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Die letzten Hüter des Wildfangs

21.07.2012 | 17:39 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Der Ruf nach Regionalität und Nachhaltigkeit hat auch die Fische erreicht: Wildfang boomt. Wirklich leichter wird die Arbeit für die heimischen Berufsfischer aber nicht.

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Wenn Emmerich Varga seinen Arbeitsplatz aufsucht, schläft der Rest des Dorfes noch. Die Dorfjugend schlägt sich gar noch die Nächte um die Ohren. Herr Varga hat das aber schon hinter sich. Er widmet sich lieber den Fischen, mit denen er seinen Lebensunterhalt verdient. Um fünf Uhr früh macht er sich von Gols auf den Weg Richtung Neusiedler See, um dort mit zwei Helfern Zander, Aale, Wildkarpfen, Welse und hin und wieder einen Hecht zu fangen. Wie viele? „So viele, wie eben ins Netz gehen“, sagt er mit einer Ruhe, die nichts mit den frühen Morgenstunden zu tun hat. Vielmehr weiß er längst, dass die Natur – oder, wenn man so will, der Zufall – bestimmt, was und wie viel im Netz landet. Er nimmt das hin und hinterfragt es nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er Fischer ist. Sein Vater war es schon, sein Großvater ebenso und sein 22-jähriger Sohn wird es auch bald sein.

Damit haben die Vargas eines mit den meisten Berufsfischern gemein: Sie sind ein Familienbetrieb. „Sonst rechnet sich das nicht“, wird von vielen unaufgefordert auf die Feststellung der Verhältnisse angefügt. Denn obwohl derzeit zwar alles, was aus der Natur kommt und mit den Schlagworten „wild“ oder „regional“ versehen wird, auf unglaubliches Interesse stößt, sind die Zeiten für Berufsfischer noch lange nicht rosig. Viele von ihnen haben ein Nebeneinkommen, etwa als Landwirt oder Weinbauer. Andere wiederum setzen auf veredelte Produkte, also Räucherfische, Pasteten oder filetierte Ware, mit denen sich mehr Geld machen lässt.


Boom in den 70er-, 80er-Jahren. Varga gehört zu den 14 Berufsfischern, die sich mittels Pachtverträgen mit den Gemeinden das Recht teilen, am Neusiedler See zu fischen. In den Boom-Zeiten, in den 1970er- und 1980er-Jahren, verdienten im Burgenland zwischen 70 und 80 Menschen hauptberuflich ihr Geld mit Fischen. Nikolaus Höplinger, Obmann der Berufsfischer, schätzt die Zahl der heutigen Seenfischer auf rund 50 – in ganz Österreich. Zum Vergleich: In der Aquakultur sind derzeit rund 500 Betriebe tätig (siehe Artikel rechts).

Emmerich Varga setzt heute mit seinen beiden Helfern erstmals in der Saison die Zugnetze ein. „Man darf nur entweder mit Stellnetzen oder mit Zugnetzen fischen. Beides gleichzeitig geht nicht, das ist streng geregelt“, sagt er, während er seinem Mitarbeiter, Josef Steiner, dabei zusieht, wie dieser geschickt das Boot vom Anhänger in den See manövriert. Auch sonst ist einiges geregelt, etwa wann welche Netze eingesetzt werden dürfen, oder wie groß die Maschen der Stellnetze sein müssen – damit sich auch nur jene Fische darin verheddern, die sich mindestens einmal reproduziert haben.

Drei Mal pro Woche fischt Varga mit Zugnetzen. Sind die Stellnetze an der Reihe, muss gar zwei Mal täglich ausgefahren werden. Der Fischer kann sich dabei auf treue Mitarbeiter verlassen. Denn auch wenn Sohn und Gattin im hauseigenen Fischrestaurant mithelfen, sind am Wasser dann doch eher Männer wie Josef Steiner und Istvan Derzsi gefragt: kräftige Oberarme, der eine eher stumm, der andere immer zu einem Späßchen aufgelegt, routiniert und mit dem See vertraut wie mit der sprichwörtlichen Westentasche. „Ich hab schon für den Großvater gearbeitet, für den Vater, den Emmerich, und den Sohn mach ich auch noch. Dann höre ich auf“, sagt Steiner, der seit 45 Jahren in der Fischerei arbeitet. Davon leben kann er nicht, er ist außerdem Weinbauer. Auf die Frage, wie lange er schon fischt, sagt Derzsi lediglich „20“ und wirft den Motor an. Genug geplaudert, es geht Richtung Seemitte.

Dort angekommen verstummt der Motor, Steiner greift zu einem Holzspieß und tastet damit den Boden ab. „Ah guat, lauter gleichmäßige Steine, da sind die Zander“, sagt er. Auf dem Boot – das übrigens eine Spezialanfertigung eines auf Weintanks spezialisierten befreundeten Schweißers ist – herrscht Ruhe. Kommandos sind nicht notwendig, das Team ist eingespielt und jeder weiß, was er zu tun hat. Der Chef steht in einem kleinen Kabäuschen, eine Hand auf dem Lenkrad, in der anderen ein GPS-Gerät. „Da haben wir unsere guten Plätze gespeichert. Wenn das nicht funktioniert, ist der Josef unser GPS.“ Mit wenigen Worten wird besprochen, wo denn der Pflock, der als eine Art Anker fungiert, positioniert wird. Spätestens jetzt ist Muskelkraft gefragt. Die zwei Helfer rammen ihn mit mehreren Versuchen in den steinigen Boden. Die Sache sieht anstrengend aus. Im Laufe des Tages wird er sich nur einmal lösen – den Herren wäre keinmal lieber.


Muskelkraft. Der Motor wird erneut angeworfen, und das Boot fährt von rechts weg im Kreis. Derzsi wirft dabei das Netz aus. „Wir fahren eine Runde und müssen dann wieder genau zum Pflock zurückkommen“, erklärt Varga. Danach wird mit einer motorisierten Winde das Netz zusammengezogen. „Früher musste man das mit der Hand machen, da brauchst ordentlich Kraft.“

Die wird auch beim nächsten Schritt benötigt. Denn ist das Netz zugezogen, wird es von den drei Männern händisch ins Boot gezogen. Die Arbeit sieht leichter aus, als sie ist – fast meditativ. Aber vor allem zu Beginn beschwert der teils schlammige Boden das Netz. Und jener Mann, der in der Mitte steht, hat es doppelt schwer, da er zwei Netzenden gleichzeitig ins Boot ziehen muss. Die beiden Helfer wechseln sich hin und wieder ab. Je kleiner das Netz wird, desto größer die Spannung, was sich darin befindet.

Bis zu zehn Züge werden pro Tag gemacht. Im Sommer ist spätestens zu Mittag Schluss – wegen der Hitze. Wirklich gut läuft es allerdings im Herbst oder Winter. „Im Sommer sind die Fische zu lebendig. Im Herbst sind sie eher steif und nicht so schnell“, sagt Steiner. Überhaupt haben die Fischer nicht immer dann Saison, wenn es die Konsumenten gerne hätten: Im Sommer, wenn die Gaststätten und Frühstückspenionen rund um den See gut gefüllt sind und alle nach fangfrischem Fisch verlangen, sind die Netze meist spärlich gefüllt. „Voriges Jahr haben wir sechs Züge gemacht und sechs Mal war das Netz leer. Das ist deprimierend“, erzählt Varga. Mit einem Tagesfang von 20 Kilogramm ist er schon mehr als zufrieden. Im Winter hingegen können schon einmal 100 Kilogramm pro Tag gefangen werden.

Jetzt ist aber Sommer, und der erste Zug bringt zwei Stück Zander, ein paar Brachsen – „Futterfische für den Zander“ – und einen großen Stein. Die Zander kommen in das kleine Wasserbecken unter der Winde, die Brachsen zurück in den See. Und der Stein wird seitlich im Boot gelagert. „Für den Garten“, sagt Varga.

Steiner, der Winzer, hat plötzlich ein Leuchten in den Augen. Nicht wegen des Fangs, sondern wegen des Einfalls, den er soeben hatte. „Der erste Fang, jetzt müssen wir was trinken“, sagt er, öffnet die Kühlbox und verteilt Bier und Radler. Die Flasche Welschriesling bleibt beim Winzer. „Prost“, sagt er und nimmt einen kräftigen Schluck. Es ist 8.30 Uhr.

Der zweite Zug – der mit dem Fischernetz – folgt. Die Männer haben sich aufgewärmt. Während das schwere Netz ins Boot gezogen wird, plaudert man über den Dorftratsch, den Fang der Kollegen und über das, was der Doktor zu den arbeitsbedingten Abnutzungen am eigenen Körper sagt. „Die ersten Züge machen immer Spaß, man hat sich viel zu erzählen. Bei den letzten Zügen ist aber jeder Handgriff ein Seufzer, vor allem, wenn wir wenig fangen“, sagt Varga.

Heute dürfte wohl so ein Tag sein. Pro Fang gehen nie mehr als drei Fische ins Netz. Um 9.30 Uhr gibt es Wurstsemmeln zur Stärkung. Um 10 Uhr ist auch der Welschriesling geleert. Spätestens um 11 Uhr weiß man, warum zu Mittag Schluss ist. Wegen der Hitze, natürlich.

Auf die Frage, ob sich so ein Tag überhaupt rentiert, lacht Varga kurz und meint: „Nur, wenn ich meinen Lohn nicht dazu zähle.“ Pro Kilo wird der Zander – in der Region übrigens der beliebteste Fisch – um 10 bis 13 Euro weiterverkauft. In seinem Restaurant kommt die Portion mit 250 Gramm auf 17 oder 18 Euro.

Die Nachfrage nach fangfrischem Fisch aus dem See war schon immer groß. In den letzten drei, vier Jahren sei sie aber enorm gestiegen, meint der Fischer. „So viel, wie wir verkaufen können, kann gar nicht im See sein“, sagt Varga. Sein Kollege Helmut Schwarz aus Oggau bestätigt das, wie auch Albert Jagsch, Leiter des Instituts für Gewässerökologie, Fischereibiologie und Seenkunde vom Bundesamt für Wasserwirtschaft. „In den letzten 10, 15 Jahren hat sich ein Trend zum heimischen Fisch entwickelt. In den letzten zwei, drei Jahren ist der aber extrem stark.“ Vor allem der Wildfang sei heiß begehrt. Da die heimischen Seen nicht das hergeben können, was verlangt wird, setzt man verstärkt auf Aquakultur. Während die Seenfischer vom Bodensee bis zum Neusiedler See im Jahr auf insgesamt 350 Tonnen Fisch kommen, bringt es die Aquakultur auf 3000 Tonnen. „Der Fischkonsum kommt in Österreich aber auf über 60.000 Tonnen – inklusive Fischstäbchen. Da muss also importiert werden“, so Jagsch.


Gutes Wasser, wenig Fische. Hierzulande setzt man – notgedrungen – nicht auf Masse, sondern auf Qualität. Die gute Wasserqualität wird bei so gut wie jedem See, in dem gefischt wird, stets hervorgehoben. Was dabei selten erwähnt wird: Die Fische fühlen sich in klarem, sauberem Wasser zwar durchaus wohl. Dort gibt es aber auch weniger Nährstoffe, was dazu führt, dass die Fische zwar nicht weniger werden, aber langsamer wachsen. „Das ist dem Laien schwer erklärbar. Sauberes Wasser ist gut, dann haben die Fische eine höhere Qualität. Aber sie vermehren sich eben nicht so schnell“, so Jagsch. Er begrüßt zwar den Trend hin zu Regionalität und Nachhaltigkeit und meint, dass dieser auch den Seenfischern zu einem Aufschwung verhelfen wird – allerdings im kleinen Rahmen.

Auch Manuel Hinterhofer vom Österreichischen Fischereiverband ist eher skeptisch und meint: „Reich wird man damit nicht.“

Sein Kollege Nikolaus Höplinger, der am Wolfgangsee fischt und Obmann der Berufsfischer ist, hat aber einen positiven Nebeneffekt des Trends ausgemacht: „Man kann den Nachwuchs wieder leichter dafür begeistern.“ Der Salzburger Landesfischermeister Gerhard Langmaier sieht die Sache positiv: „Der heimische Fisch erlebt eine Renaissance. Es schaut für Berufsfischer wieder besser aus“, meint er, um dann doch zu erklären, dass die Hektar-Erträge früher doppelt so hoch waren. „Heute kommen wir auf acht bis zwölf Kilogramm pro Hektar im Jahr.“

Emmerich Varga ist hingegen dabei, den heutigen Fang zu begutachten. Neun Zander, einen Aal und einen Wels haben die fünf Züge hervorgebracht. Und einen Granatensplitter, einen Stein für den Garten und zahlreiche kleine Fische, die weiterschwimmen durften. Die drei Herren beunruhigt das nicht. Sie wissen, dass es Tage gibt, an denen es besser läuft.

Fischfang

Aquakultur
Dabei handelt es sich um kontrollierte Aufzucht von Fischen beziehungsweise um den Einsatz von Maßnahmen, die den natürlichen Output erhöhen. In Österreich gibt es derzeit rund 500 aktive Betriebe.

Seenfischer
Die Zahl der Seenfischer ging in den letzten Jahrzehnten drastisch zurück. Schätzungen zufolge gibt es vom Bodensee bis zum Neusiedler See rund 50 Berufsfischer.

Wildfang
Das Gegenstück zur Aquakultur. In Österreich existieren rund 50 Fischereirechte für Berufsfischer. Die Österreichischen Bundesforste betreiben 425 Fischereireviere.

Biofisch
Biologisch zertifizierter Fisch stammt aus Aquakulturen, die nach ökologischen Richtlinien arbeiten. Der Hauptunterschied zu konventionellen Aquakulturen liegt im Fischfutter und in der Besatzungsdichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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1 Kommentare

Jäger und Fischer

Jäger verstehe ich einfach nicht, wie kann man einfach so, große Lebewesen töten. Als einzige Ausnahme lasse ich die Dezimierung von Überpopulationen gelten, kontrolliert.

Fischer müssen sein aber bitte nur als Küstenfischerei, die Hochsee sollte Tabu sein.