Schluss mit dem Gequengel!

07.12.2012 | 18:23 |  BIRGIT SCHMID (Die Presse)

In einer satten Gesellschaft ist der Feminismus zum Lifestyle-Phänomen geworden. Alle finden es chic, über die Benachteiligung von Frauen zu reden. Eine Polemik.

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Kürzlich las ich in einer Frauenzeitschrift einen Artikel über „neun Dinge, die uns stark machen“. Die Zeitschrift hieß schlicht „Elle“. Sie. Schon das kam mir in diesem Moment rein und unprätentiös vor. Erstens, war da zu lesen, ein Pfeiler unseres Glücks ist Liebesfähigkeit. Zweitens: Freunde. Dann kamen gesunder Egoismus, an siebter Stelle Hingabe. Anfangs nickte ich scheu zustimmend. Am Ende hatte ich das Gefühl, noch nie etwas so Einfaches und Wahres gelesen zu haben.

Wie kam es, dass ich plötzlich dieses „Genauso ist es!“-Erlebnis hatte, ausgelöst von etwas, was man sonst gern der Küchentischpsychologie zuordnet? Zur selben Zeit bereitete ich mich auf ein Interview mit der amerikanischen Autorin Hanna Rosin vor. Sie hat soeben das Buch „The End of Men“ geschrieben. Ich sollte mir Gedanken machen über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang der Männer, deren Krise an den Aufstieg der Frauen geknüpft ist, wenn man Rosin glaubt. Dass der Wandel in der Arbeitswelt, in der mehr denn je Eigenschaften gefragt sind, die als „typisch weiblich“ gelten, das männliche Selbstverständnis erschüttert hat. Normalerweise kann ich solchen Thesen etwas abgewinnen. Aber plötzlich nervte mich dieses Gerede von „den Männern“ und „den Frauen“. Es kam mir wie der Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft vor, deren Ansprüche stetig wachsen.

Ohne dass ich es merke, schlittere ich in den geschlechterpolitischen Diskurs. Muss eine Meinung haben. Nur um mich irgendwann zu fragen: Ist das überhaupt meine Meinung? Es passiert etwas Kleines, man begegnet einer Frau, die nicht „die Frauen“ ist, man denkt an alle Männer, die noch lange nicht am Ende sind. Man stößt in einem anfälligen Moment auf ein Glücksrezept in einer Frauenzeitschrift und glaubt plötzlich wieder zu wissen, worum es eigentlich geht. Erst jetzt merkte ich, wie ich ständig dazu gedrängt werde, mich mit diesen Fragen zu befassen. Wie sehr ich beeinflusst werde zu finden, dass es nicht zum Besten steht.

Vielleicht steht es ja aber gar nicht so schlecht mit uns Frauen und den Männern? Genau daran sollte man nicht zweifeln. In Geschlechterfragen bildet sich gerade wieder ein Konsens, den zu hinterfragen wenig populär ist. Okay, da sind die Männer, die auf der Verliererseite stehen, weil ihr Konzept von Männlichkeit bedroht ist – der „kastrierte Mann“ taumelt durch die Medien, seit seine Rolle als Ernährer infrage gestellt wurde, also seit vierzig Jahren. Die Frauen dagegen sind „auf dem Vormarsch“, sie sind, was heutigen Erfolg verspricht, aufmerksamer, kommunikativer, konsensorientierter etc. Sie sind, nun ja, irgendwie besser.

Zugleich könnte es ihnen aber besser gehen, die Verhältnisse sind noch nicht das Optimale. Deshalb wird Hanna Rosin, die so tut, als hätten die Frauen den Gipfel erreicht, von manchen Frauen gehasst. Da tut eine so, als gäbe es nicht noch weit mehr zu erkämpfen.

Während Feminismus noch vor wenigen Jahren als Schimpfwort galt und als Synonym für hässliche, frigide Frauen, ist er heute Lifestyle. Der Lifestyle-Feminismus ist an sich nichts Schlechtes, er kämpft für eine gleichberechtigte Gesellschaft, ohne die Männer zu bekämpfen. Aber zu oft beschleicht mich in letzter Zeit das Gefühl, dass eine an sich tief politische Bewegung zum Accessoire geworden ist. Sich Feministin zu nennen macht sich gut.

Weil es cool ist

Hin und wieder frage ich mich aber, ob manche Anliegen wirklich durchdacht sind. Ob man sich nicht allzu leicht vom Strom mittragen lässt. Vielleicht argumentieren viele Frauen mit, weil sie dazugehören wollen und weil es cool ist, sich als benachteiligtes Geschlecht zu sehen. Am Beispiel Frauenquote: Die Frauenzeitschrift „Annabelle“ startete eine Kampagne für die gesetzliche Regelung des Frauenanteils in Führungspositionen. Da kann man doch fast nur dafür zu sein. Keine Frau ist gegen mehr Frauen in der Wirtschaft. Wen die Quote aber nicht überzeugt, der gerät in ein Dilemma. So teilten sich manche bei der Umfrage dem „Jein“-Lager zu, was die Angst verrät, gegen den Mainstream zu sein. Das ist es, was mir an der gegenwärtigen frauenbewegten Strömung nicht behagt: das normative Denken, das sie nach sich zieht, und folglich das Verbot, das Gegenteil zu vertreten.

Neulich bei Freunden: Die EU-Kommission hatte an diesem Tag die Frauenquote vorgeschlagen, ich zögerte. „Was, du bist nicht für die Quote?“ Alle Augen richteten sich auf mich, als hätte ich gerade gesagt, ich würde Kinderarbeit tolerieren. Die Diskussion um die Frauenquote nimmt leicht dekadente Züge an, ein Phänomen des heutigen Feminismus. Der sich auf die Frauen- und Emanzipationsbewegung beziehende Feminismus Ende der Sechzigerjahre erhielt seine Existenzberechtigung aus der skandalösen Benachteiligung der Frau, die keine Freiheit hatte, ihr Leben jenseits von Bügelbrett und Herd zu gestalten. Es ist viel geschehen seit damals. Die Frauen, zumindest im Westen, haben etwas erreicht. Das gerät doch ein wenig in Vergessenheit, wenn es heute heißt, wir seien noch lange nicht am Ziel. Und gehört zum Verständnis des Feminismus nicht auch die utopische Vorstellung von seinem Ende? Weil er überflüssig wird, sobald all seine Ziele erreicht sind?

Frauenförderung nötig zu haben klingt Ende 2012 immer ein wenig nach Entwicklungshilfe. Das nenne ich dekadent: die exzessive Beschäftigung mit einer als stark ungerecht empfundenen Situation aus einer privilegierten Lage heraus. Nur eine satte Gesellschaft kann es sich leisten, Gender Mainstreaming als Staatsaufgabe festzuschreiben. Trotzdem bleibt es für mich, nun – einfach ein Wort. Es ist nicht emotional aufgeladen. Ich weiß nur, dass dahinter viele gute Absichten stehen, die auch als politisch korrekt gelten. In diesem Sinn ist bereits die politische Korrektheit dekadent. Was für ein Luxus, das gute Leben zu einem noch perfekteren trimmen zu wollen.

Man spricht zu allgemein von den Frauen, die dank Quote in höhere Positionen gehoben werden sollen. So wünschenswert es wäre, dass man Frauen findet, die auch wirklich die Führung wollen: Sie bleiben bis jetzt Phantome. Ich kenne bloß meine Freundinnen, und die sind real. Mir gehen einfach die letzten Argumente für eine Frauenquote aus, wenn ich mit der 41-jährigen Psychologin mit Doktortitel spreche, die dem Wunsch nach dem dritten Kind alles andere unterordnet. Jede Ambition auf Karriere hat fahren lassen.

Womöglich wende ich mich mehr dem Privaten zu, statt mich zu engagieren. Was mir an der Bildung eines Meinungsmainstreams nicht geheuer ist, merkte ich, als ich einen weiteren Artikel las, „A Woman of Intellect and Style“ war der Titel, erschienen in der „New York Times“. „She was absolutely individual“, stand da in einem Porträt über die amerikanische Schriftstellerin Mary McCarthy, die den Sechzigerjahre-Bestseller „Die Clique“ schrieb. Sie wurde als Feministin bezeichnet, und obwohl sie es irgendwie war, wollte sie es nicht sein: Sie lehnte die Bewegung als „weinerlich“ und „gierig“ ab. McCarthy hatte vier Ehemänner, war auch zu lesen, und unzählige Affären. Sie war ihrer Zeit weit voraus, wäre ein Satz, den man hier schreiben könnte. Als ob eine Zeit immer einen einzigen Typus Mann und einen bestimmten Typus Frau hervorbrächte. Als ob es keine Wesenszüge darüber hinaus gäbe. Deshalb ist der Trendforschung auf diesem Gebiet auch nicht zu trauen. Das Treiben, in dem man sich umtanzt und umspielt, ineinander verirrt und wieder auflöst, wäre ja geradezu ein versöhnliches Bild: Das ändert sich nie. Rosin braucht stattdessen die Metapher der Wippe, jemand ist oben, jemand ist unten, Aufstieg und Fall bedingen einander. Man spielt Frauen und Männer jetzt gegeneinander aus, die Probleme der einen sind an den Erfolg der andern geknüpft.

Zurück zu den Männern, die sich angeblich an die neuen Verhältnisse nicht anpassen können. Es klingt, als wäre die Zeit stehen geblieben: Rosin sagt, Männer, die weniger als ihre Frauen verdienen oder ihre Tage auf dem Spielplatz verbringen, litten darunter. Ein solcher „stay-at-home dad“, den die Autorin interviewt hatte, wehrte sich hinterher: Rosin habe seine Geschichte karikiert – er und seine Frau seien sehr glücklich mit der Rollenverteilung.

An Rosins These begann ich Ende Oktober zu zweifeln. Aus dem Treffen mit ihr wurde nichts, weil sie wegen des Wirbelsturms nicht aus Washington wegkam. Und plötzlich zeigte sich mir in New York ohnehin eine andere Wirklichkeit. Ich sah, wie der Hurrikan mit Frauennamen „Sandy“ die Männer auferstehen ließ: Sie schleppten Sandsäcke, bauten Staudämme, legten ihre Jacken um die Schultern ihrer Frauen, die, sind wir ehrlich, nichts anderes erwarteten. Sie zahlten im Restaurant. Ach ja, und zwei Männer kämpften zu diesem Zeitpunkt um das höchste Amt der Welt.

Männer? Frauen? Persönlichkeiten!

Statt Hanna traf ich John in New York, einen Freund, und erzählte ihm von ihrem Buch. „This is so seventies“, winkte er ab. John war bei Sony, dann bei Lehman Brothers, verlor den Job noch vor der Finanzkrise, heute unterrichtet er als Englischlehrer und studiert nebenbei Humangenetik und Biotechnologie.

Die Männer – nicht anpassungsfähig? „Dieses Gerede ist so langweilig“, sagte ich, „und vor allem stimmt es gar nicht. Man könnte nach Börsenschluss in eine Bar an der Wall Street gehen und sich davon überzeugen lassen, wie sehr wir noch in einer Men's World leben, nicht?“ – „Ach was“, sagte John. „Ich habe bei Lehman so viele Bankerinnen erlebt, die den Männern in nichts nachstanden. Sie waren genauso tough, zielstrebig und kompromisslos.“ John, der kürzlich sein Genom analysieren ließ, sagt: „Männer! Frauen! Heute müssen wir von Persönlichkeitstypen reden. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden zunehmend irrelevant, die Erotik jetzt einmal ausgenommen.“

Man muss ja nicht gerade eine Utopie geschlechtsloser Mutanten entwerfen. Aber wenigstens aufhören, so zu tun, als wäre einem nichts wichtiger als Frauenbelange. Wem ist gedient, wenn man ein Verhalten als geschlechtstypisch aufzudröseln versucht? Männer fragen inzwischen auf der Lifestyle-Ratgeberseite, wie man einer Frau heutzutage ein Kompliment macht, als wären „die Frauen“ absehbar in ihrer Reaktion. In diesem Moment fragt man sich tatsächlich, ob die Männer den Kompass verloren haben. Womöglich wird es ihnen aber auch nur eingeredet.

Bevor wieder das Ende der Männer verkündet wird, soll man sich daran erinnern, was Männer in weniger satten Gegenden dieser Welt alles anrichten. An die Mädchen in Pakistan, denen die Taliban in den Kopf schießen, bloß weil sie zur Schule gehen wollen. Daran, dass in China mit seiner Ein-Kind-Politik Frauen gezwungen werden, ihre weiblichen Föten im siebten Monat abzutreiben. Oder wie in afrikanischen Ländern noch immer Kindsbräute verkauft werden. Daran soll man auch denken, wenn wir Frauen der Ersten Welt wieder einmal das Gefühl haben, bei einer Beförderung übergangen worden zu sein, für die wir unser Interesse nie offen zeigten, oder wenn wir meinen, ein Anrecht auf den besseren Platz im Theater zu haben, nur weil wir Frauen sind. Erst wenn man diese Geschichten im Kopf behält, kann man über das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern zu sprechen beginnen. Erst dann merken wir vielleicht, wie seltsam manches klingt.

Zur Autorin

Birgit Schmid
ist Redakteurin bei dem „Magazin“, der wöchentlichen Beilage des Schweizer Tagesanzeigers. Der Artikel erschien im „Magazin“ 48/2012.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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2 Kommentare

Meine Meinung

Frauen und Männer sollen in der Küche werken oder PräsidentInnen der USA werden und alles dazwischen. Jede/r soll das sein, wofür sie/er geeignet ist. Frauen sollen nicht uns Männer nachahmen, sonst leben sie an ihrem Leben vorbei. Alle, Frauen und Männer, sollen das werden, was in ihnen an guten Anlagen zu finden ist. So verwirklichen sie sich am besten.
Alles andere bringt nur Zorres und Frust.
Da braucht man dann auch keine Quoten. Da gibt es auch keine bedauernswerten Geschöpfe - außer die, die ihren Lebenssinn darin sehen, unglücklich zu sein und den anderen die Schuld zuzuweisen.

Bravo!

Sie sprechen mir aus der Seele.

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