Die Pielachtaler haben einen Startvorteil. Denn Produkte, die eng mit einer speziellen Region verbunden sind, gibt es viele – etwa die Wachauer Marillen, das steirische Kürbiskernöl oder die Elsbeere aus dem Wienerwald. Aber kaum eine der Regionen hat ein Produkt, das mit einem derart markanten Namen auftrumpfen kann. Das Pielachtal hat sich nämlich Ende der 1990er-Jahre auf sein regionales Produkt besinnt und sich zum „Dirndltal“ ernannt. „Wir bewerben das mit der Dreifaltigkeit aus der Dirndlfrucht, dem Dirndlkleid und den Mädchen“, sagt Gerhard Hackner, Obmann des Tourismusverbandes Pielachtal.
Wobei im Pielachtal klar ist, wer hier den Ton angibt: die kleine, olivenförmige, rote Frucht, die auch Kornelkirsche oder Gelber Hartriegel genannt wird. Denn die Kleider und die Mädchen, die gibt es auch anderswo. Dirndlsträucher aber wachsen im Pielachtal seit 4000 Jahren besonders gern. Das Klima dürfte ihnen dort gefallen. Genutzt und verarbeitet werden sie dort schon lange. Vor allem der Dirndlschnaps, oder auch der Edelbrand, wie er heute genannt wird, hat dort Tradition. „Der war schon immer etwas Besonderes. Früher wurde er nur hohen Gästen aufgetischt“, sagt Melanie Fuxsteiner, die gemeinsam mit ihrem Mann Josef die kleinen Früchte zu Brand, Likör, Marmeladen, Sirup oder Cremehonig verarbeitet. Das lag vor allem daran, dass die Herstellung eines Dirndlbrandes besonders aufwendig ist. „Allein die Ernte dauert drei Wochen. Aus 100 Liter Maische bekommt man drei Liter Destillat“, so Fuxsteiner.
In den 1960er-Jahren sind die Dirndln so wie viele andere alte Obstsorten (siehe unten) wohl auch deshalb in Vergessenheit geraten. Kaum jemand wollte sich die Arbeit antun, schließlich war eher Modernes gefragt, und weniger Produkte, die schon die Urgroßmutter verarbeitet hat. In den 1980er-Jahren haben sich die Pielachtaler aber darauf besonnen, was die Region denn ausmacht. „Wir haben überlegt, warum die Leute überhaupt zu uns kommen. Wegen der Pielach werden sie nicht kommen, wegen der Mariazellerbahn wohl auch nicht“, sagt Fuxsteiner. Also einigten sich die Gemeinden auf die Dirndln, die sich in den kalkhaltigen Böden und Südosthängen besonders wohlfühlen.
500 Jahre alte Sträucher. Und damit sich das für die Region auszahlt, hat man die Frucht stark mit dem Tourismus verbunden. Praktisch, dass Regionalität derzeit gerade en vogue ist. So muss man nicht viel erklären, dass, wer die Dirndln wirklich genießen möchte, schon das Pielachtal besuchen muss.
„Wir haben vor zehn Jahren eine Zählung gemacht und sind auf gut 6000 Sträucher im Pielachtal gekommen“, sagt Anton Gonaus, Bürgermeister von Kirchberg an der Pielach und selbst Dirndlbauer. 2002 gab es die erste Setzaktion. Mittlerweile wurden vier Mal neue Sträucher gesetzt. Heute dürften es zwischen 11.000 und 14.000 Sträucher sein. Besonders stolz ist man aber auf die Wildsträuche. „Manche sind bis zu 500 Jahre alt. Wir haben am Hof 300-jährige Sträucher, da ist man schon stolz darauf“, so Gonaus. Die Pielachtaler Dirndl-, Edelbrand- und Dörrobstgemeinschaft zählt mittlerweile 42 Mitglieder. Der „Original Pielachtaler Dirndlbrand“ ist bereits eine geschützte Marke, die Frucht soll es bald werden. Slow Food hat sie in ihre „Arche des Geschmacks“ aufgenommen.
Wildes Obst. Die Staude selbst ist eigentlich recht robust. „Sie hat keine Schädlinge und braucht deshalb nicht gespritzt zu werden. Sie ist also naturbelassen“, sagt Fuxsteiner, die 2004 auch die erste Dirndlkönigin war – ja, auch die gibt es, sie wurde stilgerecht beim Dirndlkirtag gekürt. Wichtig ist, dass die Frucht wirklich ausreift. Solange sie noch am Baum hängt, ist sie ungenießbar. Fuxsteiner nennt das den Naturinstinkt der Staude. Erst wenn sie abfällt, schmeckt sie auch. Dirndlbauer Gonaus hatte für die Ernte Mitte der 1980er-Jahre eine Idee. „Ich habe Hagelschutznetze unter den Baum gelegt. So kann man sie gut sammeln. Heute machen das alle so.“ Allerdings dauert die Ernte, meist ab Mitte August, drei Wochen lang. Im Schnitt gibt so ein Strauch pro Jahr 40 bis 50 Kilogramm Frucht her. Größere Exemplare können auf bis zu 150 Kilo kommen.
Danach wird die Frucht, die einen besonders hohen Vitamin-C-Gehalt hat und frisch-säuerlich schmeckt, verarbeitet. Für den Brand oder Likör muss nicht entkernt werden, für Marmeladen, Chutneys, Sirup, Saucen, Honig oder gar Dirndlschokolade hingegen schon. Letzteres dürfte sich aber für die Produzenten und Bauern weit mehr auszahlen. Immerhin ist ein Kilo frische Dirndln schon um bis zu zwei Euro zu haben. Für ein hübsches Dirndlmarmeladengläschen lässt sich in der Wiener Innenstadt aber wesentlich mehr verlangen.
Sanddorn
Das Ölweidengewächs Sanddorn taucht immer öfter in verarbeiteter Form auf, etwa als Marmelade, Chutney, Sirup oder Likör. Auch in der Kosmetik wird die vitaminreiche Frucht gern verwendet. Je nach Sorte enthalten 100 Gramm Fruchtfleisch 200 bis 900 Milligramm Vitamin C. Die Früchte reifen im Herbst bis Spätherbst. Die Pflanze wächst vor allem in der Nähe von Flüssen und Bächen sowie an der Küste, ist pflegeleicht und braucht viel Licht.
Kriecherl
Das Kriecherl gehört zu den ältesten Pflanzen, deren Ursprung in Mitteleuropa liegt, und ist eine Wildpflaume. Heute kommt sie in Österreich vor allem in der Steiermark und im Osten des Landes vor. Im Waldviertel wirbt der Verein „Waldviertler Kriecherl“ dafür. Da sich das Fruchtfleisch nur sehr schwer vom Kern lösen lässt, wird sie vorrangig zu Destillaten verarbeitet. Mittlerweile werden aber Marmeladen, Nektar oder auch Säfte daraus hergestellt.
Mispel
Die Mispel (auch Asperl oder Nespel) gehört zu den Rosengewächsen. Sie wurde im Orient schon vor 3000 Jahren angebaut, nach West- und Mitteleuropa kam sie vor etwa 2000 Jahren. Während sie im Mittelalter wegen ihrer gesundheitlichen Wirkung geschätzt wurde, ist sie heute weniger bekannt. Wegen der weißen Blüten wird sie allerdings als Zierstrauch verwendet. Die Früchte schmecken herb und leicht säuerlich. Sie sind erst nach dem ersten Frost genießbar.
Apfelbeere
Sie ist ursprünglich in Nordamerika beheimatet und kam Anfang des 19. Jahrhunderts nach Europa. Die Apfelbeere (oder Aronia) zählt zu den Rosengewächsen und enthält besonders viele sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe. So soll das Kernobst das Krebsrisiko minimieren, sich positiv auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken und entzündungshemmend sein. Die Ernte beginnt je nach Sorte zwischen August und Oktober. Die Pflanze ist ans kontinentale Klima angepasst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)
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