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Wirtschaftsfaktor Bio: Waldorfschule für den Wein

24.03.2012 | 17:20 |  von ERICH KOCINA (Die Presse)

Vor allem junge Winzer setzen vermehrt auf biodynamischen Weinbaunach der Lehre von Waldorfschulen-Erfinder Rudolf Steiner. Künstliche Zusätze sind tabu, dafür schwört man auf Himmel, Erde und Energie.

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Wenn ein Kind jeden Tag einen Apfel isst und sich viel an der frischen Luft bewegt, wird es nicht so oft krank.“ Und eine Weinrebe, fährt Eduard Tscheppe fort, sei genau wie ein kleines Kind: Bei beiden dürfe man nicht nur Krankheitssymptome bekämpfen, sondern müsse das Immunsystem stärken. Das ist auch der Grund, warum der Winzer auf den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden verzichtet. Sein Zugang ist, der Pflanze zu helfen, sich selbst zu helfen. „Biodynamisch“ nennt sich die Arbeitsweise, mit der Tscheppe auf dem Gut Oggau im Burgenland seinen Wein herstellt. Und „ganzheitlich“ ist ein Schlagwort, das dabei im Mittelpunkt steht.

Dass dieser Begriff an die Methoden erinnert, mit der Kinder in Waldorfschulen unterrichtet werden, ist kein Zufall. Denn so wie die Idee der Waldorfpädagogik geht auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft auf Rudolf Steiner zurück, der Anfang des 20.Jahrhunderts sein Konzept der Anthroposophie begründete, hinter dem sich eine umfassende, spirituelle Sicht der Welt verbirgt. Skeptiker sprechen im Zusammenhang mit Steiners Konzepten auch gerne von Esoterik. Und tatsächlich muten einige Methoden der biodynamischen Landwirtschaft reichlich esoterisch an.

Da werden etwa zu Beginn der Wintersaison mit Kuhmist gefüllte Hörner im Boden vergraben. Am Ende der kalten Jahreszeit gräbt man sie aus, verdünnt den Mist mit Wasser und versprüht die Flüssigkeit im Weingarten. Im Sommer kommt statt Kuhmist ein Präparat aus Hornkiesel zum Einsatz. Die Idee dahinter ist, dass die Masse in den Kuhhörnern so mit Energie aufgeladen wird. Für konventionell arbeitende Winzer klingt das nach Hokuspokus. Doch wer biodynamisch arbeitet, schwört darauf.

So wie auch auf Mondphasen und Planetenkonstellationen, die den Rhythmus vorgeben, nach denen die Pflanzen bearbeitet werden oder der Wein von einem in ein anderes Fass umgefüllt wird. Alles soll im Einklang mit der Natur passieren.

Unabhängige wissenschaftliche Beweise für die Wirkung all dieser Maßnahmen sind Mangelware. „Es ist in dem Ausmaß nicht messbar“, gibt auch Eduard Tscheppe zu. „Aber es funktioniert.“ Diese Argumentation kennt man – es ist eine ähnliche, wie sie auch Verfechter der Homöopathie gegenüber Schulmedizinern ins Spiel bringen. Mit dem Unterschied, dass die Debatte rund um biodynamische Weine längst nicht eine so tiefe Kluft zwischen Befürworter und Skeptiker gerissen hat wie Globuli & Co.


Wirtschaftsfaktor Bio.
Das mag auch daran liegen, dass der Markt genug für alle hergibt, ob sie nun Wein auf konventionelle Art herstellen oder auf die Bioschiene setzen. Von den rund 50.000 Hektar Weinbaufläche in Österreich werden derzeit etwa 13,5 Prozent nach biologischen Richtlinien bewirtschaftet. Wobei man zwischen mehreren Schulen unterscheiden muss. Da gibt es etwa den bioorganischen Weinbau, bei dem auf chemische und synthetische Spritzmittel verzichtet wird. Einer von mehreren Biokontrollverbänden wacht darüber. Seit heuer gibt es auch ein EU-Biosiegel, das nicht nur die Standards für den biologischen Anbau von Trauben regelt, sondern erstmals auch ökologische Herstellungsmethoden vorschreibt.

Der biodynamische Weinbau geht noch einen Schritt weiter, indem er in die ganzheitliche Betrachtung des Weinbaus auch noch Sternenkonstellationen einfließen lässt. Zu den Ersten, die in Österreich auf Biodynamik setzten, gehört die Familie Saahs – schon Anfang der Siebzigerjahre stellte sie ihren Nikolaihof in Mautern auf die naturnahe Produktion um. Im Lauf der Jahre sollten einige weitere folgen, etwa Niki Moser, der 2006 sein komplettes Weingut „Sepp Moser“ im Kremstal umstellte.

Die Richtlinien, denen sich biodynamische Winzer unterwerfen, sind die des Demeter-Verbands, der mehr als 3500 Lebensmittel, Kosmetika und andere Produkte nach den anthroposophischen Prinzipien Rudolf Steiners zertifiziert. In Österreich gehören ihm 27Weinbauern (Stand Dezember 2011) an, die sich durch den Verband regelmäßig kontrollieren lassen.

Allerdings hat die Demeter-Gruppe zunehmend mit Konkurrenten zu kämpfen. Mehrere Winzer nennen sich Biodynamiker, sehen Rudolf Steiners Lehren aber nicht als Dogma – und sind keine Mitglieder im Demeter-Verband. So schlossen sich etwa 14 Winzer rund um Bernhard Ott aus Feuersbrunn und Franz Weninger aus Horitschon zur Gruppe „Respekt“ zusammen. Eine Klage beim EU-Markenschutzamt, die der Demeter-Verband eingebracht hat, ist am Laufen.

Eduard Tscheppe, der sich zu Demeter bekennt, seit er mit seiner Frau Stephanie 2007 als Weinbauer startete, will diesen Streit nicht überbewerten. Es gehe nicht um Konkurrenz, sondern für jeden Einzelnen darum, das Beste aus dem Boden und den Trauben herauszuholen. Und das so natürlich wie möglich. „Das macht man nicht als Marketinggag, sondern aus Überzeugung.“ Natürlich, der Aufwand sei höher als bei konventionellem Weinbau – und der Ertrag auch um einiges geringer. Dafür könne man etwas höhere Preise verlangen, weil man ja vor allem bewusste Genießer anspreche, die auch bereit sind, mehr zu bezahlen.


Raus aus dem Hamsterrad.
Und abgesehen davon – mit der Biodynamik habe sich auch seine Geisteshaltung geändert. „Man kommt raus aus dem Hamsterrad, wird in allen Dingen bewusster“, meint Tscheppe. Klar, ein Massenphänomen ist biodynamischer Wein noch lange nicht. Es brauche auch einen gewissen Mut, komplett umzudenken. Aber gerade in der jungen Generation ortet der Winzer mittlerweile eine gewisse Aufbruchstimmung, den Wein nicht mehr in ein strenges Korsett zu stecken. Sondern ihm einfach nur dabei zu helfen, so zu werden, wie er eigentlich ist.

Bio und Biodynamik

Heterogene Bioszene
Rund 13,5 Prozent der Weinbauflächen in Österreich werden biologisch bewirtschaftet. Dabei wird unterschieden zwischen biologisch-organischem Weinbau und dem biologisch-dynamischen Modell nach Rudolf Steiner, deren Vertreter vom Demeter-Verband überprüft werden (u.a. der Nikolaihof in der Wachau, Weingut Sepp Moser im Kremstal, Meinklang in Pamhagen, Umathum in Frauenkirchen oder Gut Oggau).

Schließlich gibt es mehrere „Freigeister“, die zwar biologisch oder biodynamisch arbeiten, sich jedoch an keine Organisation binden, etwa die „Respekt“-Gruppe, zu der etwa das Weingut Ott in Feuersbrunn, Franz Weninger aus Horitschon oder Fritz Wieninger aus Wien-Stammersdorf gehören.

www.bio-austria.at, www.demeter.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)

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2 Kommentare
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Bio hin oder her

Auch der biologische Traubensaft wird erst mit Hilfe von Zusatzstoffen geschmacklich aufgebessert.
Bestimmt doch schon die Hefe inkl. Fuselstoffen die Geschmacksrichtung wer einmal die Zeitung "Der Winzer" oder die Lagerhaus Broschüre Wein Obstbau gelesen hat.
Erkennt schnell was gespielt wird.
Biologischen Wein von der Rebe bis ins Glas würde keiner saufen wollen.

Gast: CMM
25.03.2012 12:36
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Umathum

... hat sich in der Umstellungsphase vom Demeterbund wieder verabschiedet!