Eigentlich müsste Pierre-Emmanuel Taittinger nur noch Champagner trinken und ihn nicht erzeugen: Vor drei Jahren verkaufte die Familie das Taittinger-Konglomorat – dazu gehörte das Hotel de Crillon in Paris, der Kristallhersteller Baccarat, die Parfummarke Annick Goutal und sogar eine kleine Privatbank, die Banque de Louvre – an Starwood Capital. 2,2 Milliarden Euro brachte das den 39 Familienmitgliedern – rund 55 Millionen für Pierre-Emmanuel. Nur: Er wollte diesen Verkauf nicht.
„Mein Büro im Champagnerhaus liegt über einem Kreidefelsen, mit einem Keller, der 1500 Jahre alt ist“, sagt er im Interview mit dem „Schaufenster“. „Das Gebäude war früher eine Basilika. Das verpflichtet.“
Da traf es sich gut, dass Starwood mit dem Champagnergeschäft nicht viel anfangen konnte. In einem Kraftakt kaufte Pierre-Emmanuel Taittinger das Unternehmen im Vorjahr zurück und musste sich gegen Bieter aus der ganzen Welt – darunter auch eine indische Brauerei – durchsetzen. Starwood verkaufte an eine Regionalbank in Reims, diese tritt nun ihre Anteile allmählich an Pierre-Emmanuel Taittinger ab. 42 Prozent des Kapitals und 47 Prozent der Stimmrechte hat er schon zurückgekauft, insgesamt wird er dafür 660 Millionen Euro auf den Tisch legen. „Für mich ging es nicht um ein lukratives Geschäft“, sagt Taittinger. „Ich bin ein Künstler, und wie ein Künstler signieren wir die Weine mit unserem Namen. Als ich Taittinger zurückgekauft habe, da habe ich wie ein Künstler gehandelt, der seinen Namen zurückkauft.“
Multinationales Business. Taittingers Individualismus hat eher Seltenheitswert in der globalisierten Champagnerbranche: Mit einem Umsatz von 110 Millionen Euro liegt das Unternehmen im Mittelfeld der Erzeuger, wobei die großen Marken heute meist in den Händen multi-
national agierender Luxusunternehmen sind. So besitzt der Mode- und Spirituosenkonzern LVMH die Marken Moët & Chandon, Veuve Clicquot Ponsardin, Krug, Mai son Ruinart, Mercier und Dom Pérignon. Aber auch die Konzerne Pernod-Ricard, Rémy-Cointreau oder Vranken-Pommery sind in der Champagne stark vertreten. Es sind auch die großen Champagnerhäuser, die aufgrund von „Traubennot“ immer wieder darauf drängen, das Anbaugebiet auszuweiten. Denn zumindest bis vor der jetzigen Weltfinanzkrise ist die Nachfrage nach edlem Champagner ständig gewachsen.
Mit 55 Prozent der Abnahmemenge bleiben die Franzosen nach wie vor die größten Sprudeltrinker. 25 Prozent gehen in die übrigen EU-Länder, und 20 Prozent werden in den Rest der Welt exportiert. Die größten Abnehmerländer sind Großbritannien (39 Millionen Flaschen), die USA (21,7 Mio.), Deutschland (12,9 Mio.), Italien (10,3 Mio.), Belgien (9,9 Mio.) und Japan (9,2 Mio.). Immer wichtiger werden der russische Markt (plus 36 Prozent im Jahr 2007), China und Indien, wo 2007 um 136 Prozent mehr Champagner getrunken wurde als noch im Jahr zuvor. Überraschen mögen auch die 980.000 Flaschen, die in die Vereinigten Arabischen Emirate exportiert worden sind.
Reiche Weinbauern. Nun hat Frankreichs zentrale Behörde, das staatliche Amt INAO, das die Herkunftsbezeichnung AOC überwacht, beschlossen, das 33.500 Hektar umfassende Champagnergebiet auf insgesamt 40.500 zu erweitern. 7000 Hektar zusätzlich, das bedeutet eine Steigerung um 20 Prozent. Begründet wird die Expansion mit der Nachfrage nach Champagner, die seit Jahren steigt, und dem Konsum, der weltweit explodiert ist.
„Bei der Erweiterung der Anbauflächen geht es nun um viel Geld“, sagt Taittinger. Um verdammt viel Geld. Er rechnet vor: Wer sein Ackerland als Champagneranbaufläche aufgewertet bekomme, hat quasi im Lotto gewonnen. Denn für ein Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche bekomme man in Frankreich derzeit etwa 3500 Euro pro Hektar. „Dem gegenüber bezahlt man für ein Hektar in der Champagnerzone rund 700.000 Euro, manche bekamen schon 1,1 Millionen. „Ich gehe davon aus, dass in der Champagne manche Bauern in Zukunft bald sehr reich sein werden“, sagt Taittinger, denn die Logik der großen Erzeuger sieht vor, dass der Absatz jedes Jahr wächst. „Die Grenze“, sagt Cecile Bonnefond, Chefin von Veuve Clicquot, „ist ausschließlich die Exzellenz und Qualität des Champagners. Es geht nicht um eine Ausweitung der Anbauzonen, sondern um eine Neudefinition.“ Das sei ein feiner Unterschied. Zumindest aus
ihrer Sicht.
Champagner-Überschwemmung. Noch allerdings droht keine akute Gefahr einer Champagner-Flut: Bei rund 400 Millionen Flaschen Jahresproduktion liegt die Schallgrenze, die selbst bei einer Ausweitung der Zonen nicht so rasch erreicht werden kann. Es vergehen Jahre, bis die neuen Rebstöcke Erträge haben, und weitere Jahre, bis der Champagner gereift ist. Taittinger schätzt, dass frühestens in zehn Jahren die ersten Korken neuen Champagners knallen werden. „Vorausgesetzt, die Wirtschaftskrise macht da nicht einen großen Strich durch die Rechnung.“
Solch ökonomisches Kalkül sei Taittinger nicht ganz so wichtig. Er beruft sich auf die Geschichte. „Die Champagner von Taittinger haben schon immer zu den feinsten und renommiertesten Schaumweinen gezählt, die diese Region hervorbringt.“ In den Bewertungen der Kritiker rangieren die Erzeugnisse stets weit oben. Taittinger wird in diesem Jahr das Betriebsergebnis steigern, die absolute Höhe nennt Taittinger nicht, aber nicht aus Geheimniskrämerei. „Ach, wissen Sie“, reagiert er ein wenig gereizt auf entsprechende Fragen, „für mich haben diese Zahlen keine Bedeutung.“ In diesem Jahr steige der Umsatz vielleicht, im nächsten Jahr dagegen könne die Ernte schlecht ausfallen und den Umsatz um 40 Prozent drücken. „Wachstum interessiert mich nicht im Geringsten“, legt er ein Schäuflein nach. „Der kurzfristige Horizont der Börse ist bei Champagner verfehlt.“ Sein Wort in Gottes Ohr.
Taittinger: Champagner im Überfluss
29.10.2008 | 17:39 | Von Robert Kropf (Die Presse - Schaufenster)
Die Zukunft des Champagners: Während Pierre-

Champagner: Überschwemmung
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