25.05.2012 14:43 | Meine Presse Merkliste 0

Hobby-Köche und das Internet: Kochen 2.0

12.06.2010 | 17:59 |  von Karin Schuh (Die Presse)

"Open Kitchen" oder "Guerilla-Restaurants": Die Hobby-Koch-Community nutzt das Internet und seine sozialen Dienste zum Austausch – und um Treffen zu organisieren.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Kochen im Internet – das geht noch nicht. Für das ganze Drumherum des neuen Lifestyle-Hobbys werden aber die interaktiven Web-2.0-Möglichkeiten gerne genutzt. Food-Blogger geben perfekte Garzeiten weiter oder verraten, wo sie den besten Bio-Spargel gefunden haben. Menschen, die genug von „normalen“ Restaurants haben und lieber in (beinahe) privaten „Guerilla-Restaurants“ speisen, tauschen sich aus, um dann gemeinsam an geheimen Orten zu essen. Andere wiederum nutzen Facebook und andere soziale Dienste einfach, um sich zum nächsten Kochevent anzumelden – ohne Gebühr und privat.

Wie etwa Vinzenz Weber und seine Kochfreunde von „Open Kitchen“. In einer kleinen Wiener Wohnung unweit des Brunnenmarkts lädt diesmal Denise zum kollektiven Kochen. Nach und nach trudeln Menschen ein und bringen verschiedene Zutaten mit. Ein Webdesigner und ehemaliger Koch hat ein großes Stück Fleisch in seiner Kühlbox, eine Marketingexpertin bringt eine Ananas, ein sportlicher Kerl hat Spargel im Gepäck und bringt auch gleich einen Freund aus Australien mit. Einen Menüplan gibt es nicht, auch keinen Küchenchef. Der Zufall bestimmt, was anschließend verspeist wird. Organisiert wurde das Ganze über Facebook.

„Begonnen hat es damit, dass ich früher gern Leute aus der Firma zum Kochen eingeladen habe. Letzten Sommer entstand dann die Idee zur ,Open Kitchen‘. Jeder nimmt ein paar Zutaten mit, und wir schauen dann, was passiert“, sagt Initiator Vinzenz Weber. „Open Kitchen“ versteht der 28-jährige Softwareentwickler als eine Mischung aus Kochevent und Netzwerktreffen. „Einerseits bin ich einfach gerne unter Leuten. Andererseits haben mir meine Eltern zwar vermittelt, wie wichtig gesunde Ernährung ist, aber nicht wie man richtig kocht. Ich bin einfach oft ratlos, wenn ich im Supermarkt stehe“, sagt Weber, der sich selbst als sozialen Menschen bezeichnet.

Die Idee der offenen Küche ging auf. Die Events finden mittlerweile in privatem und öffentlichem Rahmen statt, beispielsweise in der Bar Wien in der Innenstadt. Die Facebook-Gruppe zählt rund 200 Freunde, eine eigene Onlineplattform ist geplant. Auch eine „Business Version“ oder spezielle Veranstaltungen für Kinder werden überlegt.

Gute Produkte machen's aus. Die „Open Kitchen“-Freunde dürften mit ihren Kochevents nicht allein bleiben. „Kochen hat im deutschsprachigen Raum durch die Krise eine Aufwertung erfahren. Man geht weniger auswärts essen, kauft sich keinen neuen Kühlschrank, aber man füllt diesen mit guten Produkten“, sagt Hanni Rützler, die als Ernährungswissenschaftlerin und Gesundheitspsychologin rund um die Zukunft des Essens forscht.

Das Bewusstsein für gutes Essen und gemeinsames Kochen ist aber nicht nur wegen der Krise gestiegen. Auch die veränderten Lebensverhältnisse mischen mit. Wer den ganzen Tag mit dem Kopf arbeitet, sieht Kochen als haptischen, kreativen Ausgleich. In Single-Haushalten und Patchworkfamilien wird anders gekocht als in klassisch bürgerlichen Haushalten inklusive Hausfrau. „Weil Kochen fast aus der Norm gerutscht wäre, wird es wieder neu entdeckt“, so Rützler.

Der Kochbuchboom der letzten zehn Jahre geht etwas zurück und verlagert sich ins Internet. Es wird wieder gekocht – und zwar nicht, um schnell satt zu werden, sondern auch, um das Kochen als Erlebnis zu genießen. Und wer etwas Schönes erlebt, teilt das auch gerne mit seinen Mitmenschen.

Food-Blogs werden Legende. Da kommt das Internet gerade recht. 185 Millionen Einträge findet Google unter dem Begriff „Food-Blog“. Das Angebot ist so unterschiedlich wie die Menschen, die dahinterstehen. Vom Blog zur türkischen Küche (kochdichturkisch.de) über jenen der verzweifelten Hausfrau The Pioneer Woman (thepioneerwoman.com) bis zum französischen Patisserie-Blog (foodbeam.com). Manche Blogger veröffentlichen ihre Rezepte auch als Buch, wie die Münchnerin Nicole Stich, deren Blog Delicious Days (www.deliciousdays.com) vom „Time Magazine“ zu den 50 coolsten Websites der Welt gewählt wurde.

„Die Vernetzung im Internet lohnt sich vor allem regional“, so Rützler. Das nutzen auch die Anhänger der „Guerilla-Restaurants“. Ohne Internet wüssten sie nicht, wo demnächst aufgetischt wird. Gegen eine freiwillige Spende speisen sie in Privatwohnungen oder Restaurants, die offiziell keine sind. In Österreich ist dieser Trend noch nicht angekommen, in Seattle, London und Berlin schon. Auch hier steht, neben dem Reiz des Verbotenen oder zumindest Geheimen, das Soziale im Vordergrund. Menschen treffen aufeinander, die sonst nicht in Berührung kommen würden.

Die Liebe und der Magen.
„Essen hat eine soziale und biologische Funktion, wobei das Soziale in entwickelten Ländern wesentlich wichtiger ist“, sagt Anselm Eder, Soziologe an der Uni Wien. Eine gemeinsame Aktivität, wie etwa das Kochen, mache das Kennenlernen wesentlich einfacher: „Das nackte Beisammensein bringen wir in unserer Gesellschaft nicht zusammen. Eine Aktivität bietet Rückzugsmöglichkeiten.“ Und Rückzugsmöglichkeiten seien für die Internetgeneration wichtig.

Diese hatte Ulrike zwar bei der letzten „Open Kitchen“-Veranstaltung – in Anspruch genommen hat sie sie aber nicht. „Ich finde das einfach nett, man trifft andere Menschen und man lernt sich anders kennen“, so die sympathische Blondine. Im April hat sie Michael beim kollektiven Kochen näher kennengelernt, seitdem sind sie ein Paar. „Damit hätte ich nicht gerechnet“, sagt sie. Vinzenz schon: „Bis jetzt ist noch bei jeder ,Open Kitchen‘ ein Pärchen zusammengekommen.“

Facebook und andere soziale Dienste haben sich zu einer Drehscheibe für Leute gemausert, die gerne gemeinsam kochen oder sich zu privaten Kochevents verabreden.

Einige Food-Blogs haben mittlerweile Kultstatus erreicht, zum Beispiel das wunderschön gestaltete „Delicious Days“.

Rezeptsammlungen gibt es im Internet zu praktisch allen Unter- und Unter-unter-Kategorien, jeder Starkoch (und solcher, der es noch werden will) ist im Netz vertreten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

3 Kommentare
Gast: Vinzenz Weber
12.10.2010 14:29
0 0

mehr zu OPENKITCHEN

Mehr zu OPENKITCHEN gibt es im Web unter http://www.openkitchen.at oder auf Facebook unter http://www.facebook.com/openkitchen.at

Ich hoffe wir sehen uns bei einer der nächsten OPENKITCHEN Events ;)

Saskatoon
13.06.2010 19:48
0 0

kochen .... was muß ein koch können

nix
er muß nur fußballspielen, bei so mancher dummen orf sendung dabei sein, bei chilli, bei seitenblicke usw....

das im grunde genommen, die gerichte für den durchschnittsmenschen unerschwinglich sind ist egal, das die meisten gerichte im TV in den mistkübel wandern ist auch egal...

die gemeine hausfrau ist überfordert

ihaas.at
13.06.2010 13:10
0 0

Wir freuen uns immer über Zuwachs!

http://www.facebook.com/group.php?gid=232643477611&ref=ts