Das monothematische Frühstück war gestern. Oder anders ausgedrückt: das einsame Kipferl zur morgendlichen Melange findet man gefühlsmäßig nur noch in Geschichtsbüchern. In Wien hat das Kipferl längst Gesellschaft bekommen – und zwar von Avocadomousse oder Tortillas gefüllt mit Gemüsesorten, die man erst einmal googeln muss. „Es tut sich viel in Wien“, sagt Barbara Haider, „wöchentlich sperrt ein neues Frühstückslokal auf.“ Auf der Karte stehen dann neue Gerichte wie etwa Apfel-Honig-Couscous, die die Eierspeise fast ein bisschen alt aussehen lassen.
Haider muss es wissen, denn sie beschäftigt sich mit dem Frühstück quasi professionell – gemeinsam mit Daniela Terbu geht sie jede Woche frühstücken und berichtet darüber in ihrem Blog www.diefruestueckerinnen.at. Ei, Käse und Semmel werden hier ausführlich kommentiert, wie auch das Service, die Einrichtung – und selbst die Zeit wird gestoppt: „Wie lange es dauert, bis der erste Caffè Latte serviert wird“, lautet eine Rubrik auf der Website.
Vor rund zwei Jahren haben die Frühstückerinnen den Blog ins Leben gerufen, mittlerweile – rund 100 getestete Lokale später – haben sie 20.000 Leser im Monat, und ihre Facebook-Seite hat über 7300 Fans. Was als Hobby begann, ist nach wie vor Hobby – leben können sie davon nicht. Doch mittlerweile redet darüber die halbe Stadt.
Dabei ist die große Resonanz nicht nur online bemerkbar: An den Wochenenden, erzählen Haider und Terbu, sind die Frühstückslokale meist ausgebucht. Und auch in anderen Städten steige das Interesse an ihrem Frühstücksführer. Derzeit sind in Graz, Linz und Salzburg „Frühstückspraktikanten“ unterwegs, die ebenfalls im Blog über die Lokale urteilen werden.
Freiland? Bio? Bodenhaltung?
Die Vorgehensweise der Profifrühstückerinnen ist dabei immer dieselbe: Zunächst wird das Essen fotografiert, die Bilder werden onlinegestellt. Dann wird das Ei inspiziert: Freiland? Bio? Bodenhaltung? Oder gar Käfighaltung? (Je nach Eierkennzeichnung auf der Schale.) „Wir haben schon einmal Eier aus Osteuropa serviert bekommen“, erzählt Haider. Eier aus Käfighaltung werden von ihr umgehend zurückgeschickt und im Blog vermerkt. Toastschinken und Haltbarmilch sind weitere Minuspunkte. „Ich bin mittlerweile schon sehr kritisch geworden“, sagt Terbu. Was aber auch im Sinne ihrer Leserschaft sei, denn die meisten wollten gute Qualität und würden auch etwas mehr dafür bezahlen.
Oft würden Leser auch an die Frühstückerinnen herantreten und Lokale empfehlen – v.a. auf Facebook funktioniere der direkte Kontakt relativ problemlos. Bei Frühstückslokalen im Ausland seien Haider und Terbu auch auf Hinweise der Online-Community angewiesen, sagen sie. Tipps für Barcelona, Berlin und andere Orte werden gesammelt und weitergegeben.
Auch immer mehr Lokalbesitzer würden sich bei den Frühstückerinnen melden, besonders dann, wenn das Essen lobend erwähnt wird. Kritik werde bisweilen ungern angenommen, trotzdem würden manche Lokalbetreiber reagieren und Verbesserungen vornehmen. Werden die Frühstückerinnen erkannt, werde deswegen ihr Urteil auch nicht anders ausfallen. „Wir bezahlen immer“, sagt Haider. In anderen Worten: Anfütterung ja, aber nur im wörtlichen Sinn.
Frei und verträglich
Damit möglichst viele Speisen getestet werden können, gehen die Frühstückerinnen meist zu mehrt essen. Dabei werden die Klassiker, wie Haider und Terbu sie nennen, immer bestellt: Ei, Joghurt, Semmel, das Standardrepertoire eines jeden Menüs eben. Ob sie ein bestimmtes Lieblingslokal haben? Gleich mehrere, sagen die Frühstückerinnen.
Eine Top-Ten-Liste, die auf der Website zu sehen ist, haben sie erst kürzlich erstellt. Neu sei auf ihrer Internetseite auch die Einteilung der Frühstücksrezensionen in Sparten wie „Land und Luft“, „Frei und verträglich“ oder „Markt und frisch“. Und natürlich auch „Tradition und Kaffee“. Denn trotz aller exotischen Papayasaucen – das Kipferl zur Melange, das wird es in Wien wohl immer geben.
Frühstückerinnen. Barbara Haider und Daniela Terbu gehen frühstücken und kommentieren das Essen in ihrem Blog. Die Artikel sind in Sparten wie „Land und Luft“ oder „Brunch und Buffet“ unterteilt. Die Qualität und Herkunft der Eier wird eigenen Angaben nach streng beurteilt.
WEITERE INFORMATIONEN UNTER
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)
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