Adoption: Mein fremdes, eigenes Kind

Auch in Österreich entschließen sich immer mehr Paare zur Adoption. Der Weg dazu führt manche durch einen Paragrafendschungel im Inland, andere ins Ausland. Lange und mühsam ist er immer.

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(c) Erwin Wodicka

Wenn Angelika Z. mit ihrer kleinen Tochter auf der Straße geht, schauen ihnen die Leute nach. Beide sind ausnehmend hübsch, mit langen blonden Haaren. „Sie sieht ihnen wirklich sehr ähnlich.“ Mehr als einmal hat Angelika Z. diesen Satz gehört. Und nichts darauf gesagt.

Heidrun T. hört das nie. Auch ihr schauen die Leute nach, wenn sie mit ihrer Tochter auf der Straße geht – Heidrun zierlich und rothaarig, das kleine Mädchen neben ihr lebhaft und entzückend. Mit seinen kunstvoll geflochtenen Zöpfchen und seiner schwarzen Hautfarbe.

Dennoch haben Angelika Z. und Heidrun T. mehr gemeinsam als so ein erster oberflächlicher Blick auf der Straße erkennen lässt: Beide sind Adoptivmütter. Der Weg, den sie eingeschlagen haben, um zu einer Familie zu kommen, war dennoch ganz unterschiedlich. Angelika Z. hat er durch das juristische Labyrinth Österreichs geführt, Heidrun T. nach Addis Abeba. Ein Spaziergang war es für keine der beiden Frauen.

Adoption wird für immer mehr Familien in Österreich zum Thema. Der zunehmend nach hinten verschobene Kinderwunsch berufstätiger Frauen, komplett mit einer parallel zur Fertilität sinkenden Erfolgsgarantie, ein neuer Partner in späteren Jahren, fehlgeschlagene oder von vornherein abgelehnte Versuche der künstlichen Befruchtung, oder einfach der Wunsch, einem fremden Kind eine Chance zu geben – das sind die häufigsten Gründe, warum Paare sich für eine Adoption entscheiden. Viele von ihnen mit zitternden Knien. Alle mit der Angst, abgelehnt zu werden und vielleicht doch niemals die Chance zu bekommen, ihren Traum von einer Familie zu verwirklichen.

Für die meisten Paare bedeutet der Weg zu einem Adoptivkind aber vor allem eines: warten. Noch vor 50 Jahren war das anders. Österreich war sogar bis Mitte der 1960er-Jahre ein „Geberland“ in Sachen Adoption. „Es gab damals mehr Kinder als Interessenten“, sagt Margot Zappe, die beim Verein „Eltern für Kinder Österreich“ (Efkö) für das Thema Adoption zuständig ist. „Diese Kinder wurden nach Kanada, Skandinavien und in die USA vermittelt.“ Gründe dafür waren Armut, mangelnde Verhütung und das Stigma, das damals uneheliche Mütter zu gesellschaftlichen Außenseitern stempelte.

25 erfolgreiche Paare. Heute ist das anders. Wie in allen westlichen Ländern suchen auch in Österreich wesentlich mehr hoffnungsvolle Eltern Kinder als Kinder Eltern. Auf dem Weg der Inlandsadoption wurden 2010 nur 25 Wiener Paare Adoptiveltern, zwischen 70 und 90 müssen weiter warten. Die Bedingung für eine Adoption ist, dass die Eltern verheiratet sind, weil sie dem Kind als Vertragspartner gegenübertreten. Das Mindestalter liegt bei 28 Jahren, das Höchstalter ist gesetzlich nicht festgeschrieben, de facto jedoch schon, da ein „natürlicher Altersabstand“ zum Kind bestehen soll. In Zahlen bedeutet das in Wien um die 45 Jahre, im Westen Österreichs wird es tendenziell niedriger angesetzt.

Die größte Hürde, die Paare bei einer Inlandsadoption nehmen müssen, ist allerdings eine psychologische. „Der Großteil der zur Adoption freigegebenen Kinder kommt aus Hochrisikofamilien“, sagt Angelika Z. „Keine Mutter gibt ihr Kind leichtfertig zur Adoption frei. Da muss schon sehr viel schiefgegangen sein. Deshalb sollte man diese Mütter auch nicht verurteilen, sondern ihnen dankbar sein, dass sie versuchen, das Beste für ihr Kind zu tun.“ Den größten Schock erlitten potenzielle Adoptiveltern oft bei den medizinischen Vorträgen, in denen Ärzte erklären, was etwa acht Wochen Entzug für ein Neugeborenes bedeuten. „Man kann natürlich Glück haben und ein Strahlekind bekommen. Das pausbäckige, zufriedene, vor Gesundheit strotzende Baby, von dem viele träumen, gibt es aber nicht oft.“

Die wahre Arbeit, sagt Angelika Z. erfolge daher nicht in den verpflichtenden Vorbereitungskursen für Adoption, sondern daheim, wo sich ein Paar mit der Frage auseinandersetzen müsse, wie viel es sich für die nächsten 20 bis 25 Jahre zutraue. „Je weniger aufgeschlossen Eltern sind, umso geringer sind ihre Chancen“, sagt Leonie Coufal vom Referat für Adoptiv- und Pflegekinder (Rap) der Stadt Wien. „Schließlich suchen wir nicht Kinder für Paare, sondern Eltern für unsere Kinder.“


Schwierige Verhältnisse.
Angelika Z. war bereit, einiges in Kauf zu nehmen. Die Juristin kennt das Thema mittlerweile in allen rechtlichen Feinheiten. Nicht nur unterrichtet sie in den verpflichtenden Vorbereitungskursen das Modul über Rechtsfragen, sie schlug auch in eigener Sache eine Bresche durch den juristischen Dschungel. „Wir nahmen ein Pflegekind aus besonders schwierigen Verhältnissen“, sagt Angelika Z. „Dann kämpften wir uns Schritt für Schritt bis zur Adoption durch. Wir erhielten als erstes Paar vom OGH die gesamte Obsorge über ein Pflegekind, erstritten dann das Recht auf unseren Familiennamen, dann auf die Taufe und dann die Adoption.“ Das sei aber bis heute die Ausnahme. Man dürfe niemandem suggerieren, dass die Aufnahme eines Pflegekinds automatisch zur Adoption führe.

Viele künftige Eltern schreckt der soziale Hintergrund inländischer Babys ab. Das gilt übrigens nicht nur für Österreich. In den USA herrscht bekanntlich große Nachfrage nach Babys aus dem Ausland. Gleichzeitig aber landen immer wieder amerikanische Babys auf dem Weg der Auslandsadoption in Österreich.

Viele Paare entschließen sich auch wegen der langen Wartezeiten dazu, ein Baby aus dem Ausland zu adoptieren. Für Heidrun T. und ihren Mann kam noch ein anderes Motiv dazu. „Für uns war Adoption immer ein Thema. Wir wollten einem Kind eine Chance geben, und wir wollten ein Kind, das uns die Chance gibt, eine Familie zu sein“, sagt sie. Nach langen Überlegungen entschied sich das Paar für Äthiopien. Ohne große Illusionen. „Mir war bewusst, dass man bei Auslandsadoptionen möglicherweise knapp am Kriminal vorbeischrammt“, sagt Heidrun T. „Deshalb versuchten wir, alles zu tun, damit unser Glück nicht auf dem Unglück anderer aufgebaut wurde.“

Kaum Dokumentensicherheit. Was in Ländern wie Äthiopien allerdings nur schwer möglich sei, sagt Margot Zappe von Efkö. „Es gibt kaum Dokumentensicherheit. Jemand kommt in ein Amt und sagt: ,Das sind die Kinder meiner Schwester, sie heißen A und B, sind soundso alt, ihre Mutter ist gestorben. Das wird so aufgeschrieben, kann aber oft nicht überprüft werden.“ Heidrun T. hat immerhin einen Brief aus dem Hospiz, in dem die leibliche Mutter ihrer Tochter starb. Dennoch wäre es fast nicht zur Adoption gekommen. „Wenn man sich in Österreich zu so etwas entschließt, ist man die Ausnahme“, sagt sie. „Als es dann so weit war und wir nach Addis Abeba reisten, entschieden wir uns absichtlich gegen ein westliches und für ein besseres, äthiopisch geführtes Hotel. Am Morgen nach unserer Ankunft kamen wir zum Frühstück in den Speisesaal – und blieben entgeistert auf der Schwelle stehen. Dieser Speisesaal war voll mit westlichen Paaren, die gekommen waren, um ihre Adoptivkinder abzuholen. Da wurde uns klar, was hier für eine Wirtschaftsmaschinerie läuft.“

Weniger Auslandsadoptionen.
In Österreich setzt sich mittlerweile eine skeptischere Haltung zu Auslandsadoptionen durch. Der Trend ist laut Leonie Coufal vom Rap rückläufig. In Wien würden zwischen zehn und 20 Genehmigungen pro Jahr erteilt, sagt Margot Zappe. Außerdem wurde die Adoption aus vielen Ländern überhaupt gestoppt – vom jeweiligen Land (etwa Rumänien) oder von Österreich. Derzeit gilt die Regel, dass nur Vertragsstaaten der Haager Konvention als Geberländer infrage kommen.

Adoptierte Kinder, egal, ob aus dem In- oder aus dem Ausland, verbindet aber eines: die Sorgsamkeit, mit der mit ihrer besonderen Situation umgegangen werden muss. Wurde eine Adoption früher oft bis zur Volljährigkeit geheim gehalten, haben die Fachleute heute überhaupt keinen Zweifel mehr, was hier am besten ist: möglichst große Offenheit. „Belogen zu werden ist das Schlimmste. Daher ist es ganz wichtig, Adoptivkinder mit ihrer eigenen Geschichte aufwachsen zu lassen“, sagt Margot Zappe. „Sie müssen die Spezialisten dafür werden.“

Die Wahrheit muss sein.
Heidrun T., die nichts über die leiblichen Eltern ihrer Tochter weiß, behilft sich, indem sie wenigstens die Verbindung zur äthiopischen Kultur aufrechterhält. Angelika Z. hat für ihr Kind mittlerweile einen guten Draht zur leiblichen Oma und den Halbgeschwistern aufgebaut. „Die Wahrheit sagen, und zwar altersgemäß, ist unerlässlich“, sagt sie. „Das sehr intime Interview, das das Jugendamt vor der Adoption mit einem führt, ist nichts im Vergleich zu dem Interview, das Ihr Kind einmal mit Ihnen führen wird.“ Rat und Hilfe holt sie sich bei anderen Adoptiveltern, mit denen sie ein enges soziales Netz geknüpft hat. Wie bei der Antwort auf die Frage: „Du, Mama, warum war ich eigentlich nicht in deinem Bauch?“

Adoption

Die Annahme an Kindes statt kann durch Einzelpersonen oder Ehepaare erfolgen (wobei Ehepaare bevorzugt werden). Es gibt eine Reihe von Ausschließungsgründen wie ansteckende Krankheiten. Das Kindeswohl steht an erster Stelle. Das Mindestalter der Adoptivwerber liegt bei 30 bzw. 28 Jahren. Ein Höchstalter ist nicht festgelegt, in der Praxis hat man über 45 Jahre allerdings im Inland kaum mehr Chancen.
Die zuständigen Behörden sind in Wien die Jugendwohlfahrtsbehörde, das Referat für Adoptiv- und Pflegekinder (MA 11) sowie das Bezirksgericht am Wohnort des Kindes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)

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