Prinz Louis Albert de Broglie: Frankreichs Gartenprinz

28.08.2010 | 18:21 |  von Paulina Szmydke (Die Presse)

Im Rahmen eines märchenhaften Ökoprojekts rettet ein französischer Adeliger das Erbgut der Tomate und verhilft der alten Fruchtdame zu neuem Geschmack.

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Prinz Louis Albert de Broglie ist ein charmanter Mann, ein Gentleman alter Schule: Er ist einer, der Frauen die Tür aufhält, ihnen über hohe Schwellen alter französischer Gemäuer hilft, beim Essen wartet, bis sie den ersten Bissen gemacht haben, ehe er selbst zulangt. Anders als die meisten Männer seines Alters spielt er auch nicht ständig wie ein kleiner Junge auf seinem Handy herum, sondern hält aufmerksam Augenkontakt, während man mit ihm spricht. Wäre der Begriff nicht zu abgestanden, „Prinz Charming“ würde den Nagel auf den Kopf treffen.

Doch halt – es geht noch weiter. Der Prinz besitzt ein Schloss namens Bourdaisière im Tal der Loire östlich von Tours. Dort liegt ein Garten versteckt. Es ist kein gewöhnlicher Schlossgarten. Von dem üblichen Firlefanz aus wasserspeienden Figuren, konstruierten Irrgärten und Sträuchern nach Maß fehlt jede Spur. Und doch ist Bourdaisière – mit dem Charme von Omas Schrebergarten gesegnet – an Extravaganz und Opulenz nicht zu übertreffen.


Beefsteak und Glasnost. Ein Blick auf die Schilder am Fuß der hier wachsenden Sträucher verrät, was man schon beim Betreten der possierlichen Oase vermutet hat: Die hiesige Fauna spricht eine einzigartige Sprache. „Magnum Beefsteak“, „Cherokee Chocolate“, „Banana Legs“, „White Rabbit“, „Glasnost“, „Believe It or Not“. Was hier so üppig aus dem Boden sprießt, ist alles Tomate. Sie ist des Prinzen Auserwählte.

„Eine lustige kleine Frucht, nicht wahr?“, sagt de Broglie, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Er streicht sich behutsam eine blond-grau melierte Locke von der Stirn und beginnt voller Anerkennung über die herausragende Wandelbarkeit der alten Dame zu sinnieren. „So rot und rund – das macht sie sympathisch. Aber irren Sie sich da mal nicht. Sie ist nicht das, was sie vorgibt zu sein. Sie ist mal grün, mal gelb, mal schwarz, weiß oder orange; mal hat sie die Form eines Apfels, mal die einer Birne, dazu eine unglaubliche Spannbreite an Geschmack – süß, mild, sauer; außerdem kann sie mal hohl, mal voller Fruchtfleisch sein.“ Der Prinz hält kurz inne und fügt mit einer ausladenden Handbewegung hinzu: „Sie sehen, wenn ich erst einmal begonnen habe, kann ich schwer wieder aufhören.“

De Broglie hat geschafft, was niemandem vor ihm gelungen ist. Er hat mehr als 630 verschiedene Varietäten von Tomaten im Garten seines Schlosses gepflanzt. Das 1998 gestartete Ökoprojekt läuft unter dem Namen „Le Conservatoire de la Tomate“ und soll ein möglichst breites Publikum für den Naturschutz sensibilisieren. „Wir haben zwar nicht die größte Sammlung an Saatgut hier“, gibt sich der 47-Jährige bescheiden, „weltweit sind 10.000 Varietäten bekannt. Aber die bedeutendste Kollektion an gepflanzten Früchten.“ Darunter befinden sich auch viele rare und sehr alte Sorten. Die Samen kommen von privaten Sammlern oder Organisationen, die auf Konservierung von altem Gemüse spezialisiert sind – etwa die L'Association Kokopelli in Frankreich, Richters in Kanada oder die Arche Noah in Österreich.

Eigentlich ist der Prinz ja Banker. Das ist ihm fast unangenehm. „Nobody's perfect“, erwidert er verlegen. De Broglie hat sich lange um Akquisitionen und Investitionen der Paribas, der nach Einlagen gerechnet größten Bank Europas, gekümmert, viel Zeit in Indien und Lateinamerika verbracht, wo sich ihm eine Welt eröffnet hat, die bunter und geschmackvoller war als jene zu Hause. „Als mein Bruder mir 1991 vorschlug, dieses Schloss, das bereits zweimal direkt oder indirekt unserer Familie gehört hatte, zu kaufen und in ein Hotel umzuwandeln, zögerte ich nicht lange. Ich interessierte mich aber primär für den Garten, und so bekam ich den Spitznamen Prince Jardinier.“


Geschmäcker und Düfte. Der Gartenprinz. Das ist neu in der Familie de Broglie, eines der ältesten Adelshäuser Frankreichs. Zwei Premierminister und ein Nobelpreisträger für Physik gingen aus ihr hervor. Louis Albert dagegen widmet sich lieber der Erhaltung der genetischen Vielfalt der Tomate. „Mein Ziel war es, eine Sammlung aufzubauen, die nicht nur meiner Neugier Genugtuung verschaffte, sondern mich die Geschmäcker, Düfte und Sinnesempfindungen meiner Kindheit wiederentdecken ließ.“

„Probieren Sie doch“, ködert Nicolas Toutain, des Prinzen Hauptgärtner, während er eine sonderbare Frucht vom Strauch schneidet. „Green Zebra“ steht auf dem Schild – eine grüne Kugel mit gelben Zebrastreifen am Körper, so weich, dass sie wie Butter auf der Zunge zergeht, Schale inklusive. Von zartem Gelb, fast durchsichtig ist die „White Wonder“ – „eine alte Amerikanerin aus dem 19. Jahrhundert“. Sie riecht wie eine Birne und schmeckt doch nach Honigmelone. Anders ihre Nachbarin „Piment“ – sie hat die Silhouette einer überdimensionalen Chilischote, dabei schmeckt sie doch sehr fruchtig. Dem Ökoprinzen hat es dagegen die „Ananas“ schwer angetan. Ein fetter Klops mit einem Rekordgewicht von bis zu drei Kilogramm. „Ihr Fleisch ist so fest, dass man sie in Scheiben schneiden und wie ein Steak grillen kann. Einfach deliziös!“

Wenn de Broglie am Grill steht, am liebsten in selbst entworfenen Kleidern, die er mit schicken Gartenutensilien unter dem Pseudonym „Prince Jardinier“ erfolgreich vermarktet, schauen auch gern seine alten Bankerfreunde bei ihm vorbei. „Das tut ihrer geistigen Gesundheit gut und hebt die Moral“, scherzt der Prinz, ohne sich einen kleinen Seitenhieb zu verkneifen: „Schließlich kann man keine Banknoten essen.“

Der „Conservatoire de La Tomate“ steht aber natürlich auch Fremden offen. Jeden September wird das köstliche Ökoprojekt gar mit einem Tomatenfestival im Schlosspark zelebriert. Das hat die Tomate nötig. Die nach der Kartoffel am zweithäufigsten konsumierte Frucht der Welt ist längst Opfer ihrer eigenen Popularität geworden. „Um sie wirtschaftlich erfolgreich zu machen, wird sie viel zu viel gegossen“, beklagt Nicolas, der Gärtner. „Damit erhält man das gewünschte Marktgewicht, aber der Geschmack geht verloren.“

Besser als Meditation. In Bourdaisière hingegen lässt man der vielseitigen Frucht ihre Freiheiten. Darüber wacht der Prinz persönlich – von einem hohen Stuhl aus am Rande des Gartens. „Das ist der ideale Ort zur Reflexion über die Zerbrechlichkeit der Biodiversität“, schwärmt er, „und besser als Meditation.“ Als plötzlich das Handy auf dem Tisch zu vibrieren beginnt, zuckt der Prinz nicht einmal zusammen. Er lässt das Telefon unbeachtet liegen und fragt: „Haben Sie schon die Ivory Egg probiert?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)

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