Wien. Für den echten Wiener mag das Würstchen im ersten Moment befremdlich schmecken. Das Brot ist weich und leicht zu durchbeißen. Ein paar Millisekunden später wird Sauce den Gaumen treffen, danach kommt gleich etwas Bekanntes (endlich: Frankfurter!) – doch ganz ohne Hülle und so schnell durchgebissen, dass man sich fragen kann: War da überhaupt was?
Ja, da war was. Ein amerikanischer Hotdog. Den verkaufen Leonie Mayer-Rieckh und Matthias Hofer seit 1. Juni mit ihrem mobilen Würstelstand Hildegard Wurst. Damit stehen sie stellvertretend für eine Erweiterung des Portfolios in Wiens Wurstsektor, das in den vergangenen Wochen durch einige internationale Angebote bereichert wurde. Was mancher Wiener auch für notwendig hält, war oft die spannendste Frage der Auswahl, selbst bei gut sortierten Würstelständen: „Semmel oder Brot?“
Doch das ist längst nicht mehr genug. „Ich war immer ein bisschen gelangweilt, wenn ich mir das Fast-Food-Angebot in Wien angesehen habe“, erzählt Mayer-Rieckh von Hildegard Wurst. Pizza, Kebab, Durchschnittswürstel – daran hatte sich die 30-Jährige schon längst abgegessen.
Ein halbes Jahr nach der Erkenntnis fahren sie und Matthias Hofer mit ihrer umgebauten Piaggio Ape – einem Moped mit integriertem Wurststand – durch die Stadt. Oder von Veranstaltung zu Veranstaltung. Denn Hildegard Wurst geben ihre Hotdogs (3,50 Euro das Stück) vorwiegend bei Events wie zuletzt dem Popfest oder privaten Feiern aus. Seit vergangener Woche steht ihr Gefährt auch jeden Donnerstag auf dem Margaretenplatz. Geboten werden fünf verschiedene Hotdogs. Bei allen gleich ist nur das Brötchen und die Wurst – eine hüllenlose Frankfurter von Radatz. „Danach kommen unterschiedliche Beilagen rein und ein Topping drauf“, sagt Hofer. Beim Hotdog „New York“ gibt es Tomatenrelish mit Sauerkraut und Senf; „Malmö“ enthält Gurke, Senf und Zwiebel. Alles auch erhältlich mit Tofuwurst.
Currywurst für deutsche Wiener
Einer, der sich zwar geschmacklich nicht gelangweilt, wohl aber den Geschmack der Heimat vermisst hat, ist Andreas Scheuer. Der 46-Jährige verkauft deutsche Currywurst in der „Wurstbotschaft“ am Wiener Donaukanal. „Wenn ein Deutscher nach Hause kommt, geht er zuerst zum Currywurststand“, sagt Scheuer, der vorher in einer großen Versicherungsfirma tätig war. Doch rund 80.000 Exildeutsche in Wien müssen künftig nicht mehr nach Deutschland fahren – Scheuer hat sie als Zielgruppe entdeckt.
Lang überlegt, ob er die Currywurstbude umsetzen soll, hat der Berliner daher nicht. „Wir haben erst am 13. Mai beschlossen, dass wir das machen werden.“ Am 1. Juni wurde der Stand – als Teil des Wiener Lokals Adria – eröffnet. Davor hat sich Scheuer zwei Wochen lang durch alle möglichen Currywurst-Rezepte gekocht. Weil er die Würste nicht importieren konnte („das geht nicht, wenn man die Qualität halten will“), musste er eine entwickeln lassen. Ins Geschäft ist er mit dem Wiener Wursthersteller Trünkel gekommen. Jetzt gibt es eine eigens von Trünkel und Scheuer kreierte Currywurst mit feinem Brät. Auch die drei Currywurst-Saucen (Berlin, Bochum, Sylt) produziert Trünkel nach Scheuers Rezept.
Mit der Wurst stellt Scheuer nicht nur Deutsche zufrieden – auch die Wiener finden langsam Geschmack daran. „Am Anfang sind viele ja noch reserviert“, sagt Scheuer, dessen Berliner Akzent auch nach vier Jahren in Österreich deutlich zu hören ist. Das würde sich aber ganz schnell legen.
Keine kulturellen Werte, dafür eine ungewöhnliche Geschmackskombination (und einen guten Marketing-Gag) verkauft Thomas Danecek mit seiner „saucisse au fromage avec caviar“, zu Deutsch „Käsekrainer mit Kaviar“. Die Edelwurst gibt es bei seinem Würstelstand Ubox am Schwedenplatz. Immerhin, zwei- bis dreimal am Tag soll die Wurst für 15 Euro das Stück über die Theke wandern. Dafür bekommen seine Kunden eine Käsekrainer, Beilagen und ein Baguette mit Imperialkaviar. Gekauft wird das Würstel vorwiegend von Touristen. Für echte Wiener mag eine Käsekrainer mit Kaviar dann doch etwas befremdlich schmecken. So international ist man dann auch wieder nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)
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