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Young Directors: Weckruf der Avantgarde!

08.06.2012 | 13:25 |  Von Barbara Petsch (DiePresse.com)

Künstler aus Südafrika, Korea, Frankreich und Österreich mischen heuer das Young Directors Project kräftig auf.

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Sie sind bestens ausgebildet, fantasievoll, von postmoderner Zitierwut beseelt. Sie mischen Theater mit Tanz, Musik, bildender Kunst und den Erscheinungsformen des Pop. Und sie haben dramatische Power: Beim Young Directors Project (YDP) in Salzburg stellen sich junge Avantgardetheatermacher vor. „Ich wollte meine eigene Theatergruppe, weniger, um mich zu entwickeln, als mein eigenes Empire, mein Reich zu haben“, sagt etwa die Südafrikanerin Princess Zinzi Mhlongo, die mit ihrer Company Tick Tock Productions u. a. Sarah Kanes „4.48 Psychosis“ herausgebracht hat. Mhlongos Krea-
tion „Trapped“ ist ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele und eine Uraufführung. Es geht darin um das, was die Südafrikaner nach der langen Zeit der Apartheid am meisten beschäftigt: Freiheit – und wie man damit umgeht.

„Es gibt so viel moderne Sklaverei, unabhängig von Rasse und Hauttfarbe, die wir gar nicht bemerken“, sagt Princess Zinzi Mhlongo. „Trapped“, „In der Falle“, führt Prototypen wie die Diva oder Mr. Personality vor, die mit den Ambivalenzen der Freiheit Bekanntschaft machen: Dass man alles tun kann, heißt noch lange nicht, dass man alles tun darf, aber auch nicht, dass man imstande ist, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Fühlt sich Zinzi Mhlongo, die heuer den „Standard Bank Young Artist“-Preis für Theater gewonnen hat, angesichts ihrer Erfolge wie in „Plötzlich Prinzessin“? „Ich war immer das Gegenteil einer Prinzessin“, lacht sie. „Ich war viel zu burschikos. Ich fühlte mich auch keineswegs wie das hübscheste Mädchen. Darum habe ich versucht, meine Persönlichkeit zu entwickeln, damit die Leute mich mögen.“

Vom Dänenprinzen bleibt der Totenkopf

Eines Katastrophenkindes der Literaturgeschichte nimmt sich die Österreicherin Cornelia Rainer an: Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) war ein Jugendfreund Goethes, der sich von ihm lossagte; Büchner widmete Lenz eine Novelle, Brecht verschärfte den „Hofmeister“ von Lenz  zur Parabel über das Zerschellen eines sensiblen Intellektuellen an einer verknöcherten Gesellschaft. Cornelia Rainer, die auch Musikerin ist, will nun ein vollständiges Bild des Sturm-und-Drang-Dichters zeichnen, indem sie ihn selbst, Büchner, aber auch Johann Friedrich Oberlin zu Wort kommen lässt. Der Pfarrer und Sozialpionier nahm Lenz auf, als dieser an Schizophrenie erkrankte.

Der Südkoreaner Bae Yo-Sup hat sich einen neuen „Hamlet Cantabile“ gedichtet: Darin findet ein Geisterseher auf einer einsamen Wanderung einen Schädel, und es ist nicht Yorick wie bei Shakespeare, sondern Hamlet selbst, ein Wiedergänger, der zum Narren wird, weil er sich nicht von der Welt lösen kann. In der komischen Tragödie spielen auch Puppen mit. Puppentheater ist heuer ein Schwerpunkt der Festspiele im ersten Jahr ihres neuen Schauspieldirektors, Sven-Eric Bechtolf. Puppen, Masken, Menschen, die wie Puppen agieren, sind im asiatischen Theater wichtig. Bae Yo-Sups Truppe Tuida bedient sich der festgelegten Bewegungsabläufe, die für chinesische oder japanische Bühnenkunst bedeutend sind und den Aufführungen den Charakter eines Rituals verleihen.

Schlittschuhe und Verführung

Wie die Persönlichkeit der Frau mittels Schönheit zum Verschwinden gebracht wird, beschäftigt den neueren Feminismus und auch die französisch-österreichische Choreografin Gisèle Vienne, die heuer mit zwei Kreationen beim YDP zu Gast ist: „Éternelle Idole“ und „This Is How You Will Disappear“. Bei ihrer Arbeit lässt sich Vienne u. a. von Eiskunstläufern und Hockeyspielern inspirieren. Es geht um die Schwelle von der Kindheit zum Erwachsensein und um Männerfantasien rund um den Geist einer ermordeten Lolita.

„Éternelle Idole“ und „This Is How You Will Disappear“ – das klingt fast wie ein Gedicht: Ewiges Idol, so wirst du verschwinden, lautet die freie Übersetzung. Vienne will ihr Publikum animieren, seine Leidenschaften kennenzulernen, sich mit Tod, Sex und Gewalt auseinanderzusetzen, die unter der schönen Oberfläche lauern. Viennes Kreationen wirken jedoch nicht offensiv brutal, eher bescheiden und eindringlich. Ihr Stil erinnert von fernher an die US-Choreografin Meg Stuart, die ihre Tänzer Menschen als „Damaged Goods“ darstellen lässt. Einen Ausschnitt der Performance „This Is How You Will Disappear“ kann man auf YouTube sehen, sieht aus wie ein alter Horrorfilm, und man denkt an Falcos skandalumwitterte „Jeanny“.

Termine
„Trapped“ 31. 7. 2012: Premiere im republic, Vorstellungen: 1.–3. 8. 2012
„Jakob Michael Reinhold Lenz“ 10. 8. 2012: Premiere im republic, Vorstellungen: 11.–13. 8. 2012
„Éternelle Idole & This Is How You Will Disappear“18. 8. 2012: Premiere in der Eisarena, im Volksgarten und im republic, Vorstellungen: 19., 21., 22. 8. 2012
„Hamlet Cantabile“27. 8. 2012: Premiere im republic, Vorstellungen: 28.–30. 8. 2012

(Kultur Spezial vom 26.05.2012)

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