Jemand steht auf einer Brücke und will springen. Sie werden gerufen. Was sagen Sie, um ihn davon abzuhalten?
Thomas Müller: Menschen, die entschieden haben, die letzte Entscheidung ihres Lebens zu treffen – nämlich nicht mehr leben zu wollen –, haben eine ganz bestimmte Kaskade durchlaufen. Diese Kaskade beginnt mit einer schlechten oder gänzlich abgebrochenen Form der Kommunikation. Tausche ich mich nicht mehr aus, beginnt die Phase der Angst, weil ich keine Informationen mehr habe. Dauert die Angst zu lange, beginnt die Phase der Aggression. Wenn jemand also auf einer Brücke steht und ankündigt, sich das Leben nehmen zu wollen, hat es wenig Sinn, ihm verkaufen zu wollen, dass morgen wieder ein schöner Tag werden wird. Weil er sagen würde: „Ja, für Sie vielleicht, aber nicht für mich.“ Daher habe ich irgendwann beschlossen, beim Ursprung der Kaskade anzusetzen und die Person aufzufordern, zum Stadium der Information zurückzukehren. Ich lege sogar noch eins drauf und sage, dass ich es wahrscheinlich gar nicht verhindern kann, dass er springt. Aber bevor er das macht, will ich, dass er mir die Gelegenheit gibt zu verstehen. Ich will wissen, was geschehen ist, dass es so weit kommen konnte. Mit dieser Methode habe ich keinen einzigen verloren.
Was antworten die Leute, wenn Sie sie fragen, wie es so weit kommen konnte?
Viele reagieren ungehalten und sagen: „Warum interessiert Sie das erst jetzt?“ Manche weinen bitterlich. Aus anderen wiederum sprudelt es wie ein Wasserfall, und sie erklären mir, warum sie in diese Situation gekommen sind. Das hat mir gezeigt, dass das Prinzip von destruktiven Verhaltensweisen – ob nun gegen sich oder gegen andere gerichtet – immer dasselbe ist. Bei Leuten etwa, die am Arbeitsplatz gemobbt wurden, kam es irgendwann zum Abbruch der Kommunikation. Das führte zu Angst und Angst zu Aggression.
Warum mobbt man seine Kollegen, warum bekämpft und bekriegt man sie, anstatt an einem gemeinsamen Strang zu ziehen?
Es hat etwas mit dem eigenen Narzissmus zu tun. Wir alle streben nun einmal eine Erweiterung von uns selbst an. Aber manche können das nicht. Und um denselben Effekt zu erzielen, unterdrücken sie alle anderen.
Wenn sich jemand nicht „erweitern“ kann, warum lässt er es nicht einfach bleiben? Sind diese Leute Opfer ihres Ehrgeizes?
Das hängt mit der Diversifizierung des eigenen Selbstwertgefühls zusammen. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir verlernt, unser Selbstwertgefühl aus unterschiedlichen Bereichen zu speisen. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass uns nur die Arbeit erhöht und wichtig macht. Oder nur die persönliche Interaktion – also Familie, Freunde und Sexualität. Und es wäre auch ein Irrtum zu glauben, dass nur die Entscheidungen, die ich zu meinem eigenen Wohl treffe, mir meinen Wert verleihen. Es ist die Summe aus diesen drei Dingen.
Sie sprechen die drei Säulen „Work“, „Interaction“ und „Ego“ an – die drei Pfeiler unseres psychischen Gleichgewichts.
Genau. Im Idealfall sollte jede Säule zu gleichen Teilen wichtig sein, aber das gibt es so gut wie nie. Das muss es auch nicht. Aber wenn jemand in eine Situation schlittert, in der er mehr als die Hälfte seines Selbstwertgefühls über eine der Säulen bezieht, muss er sich eingestehen, dass er nachjustieren sollte. Denn solange er sein Selbstwertgefühl über diese Säule bekommt, wird er keine Probleme haben. Aber was, wenn sie ihm wegbricht? Was, wenn ein fleißiger Mensch, der seine Arbeit liebt, plötzlich keine Möglichkeit mehr hat, sie zu verrichten. Wie reagiert er? Eine Möglichkeit – nicht die beste – ist zu sagen: „Es hat sich eine Katastrophe ereignet, aber ich werde mich nicht ändern, ihr werdet euch ändern. Denn ich bin nicht schuld an dieser Situation.“ Wenn Menschen in eine geradezu pathologische Opferrolle verfallen, bekommt man sie kaum noch aus dieser heraus. Das finden Sie etwa bei manchen Langzeitarbeitslosen, die nicht bereit sind zu akzeptieren, auch einen negativen Beitrag zu dieser Katastrophe geleistet zu haben.
Und das kann zu einem Auslöser von destruktivem Verhalten werden?
Ja. Es kann – die Betonung liegt auf kann – dazu führen, dass Menschen den Verlust ihres Selbstwertgefühls ausgleichen wollen. Beispielsweise indem sie ein Suchtverhalten entwickeln. Indem sie ständig einkaufen gehen, Alkohol trinken und Angst lösende Medikamente nehmen. Oder sie versuchen sich zu erhöhen, in dem sie sich kurzfristige Befriedigungen wie etwa Zweit- und Drittbeziehungen suchen. Mittel- und langfristig kann das aber selten bis nie funktionieren. Man kann in seinem Beruf extrem erfolgreich sein, sollte aber nicht die Zukunft darauf setzen, denn mit dem Erfolg kann es schnell wieder vorbei sein.
Woran kann ich erkennen, ob jemand die Kontrolle über sich verliert und Gefahr läuft, destruktives Verhalten an den Tag zu legen?
Zunächst einmal: Es wacht niemand in der Früh auf und sagt: „Heute ist ein schlechter Tag, heute mache ich einen Kollegen schlecht und bringe meinen Chef um.“ Es ist immer eine langsame, progrediente Entwicklung.
Die ich an welchen Signalen erkenne?
Als Erstes merken Sie, dass sich jemand dahingehend verändert, dass sich extrem positive und extrem negative Gefühlsausbrüche immer häufiger abwechseln und die Zeitabschnitte zwischen den emotionalen Ausschlägen nach oben und unten immer geringer werden. Wenn diese Ausschläge ganz stark sind, können Sie davon ausgehen, dass diese Person eine Themenstellung hat. Sie wissen aber noch nicht, welche. Die einfachste Art, es herauszufinden, ist das persönliche Gespräch, in dem Sie ihn fragen, ob er etwas braucht. Keine E-Mails, kein SMS, kein Posting in einem Internetforum. Am Beginn wird er vielleicht noch bereit sein zu reden und zu sagen, dass er Schwierigkeiten hat. Damit hat er es schon geteilt. Und geteiltes Leid ist halbe Freud.
Wenn man diese Phase übersieht oder ignoriert, wie geht es weiter?
Als Nächstes folgt eine Verhaltensänderung gegenüber der Institution. Diese Person spricht über ihre Firma einmal enorm positiv und einmal enorm negativ. Der dritte Schritt ist eine Verhaltensänderung gegenüber Personen. Er ist zu seinen Kollegen außergewöhnlich freundlich, im nächsten Moment unverhältnismäßig barsch. In der vierten Phase – da ist es meistens schon zu spät – werden die Kollegen schon auf ihn aufmerksam, weil er sein Innenleben nach außen kehrt und beginnt, sein Verhalten sich selbst gegenüber zu verändern. Seine Hygiene lässt nach, er kommt unrasiert zur Arbeit. Man fragt ihn, was er hat, und fordert ihn auf, sich zusammenzureißen. Aber man kann dieses Verhalten nicht ändern, indem man sagt, er soll es ändern. Man muss auf die Ursache eingehen. Und die Ursache ist immer die mangelnde Kommunikation und Isolierung von Menschen.
Egal, wann man diese Warnsignale erkennt, man soll auf jeden Fall auf die Person zugehen und das persönliche Gespräch suchen?
Natürlich, das persönliche Gespräch ist das wichtigste. Wir leben in einer Welt der extrem schnellen Kommunikation, E-Mails und SMS werden in Echtzeit verschickt. Viele machen den Fehler, die Geschwindigkeit der persönlichen, psychologischen Gesprächsform an die der technischen anpassen zu wollen. Das geht aber nicht. Ein sehr bekannter Chefredakteur in Österreich hat mir einmal gesagt, dass es ihm wehtue, was ich sage, aber er könne es bestätigen. Er sei einmal mit seinem Sohn, der Geburtstag hatte, Ski fahren gegangen und habe ständig seine E-Mails gecheckt. Irgendwann im Lift habe er seinen Sohn gefragt, was er sich denn zum Geburtstag wünsche. Seine Antwort: „Ich wünsche mir, dass du wenigstens an meinem Geburtstag dein Handy ausschaltest.“ Das hat ihn sehr getroffen.
Wie soll man eigentlich einem Kollegen begegnen, der wegen Burn-outs eine Zeit lang ausfällt und wieder ins Büro zurückkehrt?
Nehmen Sie sich die Zeit und sprechen ihn behutsam darauf an, ohne Druck aufzubauen. Sagen Sie, dass Sie Interesse an seinem Befinden haben, und fragen Sie ihn, wie seine Krankheit abgelaufen ist. Nichts zu sagen ist das Schlimmste überhaupt, weil es eine Form der Ausgrenzung ist. Eine der aggressivsten Formen der Kommunikation ist das Schweigen. Mit Schweigen signalisiert man jemandem, dass er einem nichts wert ist. Burn-out ist eines der treffendsten Wörter, die es gibt. Denn wenn man ausgebrannt ist, muss man irgendwann einmal gebrannt haben. Menschen, die sich nicht eingesetzt haben, die nicht fleißig und mit Eifer dabei sind, können kein Burn-out bekommen.
Herr Müller,darf man Sie auch fragen . . .
1 . . . ob Sie den perfekten Mord planen und durchführen könnten?
Nein, weil es den nicht gibt. Crime does not pay. Wenn Sie zwei Kriminalpsychologen, zwei Gerichtsmediziner und zwei Polizisten zusammentrommeln, dann vielleicht.
2 . . . ob Sie einen Lügner auf Anhieb durchschauen?
Nein, aber als Kriminalpsychologe achte ich auf gewisse Verhaltensmuster, die es mir einfacher machen, einen Lügner zu erkennen.
3 . . . ob Sie angesichts Ihrer Arbeit mit Gewaltverbrechern manchmal verzweifeln, sich zurückziehen und weinen?
Weinen und verzweifeln nicht, aber nach manchen Begegnungen habe ich schon sehr nachdenkliche Phasen.
zur Person:
1964 Geboren in Innsbruck.
1982 absolvierte Thomas Müller in der Bundespolizeidirektion die Grundausbildung zum Sicherheitswachebeamten. Nach seiner Dienstprüfung versah er mehrere Jahre seinen Dienst als uniformierter Polizist auf dem Innsbrucker Hauptbahnhof.
1991 beendete er an der Universität Innsbruck sein Psychologiestudium, 1993 begann er, im Innenministerium den kriminalpsychologischen Dienst aufzubauen. 2001 folgte die Promotion. In den Jahren danach absolvierte Müller unter anderem in den USA Spezialausbildungen im Bereich der Strafrechtspflege, Kriminologie und der Verbrechensanalyse. Seine beiden Bücher „Bestie Mensch“ (Ecowin, 2004) und „Gierige Bestie“ (Ecowin, 2006) wurden zu Bestsellern.
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