Hans-Ulrich Grimm: "Zucker ist das Böseste"

Die Lebensmittelindustrie ist das Feindbild des deutschen Autors. Grimm über Der deutsche Autor über das "Suchtmittel" Zucker und die Verflechtungen zwischen Politik und Zuckerindustrie.

HansUlrich Grimm Zucker Boeseste
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HansUlrich Grimm Zucker Boeseste
HansUlrich Grimm Zucker Boeseste – (c) Erwin Wodicka

Der Autor und einstige „Spiegel“-Journalist Hans-Ulrich Grimm kämpft seit Jahren gegen die Lebensmittelindustrie. In seinem Buch „Garantiert gesundheitsgefährdend“, das am 20.März erscheint, widmet er sich dem Zucker. „Die Presse am Sonntag“ traf Grimm im Rahmen des Symposiums „Anständig essen“ in Bad Gastein.

 

Sie schreiben, Zucker ist böse. Er macht dick, dumm, kriminell. Ist das nicht übertrieben?

Hans-Ulrich Grimm: Zucker ist das Böseste, was es gibt. Das Problem ist: Eigentlich braucht der Mensch Zucker. Wenn der Körper mit dem Stoff nichts anfangen könnte, könnte er auch keinen Schaden anrichten. Da er aber Zucker braucht, kann dessen exzessiver Konsum weitreichende Folgen haben.

 

Sollen wir also nur natürlichen Zucker, der in Obst vorkommt, essen?

Obst im Übermaß ist auch problematisch. Früher gab es bei uns nur Obst im Sommer. Der liebe Gott hat das so eingerichtet, dass man dann zugreift und sich Vorräte anlegt. Deswegen kann der Körper Zucker in Fett verwandeln und umgekehrt. Zucker wird in die Leber eingelagert für schlechte Zeiten, in denen er wieder umgewandelt werden kann. Heute haben wir aber einen Zucker-Overkill, die Leber verfettet. 20 Prozent der Bevölkerung leiden an nicht-alkoholischer Fettleber. Deswegen sollte Zucker gesetzlich reglementieren werden, fordern Mediziner.

 

Machen Verbote ihn nicht interessanter?

Wenn man davon ausgeht, dass Zucker ein Suchtmittel ist, kann man ihn mit Drogen vergleichen. An jeder Ecke steht ein Cola-Automat, es gibt aber nicht an jeder Haltestelle oder im Kinderkrankenhaus einen Heroinautomaten. Zucker wirkt im Gehirn wie ein Suchtmittel, also sollte man ihn so handhaben.

 

Soll Zucker verboten werden?

Das hieße, von einem Extrem ins andere zu fallen. Der Staat fördert seit Jahrhunderten Zucker. Früher haben Könige ihre Paläste mit den Einnahmen aus Zucker finanziert. Heute gibt es in London die International Sugar Organisation (ISO), eine Einrichtung zur Förderung des Zuckerkonsums, die EU ist Mitglied. Momentan geht es nicht um ein Verbot, momentan wird Zucker gefördert. Politik und Industrie sind verflochten.

 

Dann bleibt also der Konsument über. Was kann man dagegen tun?

Es ist völlig vermessen, auch nur zwei Minuten darüber nachzudenken, was sich global ändern kann. So mächtig sind wir nicht. Natürlich können Menschen alles, was von Menschen gemacht ist, auch ändern. Aber wenn da so gewaltige Interessen dahinter sind: 165 Millionen Tonnen Zucker werden pro Jahr produziert. Aber jeder kann sich abkoppeln. Grob geschätzt dauert es 300 Jahre, bis sich etwas ändert.

 

Lebensmittelskandale wirken meist nicht lange. Warum ist uns das so egal?

Mir hängt es nach dem dritten Skandal auch zum Hals raus. Was die Bedrohung der Volksgesundheit betrifft, ist das Erlaubte viel schlimmer als das Skandalisierte. Der eigentliche Skandal ist Coca Cola, der größte Einzel-Emittent von Zucker; es ist für zehn Prozent des globalen Ausstoßes verantwortlich. Ich war in Genf bei der Weltgesundheitsversammlung, es ging um nicht-übertragbare Krankheiten wie Diabetes oder Krebs. 35 Millionen Menschen sterben daran jährlich. Nur 14 Prozent kommen vom Rauchen, der Rest: Zucker.

 

Nur Zucker? Nicht auch Fett?

Das müsste man einzeln untersuchen. Aber an vielen Stellen, wo man bisher Fett in Verdacht hatte, ist es Zucker. Cholesterin beispielsweise, die Blutfette: häufig nur verwandelter Zucker, gespeichert für schlechte Zeiten.

 

Ist ein Schmalzbrot gesünder als eine Torte?

Ein Schmalzbrot fand ich schon immer viel gesünder, aber ich bin kein Mediziner. Ich überlege nur, was evolutionär an uns angepasst ist. Fett zu leben bedeutet auch gut zu leben, wie die Made im Speck. Es gibt nur ein schlechtes Fett: industriell hergestellte Transfette.

 

Aber wir kennen auch das süße Leben.

Zucker gibt es aber nirgends in der Natur pur. Das ist der große Unterschied.

Bleibt die Beschäftigung mit gesunder Ernährung eigentlich ein Elitethema?

Eigentlich müsste es ein Massenthema sein. Ungesunde Ernährung wird aber sogar gefördert. Red Bull unterstützt ein Krankenhaus, in dem übergewichtige Kinder behandelt werden, bekommt aber auch Zuschüsse von der EU, an die zehn Millionen. Das System hat zwei Seiten: Einerseits wird auf der Zuckerseite unglaublich viel Geld verdient. Dietrich Mateschitz ist der reichste Österreicher. Andererseits gibt es das Folgen-Business. Durch Diabetes wird in Deutschland ein Umsatz von 48Mrd. Euro im Jahr gemacht. Bei Kongressen werden neben Insulinpillen Eis, Cola und Mars verteilt. Diabetologen sind darauf existenziell angewiesen. Ohne Blutzuckeranstieg keine Zuckerkrankheit.

 

Arbeiten die bewusst zusammen?

Nein, ich glaube nicht. Aber final kann man das ganz klar sagen, es gibt auf beiden Seiten Gewinner, dazwischen Verlierer. Früher gab es ein Gesundheitswesen, bei dem der Patient schnell gesund werden musste, damit er wieder arbeiten konnte. Heute gibt es eine Gesundheitswirtschaft, in der der Kranke gebraucht wird.

 

Was bedeutet das für die Betroffenen?

Die Dicken, die Armen braucht man als Patienten, also stellt man ihnen Cola-Automaten vor die Nase. Das Tragische ist, dass man ihnen die Schuld gibt. Bei Drogen werden die Abhängigen als Opfer gesehen, die Dealer als Täter. Bei Zucker ist der Abhängige der Täter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2013)

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