Der Afternoon Tea ist der neue Brunch

Tee hat sich auch in der Jagertee-Nation längst vom langweiligen Image verabschiedet. Der heiße Aufguss trifft perfekt den Zeitgeist.

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Sandy Pinderak – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Tee ist geduldig – und das rentiert sich jetzt. Die Zeiten, als Tee lediglich eine lästige Begleiterscheinung einer Krankheit war, deren fader Geschmack sich nicht einmal mit Zucker und Honig aufpeppen ließ, sind längst vorbei. Tee ist mehr als salonfähig – gut, in England war er das schon immer. Aber auch in einem Land wie Österreich, in dem sich die Teekultur lange auf die hochprozentige Variante Jagertee beschränkte, wird zunehmend die Vielfalt des Tees und die dazugehörenden Zeremonien entdeckt. Der heiße Aufguss kommt heute in allen möglichen Varianten daher – von Weiß und Grün über Oolong und Rooibos bis zu den neusten Entdeckungen wie Bambus oder Tulsi, dem indischen Basilikum.

Wenn man so will, gibt es eigentlich gleich zwei Gründe für die aktuelle Hochblüte des Tees, der in Form des Afternoon Tea gerade den Sonntagsbrunch ablöst. Einerseits passt kaum ein Wässerchen so gut in eine Zeit, in der jedes Lebensmittel und jedes Getränk auf seine gesundheitliche Wirkung abgeklopft wird, bevor wir es zu uns nehmen. Und zweitens hat Tee einen Vorteil, mit dem nicht einmal der im Vergleich doch recht puristische Kaffee mithalten kann: die Zeremonie.

Dresscode statt Teebeutel. Natürlich kann man Tee ganz nebenbei, in einer schlichten Tasse trinken. Aber es geht auch etwas aufwendiger. Wer zu einem Afternoon Tea lädt, kocht nicht nur einfach Wasser und hängt ein paar Teebeutel dazu – die sind bei Teeliebhabern ohnehin verpönt. Nein, da wird das richtige Geschirr ausgewählt – Teegläser mit orientalischen Goldverzierungen zum marokkanischen Minztee, bauchiges weißes Porzellangeschirr mit blauen Seerädern, Möwen oder Leuchttürmen für den ostfriesischen Assam oder zartes Porzellan mit Rosenblüten für den englischen Cream Tea. Wer noch eines draufsetzen will, versieht die Einladung – ähnlich einer Cocktailparty – mit einem Dresscode. Immerhin wird auch im berühmten Londoner Hotel Lanesborough Menschen in Jeans und Turnschuhen der Zutritt zum Afternoon Tea verwehrt.

Damit wäre einmal das Drumherum geklärt. Da Tee allein aber auch irgendwann hungrig macht, braucht es die passende Speisenbegleitung. Und die ist noch vielfältiger als die Geschichte mit dem Geschirr, gehört doch zu einem Afternoon Tea Süßes ebenso wie Pikantes dazu. Für die englische Variante werden etwa neben dem Gurken- oder Roastbeef-Sandwich auch Scones mit Clotted Cream und Marmelade serviert. Zu ostfriesischem Tee passen Waffeln mit Zimt und Zucker, Räucherfisch oder Meeresfrüchte. Der marokkanische Minztee kommt wiederum mit Marzipanhörnchen oder Zigaretten-Börek daher. Und zum Russischen Tee können die Blinis nicht nur mit Süßem kombiniert werden, sondern auch mit Kaviar, Lachs, Obers und einem Glas Wodka.

Eva Haas hat das schon vor ein paar Jahren entdeckt und bietet in ihrem Teehaus Haas & Haas hinter dem Stephansdom nicht nur Frühstück, sondern auch eine Afternoon-Tea-Jause an. „Ich will die verschiedenen Teekulturen der Welt nach Wien bringen“, sagt Haas, die seit den 1980er-Jahren genau damit beschäftigt ist. Vor allem ihre Kunden danken es ihr und sorgen dafür, dass das Geschäft läuft. Mittlerweile hat Frau Haas aber auch ein paar, wenn schon nicht Nachahmer, so doch Mitbewerber.

Vom Ballett zum Tee. Eine davon ist Sandy Pinderak, die das „Teenorissimo“ in Wien Hietzing betreibt. Die 31-Jährige war bis vor Kurzem noch an verschiedenen Bühnen in Deutschland als Balletttänzerin tätig. „Mein Mann ist Tenor und hat ein Angebot an der Volksoper in Wien bekommen, also sind wir hierher gekommen“, sagt Pinderak, während sie in ihrer kleinen, offenen Landhausküche eine Kräuterteemischung zubereitet. Da das mit dem Balletttanzen nicht ewig funktioniert und sie schon immer ein Faible für Tee hatte – „nach dem Tanzen hab ich immer eine Tasse gebraucht“ – hat sie bei Haas & Haas als Verkäuferin angeheuert, um sich ein Jahr später selbstständig zu machen. Als sie das kleine, leere Ecklokal sah, war für sie klar: Da muss ihr Teeladen rein. Sie selbst wohnt im 15.Bezirk. „Da funktioniert das wohl nicht. Ich wusste aber, dass es hier im 13. ein bisschen Geld gibt.“ Sie hat recht behalten.


Märchenstunde. Mittlerweile hat sie viele Stammkunden – vom Pensionisten bis zu jungen Mädchen, die sich zwischen Schule und Hort mit einer Tasse Früchtetee aufwärmen. Serviert werden neben 60 verschiedenen Teesorten selbst gemachte Mehlspeisen und kleine Snacks. Ab März soll es jeden Monat ein kulinarisches Thema geben, nach dem sich auch der Afternoon Tea richtet. Hin und wieder kommen befreundete Schauspieler vorbei, die Märchen vorlesen. „Das mögen nicht nur die Kinder“, sagt Pinderak, die für die Jungen einen speziellen, säurearmen Früchtetee ohne Hibiskus und Hagebutte im Sortiment hat.

Die Idee mit der Märchenstunde hatte auch schon Birgit Heindl-Becker, die die Teestube Gersthof betreibt. Auch sie hat einmal im Monat einen Märchenerzähler zu Gast und kann sich dabei vor Gästen nicht mehr retten. Heindl-Becker, ebenfalls Deutsche, setzt in ihrer Teestube vor allem auf Ostfriesland. Der starke Assamtee wird übrigens mit Kandiszucker und Milch – oder in der Originalversion mit Obers – getrunken. Und darf auf keinen Fall umgerührt werden, zumindest nicht, wenn sich die Milch schon in der Tasse befindet. Die wird nämlich über den Rücken eines Löffels in die Tasse gegossen. Dadurch entsteht ein Muster, das an die Wolken am ostfriesischen Himmel erinnern soll.

So streng ist Heindl-Becker mit ihren Gästen aber nicht. Sie will „weder Schnick-Schnack noch Schicki-Mickis“. Von dem „Getue um die richtige Ziehzeit“ hält sie wenig, darum kümmert sie sich ohnehin selbst. „Meine Gäste brauchen kein Vorwissen über Tee.“ Sie sollen einfach kommen, Tee trinken und sich wohlfühlen. Spätestens dann wird auch der dritte Grund klar, warum auch hierzulande die Teezeit ausgebrochen ist: Denn in einer gemütlichen Teestube, in der etwa eine freundliche Balletttänzerin eine heiße Tasse Schoko-Nana-Tee serviert und fragt, wie es denn so geht – in der kann die Welt nicht so schlecht sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)

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