Die Apotheke kocht wieder

Die Saint-Charles-Apotheke lässt in ihrem Ableger Alimentary Nora Kreimeyer kochen. Und Bratwurst machen.

Nora Kreimeyer kocht dreimal pro Woche im Saint Charles Alimentary von Apotheker Alexander Ehrmann.
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Nora Kreimeyer kocht dreimal pro Woche im Saint Charles Alimentary von Apotheker Alexander Ehrmann.
Die Apotheke kocht wieder – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Schon einmal von einer Sodawassermarke namens Soda gehört? Die kleine Runde im noch kleineren Lokal Saint Charles Alimentary jedenfalls nicht. Soda: Das Wasser kommt aus der Rax und wird im zweiten Wiener Gemeindebezirk distribuiert. Und schmeckt, wie Soda eben schmeckt. „Nie gehört. Aber toll“, sagt Alexander Ehrmann dazu, der im richtigen Leben Apotheker ist und en passant dafür gesorgt hat, dass Soda nun im Alimentary in der Gumpendorfer Straße in Wien Mariahilf sprudelnd getrunken werden kann.

Bereits vor einigen Tagen hat das Alimentary-Projekt die nächste Runde eingeläutet. Hier, in diesem 16,7 Quadratmeter großen Raum mit Sitzmöglichkeiten für zwei bescheiden große Gruppen, hat Ehrmann schon einige Köche kochen lassen – etwa Philipp Furtenbach. Und nun herrscht Nora Kreimeyer über die Küche. Gerade eben brät sie Zucchini an, eine Schüssel mit aufgequelltem Couscous steht ebenfalls bereit. Kreimeyer kocht jeden Mittwoch bis Freitag, ganztägig, heißt also: Mittagstisch, Kuchen am Nachmittag und Brettljause am Abend. Und gerade Letzteres hat sie dazu bewogen, ihr Lokalkonzept „Heuriger“ zu nennen. Auch wenn das Alimentary mitten in der Stadt ist und ein bisschen die Heurigenbank fehlt.
Sie wolle Nachhaltigkeit vermitteln, sagt Kreimeyer. Wo der Winzer seinen eigenen Wein ausschenkt, tischt sie ihr eigenes Chutney mit selbst gepflückten Holunderblüten auf.

Gelernt hat die Dortmunderin im Berliner Schlosshotel Grunewald, anschließend ist sie von Sternelokal zu Sternelokal gezogen (sie hat unter anderem bei Léa Linster in Luxemburg gelernt). Im Alimentary (zuvor hat sie im Gaumenspiel in Neubau gekocht) wolle sie handwerklich arbeiten, sagt Kreimeyer, und dazu gehöre auch, dass sie die Bratwurst zur Brettljause selbst herstelle („An Käse wage ich mich noch nicht heran“) und die Kräuter selbst pflücke. Mit ihren Gästen will sie denn auch gern plaudern können, was sich bei der Größe des Lokals wohl kaum verhindern lassen wird.

Und was hat der Apotheker Ehrmann mit all dem zu tun? Bereits in sechster Generation betreibt er die Saint-Charles-Apotheke vis à vis vom Alimentary. Sein Selbstverständnis als Apotheker ist allerdings etwas alternativ. „Bei den Apotheken“, sagt Ehrmann, „gibt es oft zwei Typen: die klinisch weiße und das dunkle Loch. In beiden Fällen will man schnell wieder hinaus.“ Seine eigene – es gibt sie seit 1886 – ist hell, durchaus ungewöhnlich eingerichtet, die Mitarbeiter spendieren Heidekraut-Tee, und manchmal lässt Ehrmann eine Folge „Dick und Doof“ an die Wand projizieren.

Vor sechs Jahren vergrößerte Ehrmann sein Apothekenkonzept und eröffnete in derselben Straße das Saint Charles Cosmothecary, wo kosmetische Behandlungen angeboten werden, sowie das Alimentary. Alle drei Standorte befinden sich nur einige Schritte voneinander entfernt. Für alles ist ein Kraut gewachsen, lautet ein „g'scheiter Satz“, so Ehrmann, und hier finden sie gewissermaßen zueinander: Medizin, Kosmetik und Ernährung. Die Kräuter werden unter anderem rund um den Hof Prigglitz gepflückt, den Ehrmann gepachtet hat, wo er beizeiten Gäste empfängt – wie etwa diesen Samstag –, und wo rund um ein offenes Feuer Nora Kreimeyer ein wenig werkeln kann.

Wo Ehrmann und Kreimeyer noch eine Gemeinsamkeit sehen? Sie beide sind den Menschen (Kunden) gleich nah. Während Ehrmann aber das Weiße-Kittel-Image abstreifen möchte, zieht Kreimeyer bewusst eine bunte Kochschürze an. Ihren Produkten hat sie auch den Labelnamen Mamsell verpasst, die Abkürzung von Mademoiselle und Bezeichnung für die Küchenchefinnen in bürgerlichen/adeligen Haushalten. Das war freilich im 18. Jahrhundert, aber als Küchenchefin sieht Kreimeyer durchaus Parallelen zu ihrer Position.

Eine Mamsell in der Gumpendorfer Straße also. Warum eigentlich nicht.

Auf einen Blick

Saint Charles Alimentary. Im Ableger der Saint-Charles-Apotheke kocht neuerdings Nora Kreimeyer ganztägig von Mittwoch bis Freitag. Abends wird eine Brettljause serviert, unter anderem mit selbst gemachter Wurst und auch Schinken. Gumpendorfer Straße 31–33, 1060 Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2013)

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