dieser Oper ja darauf hindeutet. "Verdi und sein Librettist mussten und wollten unterhalten und haben eine europäische Vorstellung des Orients entwickelt. Aber authentisch ist an dieser Tragödie nichts", sagte die Regisseurin. "Ich halte vor allem den Triumphmarsch für extrem problematisch. Daher habe ich Tänzer eingebaut - statt des Balletts - die eine zusätzliche Ebene darstellen und die andere Seite des Krieges verdeutlichen sollen. Diesem Zweck dienen auch die in die Inszenierung eingebauten Videos, in denen ich syrische Flüchtlinge und österreichische Passanten einander gegenüberstelle. Ich interpretiere Verdi so, dass man am Ende nicht eindeutig sagen kann, wer sind die Bösen und wer sind die Guten. Ein bisschen etwas von beidem ist schließlich in uns allen."

Currentzis und Salzburg: Wie geht das zusammen?

Wenn am 27. Juli Mozarts "La clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen Premiere hat, wird man diese Oper in einer neuen Version hören. Regisseur Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis wollen die spirituellen Seiten von Mozarts Spätwerk stark herausarbeiten.

Currentzis und Salzburg: wie geht das zusammen? Schließlich gilt er als der Marilyn Manson unter den Maestri. „Wenn ich darum gebeten werde, habe ich die Verpflichtung, unsere Ideen auch mit einem anderen, einem größeren Publikum zu teilen . . .“ sagt der für seine 45 Jahre extrem jugendlich wirkende Currentzis der "Presse".

Wie legen er und Regisseur Sellars Mozarts „Clemenza“ in Salzburg an? „Unser Ziel ist es, die spirituelle und nicht die illustrative Seite des Dramas zu zeigen“, sagt Currentzis: „Deswegen werden wir auch Teile seiner Messen einfügen. Denn wenn Sie anfangen, das Werk zu studieren, merken Sie gleich, dass Mozart sagt: Ich kann nicht mehr eine Oper wie ,Don Giovanni‘ schreiben. Ich habe nicht mehr die Zeit, die Kraft und die Inspiration, um etwas von dieser Qualität zu komponieren. Aber die Musik ist sehr autobiografisch. Man fühlt ununterbrochen: Das sind seine letzten Seiten, das ist sein letztes Jahr, das ist sein allerletztes Jahr. Und er weiß, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Und ohne dass er es eigentlich will, spricht er über die wichtigsten Dinge des Lebens. Nicht einmal in ,Don Giovanni‘ spricht er über diese Dinge. Hier aber schon, und sie sind wahnsinnig aktuell.“

Currentzis wird in Salzburg auch noch das Requiem dirigieren. Welche Version hat er gewählt? „Das wird Sie jetzt vielleicht überraschen: die Süßmayr'sche! Ich bin eben altmodisch“, antwortet Currentzis und lacht: „Ich habe schon alle Versionen des Requiems dirigiert, ich habe sogar neue Fassungen in Auftrag gegeben. Aber am Ende des Tages ist die Süßmayr'sche Vollendung doch die beste. Denn alles, was zur selben Zeit bei und um Mozart lebt, wird letztlich auf geheimnisvolle Weise zu und von Mozart. Und somit auch das Benedictus und das Lacrimosa.“


Konzertante Opern

Gaetano Donizetti: „Lucrezia Borgia“: Premiere am 27. August
Verdis "I due Foscari": 11. August

Zwei konzertante Produktionen der Salzburger Festspiele 2017 ermöglichen uns die Begegnung mit Werken, die im realen Bühnenleben kaum Chancen haben, gezeigt zu werden. Wiewohl es sich im Fall von Plácido Domingo und Verdis „I due Foscari“ um eine Nachlese handelt – der ehemalige Tenor hat in seiner Eigenschaft als Bariton den alten Foscari bereits mehrfach auch in szenischen Aufführungen gesungen, zuletzt in einer Inszenierung von Alvis Hermanis im Vorjahr an der Mailänder Scala unter Michele Mariotti, der nun das Mozarteumorchester Salzburg dirigieren wird.

Der alte Foscari bietet Domingo pittoreske Szenen der Klage, des herrscherlichen Auftrumpfens, der Selbstzweifel und ein Finale, das den einst strahlenden Dogen als gebrochenen Mann in den Tod gehen lässt: Er musste seinen Sohn wider Willen – und, wie sich zu spät herausstellt, ungerechterweise verurteilen, muss zuletzt auch Ämter und Würden zurücklegen und stirbt, während die Glocken zu Ehren seines Nachfolgers läuten. Trotz solch starker Szenen spricht manches dafür, Verdis 1844 komponierte Partitur konzertant zu präsentieren, denn die Hürden für einen Regisseur sind hoch: So beginnt das Werk mit fünf solistischen Szenen, ehe es zum ersten Mal zu einem veritablen Dialog kommt. Die einzelnen Charakterbilder sind freilich von eminenter Schärfe: Nicht zuletzt für die Primadonna findet Verdi intensive Melodiebögen, die sich zu flehentlichen Gebeten oder auch zu rachsüchtig wütenden Beschwörungen des Jüngsten Gerichts steigern.

Juan Diego Florez, 2015
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Juan Diego Florez, 2015
Juan Diego Florez, 2015 – (c) Rolex/Hugo Glendinning

Geistesblitze. Überdies wirft Verdi hier in manchen Passagen die alten Belcanto-Konventionen über Bord. Vor allem im Mittelakt verschmelzen die Formelemente zu beinah durchkomponierten Strukturen. Gerade angesichts der „Foscari“ schrieb Gaetano Donizetti an einen Freund, in dieser Oper seien doch einige echte Geistesblitze verborgen: „Neid liegt mir fern: Er ist der Mann, der Karriere machen wird, du wirst sehen . . .“
Dass Donizetti die aus dramaturgischer Wahrhaftigkeit geborenen Veränderungen des strikten formalen Schemas einer Belcanto-Oper als zukunftsweisend erkannt hat, nimmt nicht Wunder, wenn man bedenkt, dass sich der Meister selbst in manchen seiner Schöpfungen aus demselben Grund über die traditionellen Schemata hinweggesetzt hat. Nicht zuletzt in „Lucrezia Borgia“, jenem Melodram, das heuer als zweites zu konzertanten Festspiel-Ehren kommt.

Niemand Geringerer als Krassimira Stoyanova stellt sich als Titelheldin in diesem Werk vor, eine Künstlerin, die zuletzt vielschichtige Richard-Strauss-Figuren zu neuem Leben erweckt hat und nun beweist, dass man im schwereren deutschen Fach die nötige Leichtigkeit und Gewandtheit für den Belcanto nicht verlieren muss.

Verschwörungen, Verstrickungen. „Lucrezia Borgia“ kam 1833 an der Mailänder Scala heraus. Die Oper basiert auf einem im selben Jahr uraufgeführten Drama von Victor Hugo und handelt von der nicht eben zimperlichen Lucrezia Borgia, die zärtlicher Gefühle im Angesicht des jungen Gennaro fähig ist – der, wie sie bald erkennen muss, ihr eigener Sohn ist. Am Ende der wilden Verschwörungen und Verstrickungen, während derer Lucrezia keine Scheu hat, eine ganze Freundesgesellschaft ihres Sohnes aus Rachsucht zu vergiften, stirbt Gennaro in den Armen seiner Mutter. Anders als in Hugos Drama bleibt die Primadonna in der Oper freilich am Leben. Im Original ersticht Gennaro Lucrezia, die erst sterbend bekennt, seine Mutter zu sein. Wobei Hugo selbst Jahre nach Donizettis Tod eine neue Version des Finales publiziert hat, in dem der Dialog zwischen Mutter und Sohn deutlich subtiler entwickelt ist und Lucrezia zuletzt versichert, dass die Freude des Wiedererkennens den Schmerz überwiegt. Wieweit diese versöhnlichen Töne der Erfahrung dem Melodram Donizettis zu verdanken sind, bleibt ungewiss. Hugo hat sich gegen die Pariser Produktion der Oper vehement gewehrt und ist sogar gerichtlich dagegen vorgegangen – woraufhin das Theatre des Italiens Donizettis Stück nicht abgesetzt, sondern nur kurzerhand in die Türkei verpflanzt und einen neuen Titel gewählt hat: „La rinegata“.

Krassimira Stoyanova, die Titelheldin in Donizettis „Lucrezia Borgia“.
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Krassimira Stoyanova, die Titelheldin in Donizettis „Lucrezia Borgia“.
Krassimira Stoyanova, die Titelheldin in Donizettis „Lucrezia Borgia“. – (c) Brescia e Amisano/Teatro alla Scala

Fortschrittlich. In Salzburg spielt man „Lucrezia Borgia“ am 27. und 30. August. An der Seite der Stoyanova gibt Juan Diego Flórez den Gennaro, der zweimal vergifteten Wein – „le vin de Borgia“, wie es bei Hugo so schön heißt – zu trinken bekommt; wobei beim zweiten Mal das von der Mutter gereichte Gegengift zu spät kommt. Ildar Abdrazakov ist der Herzog Alfons, Lucrezias Ehemann, der, weil er Gennaro für einen Nebenbuhler hält, aus Eifersucht die Intrige ins Rollen bringt. Alfons zuliebe bedient sich Donizetti in diesem, einem seiner formal fortschrittlichsten Dramen, noch einmal der ungeschminkten Belcanto-Dramaturgie und schenkt ihm eine klassische Arie samt Cabaletta. Sie nimmt jene Stelle ein, an der bei Hugo ein für den Charakter der Titelheldin bezeichnender Dialog die Rücksichtslosigkeit der Lucrezia decouvriert.

Schematisches Vorgehen vermeidet der Komponist – durchaus schon Verdis Realismus vorwegnehmend – in dieser Partitur über weite Strecken. So wurde die Cabaletta nach der Auftrittsromanze der Titelheldin (Donizettis Sopranistinnen haben sie gewiss dringlich eingefordert) erst nach der Uraufführung nachgeliefert!

Man darf gespannt sein, welche Variante für die Salzburger Aufführung gewählt wird. Es gibt ja in der Partitur sogar Passagen, in denen die Notation in die Irre führt. So steht eine Fermate über dem Anfangschor des zweiten Aufzugs, an den realistischerweise die folgende Szene sofort anschließen müsste. Wer die Buchstaben des Partiturgesetzes befolgt, geht hier fehl. Das beweist eine entsprechende Notiz des Komponisten in einem Brief bezüglich einer Einstudierung der „Lucrezia“ in Rom: „Il duetto comincia subito dopo il coro“ (Das Duett beginnt sofort nach dem Chor).

Feinsinnig. Dahinter steckt ein Denken in großen Bögen, das wenig später bei Verdi zur Sprengung jeglicher formaler Schablone führen wird. Donizetti erweist sich in seinen großen Dramen als Wegbereiter. Architektonisch feinsinnig scheint die formale Rundung der Dramaturgie durch eine Parallelaktion in den beiden Szenen von Gennaro und Lucrezia: Anlässlich der Erstbegegnung im Prolog folgt auf die jeweiligen lyrischen Ergüsse der beiden eine gemeinsame, expressive Cabaletta.

Das Finale kennt in seiner endgültigen Lesart zwei lyrische Soli und die virtuose Schlussszene der Lucrezia; auch das eine spätere Korrektur gegenüber der ursprünglichen, kürzeren Variante. Melomanen und musikalische Philologen dürfen daher gleichermaßen gespannt sein, welche „Lucrezia“ bei den Festspielen zu hören sein wird.

Theater

Regisseure, Stücke, Schauspieler: Theater bei den Festspielen

Simon Stone, Athina Rachel Tsangari, Karin Henkel, Gregor Bloéb.

„Ich bin Filmautorin – und Regisseurin“, sagt die Griechin Athina Rachel Tsangari, die heuer im Schauspiel der Salzburger Festspiele Frank Wedekinds „Lulu“ auf der Perner Insel in Hallein herausbringen wird – mit drei Lulu-Darstellerinnen. Die Aufführung ist ihre erste Regiearbeit am Theater. „Mich faszinieren die unterschiedlichen Facetten der Lulu als einer archetypischen Frauengestalt. Sie als Femme fatale oder einfach als Opfer eines Mörders zu zeigen, interessiert mich nicht“, erklärt Tsangari, die 1966 in Athen geboren wurde. Lulu ist für Tsangari „eine Zerstörerin, aber sie zerstört allmählich auch sich selbst. Vielleicht existiert Lulu gar nicht. Vielleicht ist sie nur die Projektion eines kollektiven Begehrens. Alle Frauen und Männer, die sie attraktiv finden, fühlen sich von ihr angezogen, solang sie sie nicht besitzen – doch sobald sie sie besitzen, ist es fast so, als hätte sie keine Substanz mehr.“

Tsangaris Lieblingsrolle im Stück ist allerdings die lesbische Gräfin Geschwitz, die Lulu bis zur Selbstvernichtung verfolgt: „Geschwitz berührt mich sehr, weil sie versucht, alles an Liebe aufzubieten, dessen sie fähig ist – in dieser von Wedekind entworfenen ziemlich kalten Welt, in der wir im Grunde über keine der handelnden Personen wirklich Bescheid wissen. Die Figuren lassen sich treiben und mir gefällt das. Sie sind Nomaden. Es gibt da eine zwielichtige Grenze zwischen Moral und Immoralität. Und genau genommen ist keine der Figuren sehr sympathisch. Die Geschwitz aber liebt Lulu tatsächlich. Sie möchte sie retten.“

Und die Geschwitz sei auch, so Tsangari, der perfekte Mittelpunkt des Stückes: „Sie ist androgyn. Das Androgyne in uns ist ein wichtiges Thema von ,Lulu‘“, so Tsangari, und „der Gegenstand der Forschung in meiner gesamten Arbeit. Ich möchte das Weibliche im Mann und das Männliche in der Frau finden und untersuchen, wie diese Anteile sich ständig rückkoppeln und wieder in sich selbst münden. Unser Ansatz wird also nicht sein: Du bist der Mann und du die Frau, sondern: Wie kommt es, dass wir zu Androgynen werden – oder in gewisser Weise zu Cyborgs, also Mischwesen aus Maschine und Mensch, aus dem Selbst und seinen Reflexionen, aus Mann und Frau. Lasst uns sehen, wo das hinführt.“

Wie viele heutige jüngere Künstler hat Tsangari sich mit vielen verschiedenen Disziplinen beschäftigt und viele verschiedene Interessen, Verhaltensforschung, Philosophie.

Weltbürger inszeniert „Lear“

Der 32-jährige Simon Stone, in Basel geboren, ist ein lässiger Weltbürger, der viel unterwegs ist. Dieses Jahr inszeniert inszeniert er bei den Salzburger Festspielen Simon Stone Aribert Reimanns „Lear“, unter anderem mit dem kanadischen Opernsänger Gerald Finley oder dem Burgschauspieler Michael Maertens. Dirigieren wird Franz Welser-Möst.

Simon Stone inszeniert Reimanns „Lear“ in der Felsenreitschule (Dirigent: Welser-Möst).
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Simon Stone inszeniert Reimanns „Lear“ in der Felsenreitschule (Dirigent: Welser-Möst).
Simon Stone inszeniert Reimanns „Lear“ in der Felsenreitschule (Dirigent: Welser-Möst). – (c) Salzburger Festspiele/Sandra Then

Stone begann als Schauspieler, machte Furore mit Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Sein Filmdebüt als Regisseur von „The Daughter“ nach Ibsens „Wildente“ wurde beim Toronto International Film Festival gezeigt.

Seinem Publikum bringt Stone gern Basics des Theaters bei: Er animiert Zuschauer zum Kichern, indem er vorführt, wie unterschiedlich man es gestalten kann, wenn zwei sich treffen, einer am Boden liegt oder wie die so wichtige Beleuchtung im Theater funktioniert: volles Licht oder nur die Unterlippe des Schauspielers? Comedy in der Comedy. „Unsere biologischen Träume sind immer dieselben und sie werden immer dieselben sein“, erklärte Stone im Interview mit der „Financial Times“: „Wir sind immer noch Tiere. Aber heutzutage ist es ein größerer Schock als früher, das zu erkennen und sich damit abzufinden.“

Radikale Emotionalität: Lina Beckmann in in „Rose Bernd“

Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd": Premiere am 29. Juli.

Karin Henkel inszeniert Hauptmanns „Rose Bernd“: „Diese Geschichte funktioniert wie ein Krimi über eine Welt ohne Liebe, ohne Mitleid. Religion wird als moralische Drohung verwendet. Die Enge des religiösen und gesellschaftlichen Korsetts könnte erschreckenderweise ein albtraumhaftes Bild unserer Zukunft sein. Im Moment leben wir noch in einer frei denkenden Gesellschaft, aber sie scheint ins Wanken zu geraten, wieder reaktionärer zu werden.“ Über 60 Stücke hat Henkel inszeniert, auch am Burgtheater. Nun freut sie sich, ihre „langjährige freundschaftliche Arbeitsbeziehung“ mit Bettina Hering in Salzburg fortzusetzen, wo „besonders inspirierende Vibra-tions“ in der Luft liegen. Für die Hauptrolle in „Rose Bernd“ wurde Lina Beckmann gewonnen. Mehrere Aufführungen, in denen sie spielte, wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen: „Ich kenne keine Schauspielerin mit einer solchen Bandbreite“, sagt Henkel, „und sie spielt immer mit einer unglaublich radikalen Emotionalität.“

Noch keine Erfahrungen mit Hauptmann hat Gregor Bloéb, der den Streckmann spielen wird. Wie sieht er das Stück? „‚Ein Klassiker bedeutet zeitlos zu sein. ,Rose Bernd‘ ist sogar in einer fast ausgestorbenen Sprache geschrieben. Und doch berühren diese Figuren, die aufeinander losgelassen werden. Wir sehen eine Gesellschaft, die in einem strengen Regelwerk lebt, was dazu führt, dass sich die Menschen krass und schrecklich benehmen.“ Gibt es eine Lehre? „Das ist für mich schwierig, ich hoffe, dass die Aufführung zeigt, was aus Menschen wird, die in einem strengen Falsch oder Richtig leben.“ Vieles hat sich verändert seit Hauptmanns Zeiten im Verhältnis von Frauen und Männern. Wie erlebt Bloéb dies? Er ist verheiratet mit Kollegin Nina Proll und Vater von vier Kindern. Seine Karriere hat er in den vergangenen Jahren stark forciert. Bloéb lacht: „Der Erfolg hat einzig und allein mit Nina zu tun. Ich bin kein Alleinverdiener mehr und habe damit die wunderbare Möglichkeit, nur mehr das anzunehmen, was mich wirklich interessiert.“

Sind Männer gewalttätiger als Frauen? „Die Gewalt ist bei ihnen sichtbarer“, meint Bloéb: „Aber ich sehe Rose Bernd nicht nur als armes Hascherl, schließlich tötet sie ein Kind, und außerdem: Wer erzieht denn die Männer? Gesellschaftliche und moralische Regeln gelten für beide Geschlechter.“ Die Rolle nennt Bloéb „eine Lebensaufgabe, wie ich sie liebe. Ich spüre Abenteuerlust.“ Und er freut sich auf Tobias Moretti, heuer erstmals der Domplatz-Jedermann: „Es ist immer schön für mich, Zeit mit meinen Brüdern zu verbringen“, betont Bloéb.

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(c) Guenther Egger


Kunst

Als die Bilder lernten, über Schicksale zu singen

Shirin Neshat und William Kentridge erneuern diesen Sommer bei den Salzburger Festspielen die lange Tradition der Verschmelzung der Kunstformen.

Durchaus politisch versteht sich die persische Künstlerin Shirin Neshat, die Salzburgs neuer Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser als Regisseurin und Ausstatterin für Verdis „Aida“ gewählt hat. Hinterhäuser musste dabei Rücksicht auf den Dirigenten Riccardo Muti nehmen, der als wählerisch gilt, was die szenische Seite der von ihm einstudierten Produktionen gilt. Salzburg hat er im Streit mit einem Regie-Team schon einmal vor einer Mozart-Premiere verlassen . . .

Doch Muti war von der Begegnung mit Shirin Neshats Kunst begeistert und fand starke Bezüge zur Handlung von Verdis ägyptischer Oper. Die in New York lebende Neshat hat bereits in den frühen Neunzigerjahren in einem Foto-Zyklus das Verhältnis zwischen dem islamischen Fundamentalismus und den Frauen hinterfragt. Als Regisseurin betätigte sie sich vor allem hinter den Kameras. 2006 drehte sie ihren ersten Spielfilm, „Women Without Men“, der bei den Festspielen von Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde. Mit dem Land am Nil hat Neshats jüngster Film zu tun, das vor Kurzem fertig gedrehte Porträt der ägyptischen Sängerin Umm Kulthum.

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(c) Salzburger Festspiele


Die „armen Leut'“. Premiere von „Aida“ mit Anna Netrebko in der Titelpartie ist am 6. August im Großen Festspielhaus. Zwei Tage später folgt im kleinen Haus Alban Bergs „Wozzeck“, dirigiert von Vladimir Jurowski, inszeniert und ausgestattet von William Kentridge, mit dem den Intendanten schon eine längere künstlerische Beziehung verbindet. Gemeinsam mit Matthias Goerne präsentierten Hinterhäuser als Pianist und Kentridge als Gestalter einer Video-Installation eine illustrierte Version von Franz Schuberts „Winterreise“ bei den Wiener Festwochen 2014. Goerne ist in der Neuinszenierung des „Wozzeck“ nun der Titelheld.

Auch Kentridges Arbeit versteht sich als hoch politisch – groß geworden in Südafrika in der Zeit der strikten Apartheid, thematisiert der Künstler sozialpolitische Anliegen in unterschiedlichsten Facetten – was für die Beschäftigung mit dem „Wozzeck“, dem tragischen Hohelied der „armen Leut'“, einen guten künstlerischen Nährboden abgeben könnte. William Kentridge hat bereits mehrfach mit dem Musiktheater zu tun gehabt. Schon in den Neunzigerjahren inszenierte er Mozarts „Zauberflöte“, eine Produktion, die in Brüssel, Aix und Mailand gezeigt wurde. An der New Yorker Met kam Bergs „Lulu“ in seiner Ausstattung heraus, sowie in Koproduktion mit Lyon Schostakowitschs bitterböse Gogol-Satire „Die Nase“.

Parallel zur Salzburger Präsenz des Künstlers zeigt das Museum am Mönchsberg eine Werkschau, „Thick Time. Installationen und Inszenierungen“, die am 29. Juli eröffnet wird und bis 5. November zu besichtigen sein wird.

Für die Salzburger Festspiele bedeutet die konsequente Einbindung Bildender Künstler in die theatralischen Produktionen eine Wiederaufnahme historischer Gepflogenheiten. Schon Festspiel-Gründer Max Reinhardt setzte auf die Mitarbeit des Architekten Clemens Holzmeister, der über die Jahrzehnte hin nicht nur für den Bau beider Festspielhäuser herangezogen wurde, sondern auch für die Ausstattung der ersten im heutigen „Haus für Mozart“, dem alten Festspielhaus, gezeigten Opern-Inszenierung, „Fidelio“, im Jahr 1927. Legendär ist Holzmeisters „Faust“-Stadt für Reinhardts Goethe-Projekt in der Felsenreitschule.

Dort hatte 1955 unter Georg Soltis Leitung auch Mozarts „Zauberflöte“ in einer prächtigen Ausstattung von Oskar Kokoschka Premiere. Fritz Wotruba folgte 1965 mit der Ausstattung für die sophokleische „Oedipus“-Trilogie, Eduardo Arroyo stattete 1992 Janáčeks „Totenhaus“ aus, Robert Longo 1993 Mozarts „Lucio Silla“ und Jörg Immendorf 1994 Strawinskys „Rake's Progress“. 2006 entwarf Karel Appel die Bühnenbilder für Mozarts „Zauberflöte“. Mit Rebecca Horn übernahm 2008 bei Sciarrinos „Luci mie traditrici“ erstmals eine Bildende Künstlerin auch die Regie-Agenden.

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Musik, Theater und Kunst bei den Salzburger Festspielen

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