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"Die Soldaten": Der Marsch in den Abgrund

06.06.2012 | 16:22 |  Von Walter Weidringer (DiePresse.com)

Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ zählt zu den bedeutendsten und aufwendigsten Musiktheaterstücken des 20. Jahrhunderts.

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Der Außenseiter: Bernd Alois Zimmermann, der sich selbst einmal als „eine sehr rheinische Mischung aus Mönch und Dionysos“ charakterisiert hat, hat diese Rolle wie kaum ein anderer kultiviert – und ist schließlich doch an ihr zugrunde gegangen: Psychische und gesundheitliche Probleme ließen den lange Zeit schwer depressiven Zimmermann 1970 mit 52 Jahren den Freitod wählen. In der Avantgardehochburg Darmstadt sah er sich zwanzig Jahre zuvor zwischen Stockhausen, Nono, Boulez und Konsorten als den „Ältesten unter den jungen Komponisten“ – kein Wunder, gehörte er doch einer Generation an, die die Nazis bewusst erlebt hatte und noch zum Kriegsdienst eingezogen worden war, dem er durch eine chronische Krankheit entkommen konnte. Doch nicht nur altersmäßige, auch ästhetische Differenzen trennten ihn von der Speerspitze der Moderne: Er lehnte die „Verwechslung von Stil und Kunstmittel“ ab.

Er hielt sich mit Arrangements und Unterhaltungsmusik über Wasser, konnte 1950 etwa mit einem Violinkonzert nachdrücklich auf sich aufmerksam machen und fand 1957 bei einem Studienaufenthalt in Rom den lang gesuchten Opernstoff: in dem vom Autor als „Komödie“ bezeichneten bürgerlichen Trauerspiel „Die Soldaten“ des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Lenz. Darin macht ein Offizier einer Bürgerstochter den Hof, wendet sich aber von ihr ab, worauf sie als Hure gebrandmarkt wird. „Nicht das Zeitstück, das Klassendrama, nicht der soziale Aspekt, auch nicht die Kritik an dem Soldatenstand (zeitlos vorgestern wie übermorgen) bildeten für mich den unmittelbaren Beziehungspunkt“, erklärte Zimmermann, „sondern der Umstand, wie alle Personen . . . unentrinnbar in eine Zwangssituation geraten, unschuldig mehr als schuldig, die zu Vergewaltigung, Mord und Selbstmord und letzten Endes in die Vernichtung des Bestehenden führt.“

Die Zahl und die extremen Schwierigkeiten der Gesangspartien, die riesige Orchesterbesetzung mit enormem Schlagzeugarsenal, die von einem einzigen Dirigenten kaum zu bewältigenden, komplexen Schichtungen selbstständiger, aber simultan ablaufender Szenen in der Partitur, die Tonbandzuspielungen (Marschtritte, Motoren u. a.), vor allem aber die damals unerhörte Zitat- und Collagetechnik der Komposition, die zwar von einer symmetrischen Allintervallreihe ausgeht, somit zwölftönig organisiert ist und barocke Formen verwendet, darüber hinaus aber quer durch alle Stile Gregorianik, Bach-Choral, Jazz kommentierend in die Gesamtanlage verstrickt – all das ließ die Oper Köln das Werk vorzeitig als „unspielbar“ ablehnen, wodurch Zimmermann in eine Krise stürzte.

Erst mit fünf Jahren Verspätung konnte die höchst erfolgreiche Uraufführung erfolgen – und die zukunftsweisende Qualität der „Soldaten“ wurde sofort erkannt. Das von Zimmermann geprägte, viel zitierte philosophische Schlagwort von der „Kugelgestalt der Zeit“ bildet dabei nicht nur die Realität der Partitur, sondern auch unserer klingenden Umwelt ab: Die Musik der Vergangenheit umgibt uns ebenso wie die der Gegenwart – und die Verknüpfung der in alle Richtungen weisenden Fäden kann die tiefsten Sinneseindrücke schaffen. Das macht das enorme emotionale Potenzial der „Soldaten“ aus. Alvis Hermanis inszeniert, es spielen die Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher. 

Termine
„Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann. Premiere in der Felsenreitschule am 20. 8. 2012, Vorstellungen: 22. 24., 26. und 28. 8. 2012.

 

(Kultur Spezial vom 26.05.2012)

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