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Essen ist niemals privat

16.06.2012 | 17:55 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Das Angebot ist so groß wie noch nie, die Freiheit bei der Wahl dafür umso kleiner. Was wir essen, bestimmen unser Umfeld und das Streben nach Gesundheit.

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Die Freiheit tut nur so. Natürlich, noch nie war das Nahrungsangebot so groß wie hier und jetzt. Noch nie waren die Supermarktregale länger und noch nie die Vielfalt des gastronomischen Angebots größer als heute. So gesehen liegt uns kulinarisch die Welt zu Füßen – sofern wir über genügend finanzielle Mittel verfügen, brauchen wir nur zu wählen und können täglich etwas anderes essen.

In Wahrheit glauben wir das allerdings nur – denn nicht wir bestimmen, was auf unseren Teller kommt, sondern jene Menschen, die mit Nahrung und Ernährung ihr Geld verdienen – von den Lebensmittelherstellern über die Vermarkter bis zu den Autoren der unzähligen Ratgeber zur richtigen, gesunden oder genussvollen Ernährung. Auch die Politik bestimmt mit, was auf unsere Teller kommt, so wie auch unser privates Umfeld. So lässt sich zusammenfassen, was herauskommt, wenn eine Reihe von Experten gemeinsam darüber nachdenkt, wie viel Freiheit oder Fremdbestimmung in unserer Ernährung liegt. Der Verein „Forum Ernährung heute“ lud vergangene Woche zum Symposium „Wie privat ist Essen?“ und stieß dabei auf reichlich wenig Privates, aber immerhin auf die Erkenntnis, dass wir aufgrund der vielen Ernährungsratschläge – mit denen einige der Experten übrigens selbst ihr Geld verdienen – so verunsichert sind wie noch nie. Und dass wir in einer Gesellschaft leben, die die Gesundheit zum höchsten Gut ernannt hat. Da ist etwas dran. Auch wenn es eine gewisse Komik hat, wenn Männer, die einer Generation entstammen, in der die Frau fürs Kochen zuständig war, beklagen, dass die heutigen Jugendlichen nicht einmal mehr kochen können.

Fakt ist, dass wir uns die Frage nach der Fremd- oder Selbstbestimmtheit des Essens erst heute stellen. Das wiederum hat, so Historikerin Martina Kaller, mit der Industrialisierung zu tun. Denn davor gab es weder den Gedanken, dass Ernährung etwas mit individuellen Entscheidungen zu tun haben könnte noch die Fülle an Ernährungsempfehlungen. „Individuelle Ernährung gibt es nicht. Die Entscheidung, was wir essen, wird immer im Kollektiv getroffen“, so Kaller. Heute ist lediglich der Radius, den wir und unser Essen dabei zurücklegen, größer.


Der Schmäh der Regionalität. Der in letzter Zeit so hoch gepriesenen Regionalität kann Kaller daher nur bedingt etwas abgewinnen. „Mobilität und das Zurückgreifen auf andere Regionen ist historisch nachvollziehbar. Es gab immer schon einen Austausch von Gütern und Wissen.“ Das Idyll vom Familienbetrieb, der alles vor Ort produziere, sei meist nur eine klischeehafte Sehnsucht, die als Reaktion auf die Überreglementierung unser Nahrungsmittel entsteht.

Die Historikerin plädiert dafür, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass wir allein für die Wahl unserer Lebensmittel verantwortlich sind. Stattdessen sollten wir uns eher mit unserer Versorgungsumgebung auseinandersetzen – und die ist dank moderner Technik, Logistik und weltweiten Handels heute eben einfach größer als je zuvor.

Eine Konsequenz der großen Auswahl, vor der wir stehen, ist dann auch die Verunsicherung – und genau in diese Kerbe schlagen die Autoren der unzähligen Ratgeberbücher. Wobei Ernährungsempfehlungen schon auf eine längere Geschichte zurückblicken können – vor allem auf eine militärische. Die ersten Körpervermessungen und Ernährungsempfehlungen gab es unter den Rekruten beim Heer – sie hatten die Steigerung der Leistungsfähigkeit zum Ziel. Kaller spricht vom „reference man“, erst später kamen Empfehlungen für Frauen, vor allem Schwangere, Kinder und Ältere hinzu. Doch erst in der postindustriellen Gesellschaft hat das Streben nach einem gesunden Körper einen Status erreicht, der zum Teil sogar pseudoreligiöse Formen annimmt – und demnach erst die Grundlagen für den Boom an kulinarischer Ratgeberliteratur geschaffen.

In traditionelleren, dörflichen Strukturen – Kaller hat zuletzt in Mexiko darüber geforscht – gebe es diese Verunsicherung nicht. Individuelle Entscheidungen und das Thema Gesundheit spielen hier bei der Ernährung keine Rolle. Man isst, was es gibt, kocht, wie man es immer schon gemacht hat, und lässt sich nichts von Ratgebern vorschreiben. Privatsache ist das Essen damit zwar auch nicht. Aber es kommt auch niemand auf die Idee, dass es das überhaupt sein könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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1 Kommentare
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Ich esse nur was mir schmeckt und nur wenn ich wirklich hunger habe. Mein Körper lässt mich schon wissen was er will und vor allem wann und wieviel davon! Man muss nur auf diese "innere Stimme" hören können!