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Wiener Wein: Die Christ-Passion

23.06.2012 | 18:03 |  von Köksal Baltaci (Die Presse)

Der Wiener Rainer Christ ist Winzer aus Leidenschaft. Den Sauvignon blanc aus seinem Weingut mit 400-jähriger Tradition hat schon Papst Benedikt XVI. bei dessen Besuch getrunken.

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Rainer Christ ist besessen. Besessen von dem Gedanken, herausragenden Wein aus Wien zu produzieren. Seine Begeisterung für das „intelligenteste landwirtschaftliche Produkt“, wie er sagt, ist geradezu einschüchternd. Weil sie einem das eigene Unvermögen vor Augen führen kann, so viel glühende Leidenschaft für seinen Beruf zu empfinden. Wobei es für den 37-Jährigen eine Beleidigung wäre, wenn man seine Tätigkeit als Winzer – er kann auf eine 400-jährige Familientradition zurückblicken – als „Beruf“ bezeichnen würde.

Für ihn ist es laut eigener Aussage ein Privileg, ein Glücksfall, der nur einer Handvoll auserwählter Menschen vorbehalten ist. „Ich sehe mich als Regisseur“, schwärmt der studierte Önologe, der 2004 das Weingut Christ in Jedlersdorf von seinem Vater übernommen und zu neuen Höhenflügen geführt hat. „Und meine Hauptdarstellerin ist die Traube. Sie ist wie eine launische Filmdiva, einmal in besserer, einmal in schlechterer Verfassung. Meine Aufgabe ist es, ihre guten, starken Seiten zu verstehen und zu erkennen, um das Spotlight darauf zu richten und das Beste aus ihr herauszuholen.“

Denn Wein herzustellen sei wie die Arbeit an einem Mosaik mit vielen kleinen Bauteilen. Und einem bitteren Beigeschmack: „Man hat nur einmal im Jahr die Chance zu zeigen, was man kann. Daher will man auf keinen Fall einen schwachen Jahrgang riskieren und sich nachsagen lassen, zu wenig Engagement an den Tag gelegt und versagt zu haben.“ Das würde nämlich der Grundidee des Weinbaus widersprechen. Wein sei schließlich ein Genussmittel, „das meine Kunden, aber auch mich glücklich machen soll. Wenn er das nicht kann, läuft in dem ganzen Prozess etwas schief, dann haben die Trauben ihren Zweck nicht erfüllt.“

Seine Trauben, Christ liebkost diesen Ausdruck förmlich, wachsen auf 20Hektar Rebfläche am Fuße des Bisambergs. Der Bisamberg ist die größte zusammenhängende Rebfläche Wiens. Keine andere Hauptstadt der Welt verfügt über ein eigenes Weinbaugebiet. „Welchen Stellenwert Wein in Wien seit jeher hat, verdeutlicht auch die Weinbauschule in Klosterneuburg, sie ist die weltweit älteste ihrer Art“, so Christ. „Eine wichtige Kaderschmiede für den Winzernachwuchs in Österreich, auch ich habe dort meinen Abschluss gemacht.“


„Neuer Design-Heuriger“. Die Weinproduktion ist im Übrigen nicht sein einziges Betätigungsfeld. Zusammen mit seinen 15 Mitarbeitern betreibt er in den ungeraden Monaten auch einen an das Weingut angeschlossenen Heurigen, der 2005 umgebaut und als erster großer „Design-Heurigen“ Wiens vorgestellt wurde. Tatsächlich hat das Lokal – zumindest was das Outfit betrifft – wenig mit klassischen Wiener Winzerbetrieben zu tun. Der Gastgarten sowie das „Stüberl“ erinnern eher an ein schickes Innenstadtrestaurant. In Sachen Materialien wurde ein Mix aus Naturstein, Holz und Beton gewählt.

„Den Heurigen nur das halbe Jahr über geöffnet zu haben, halte ich für eine qualitativ sinnvolle Maßnahme“, betont der Winzer. „Wenn man ganzjährig Gastronom sein will, kommt die Arbeit in der Weinproduktion – unserem Kerngeschäft – zwangsläufig zu kurz. Mit dieser Strategie sind wir seit Jahrzehnten ganz gut gefahren.“ Und mit dieser Strategie ist das Weingut Christ auch zu außergewöhnlichen Ehren gekommen. Bei der alljährlichen Landesweinbewertung vergangene Woche gewannen Christ-Weine in zwölf Kategorien Gold – die höchste Auszeichnung für ein Einzelweingut. Bei der Auswahl der Landessieger, die kommende Woche in elf Kategorien gekürt werden (von Mittwoch bis Freitag gibt es zwischen 17 und 23 Uhr im Arkadenhof des Rathauses die Möglichkeit der Gratisverkostung), ist Christ erneut in zehn Kategorien nominiert.

„Diese Bewertungen sollte man aber nicht allzu ernst nehmen“, gibt sich der zweifache Vater bescheiden. „Ratings dienen nur als Anhaltspunkte, wichtiger sind der eigene Gaumen und die eigene Nase, auf die man sich verlassen sollte.“ Die vielleicht größte Auszeichnung für das Weingut gab es vor fünf Jahren, als Papst Benedikt XVI. während seines Wien-Besuchs bei der Messe im Stephansdom ausgerechnet einen Sauvignon blanc aus seinem Bestand erhielt. Christ: „Für uns war es besonders reizvoll, dass sich auch im Kelch ein guter Christ befand.“

Christ-Weine (zu 75 Prozent Weißwein) werden in 19 Ländern vertrieben, die Exportquote liegt bei 25 Prozent. Etwa 45 Prozent sind für den österreichischen Fachhandel bestimmt, der Rest wird im eigenen Heurigen verkauft. Zum besonderen Verkaufsschlager avancierte der „Wiener Gemischte Satz“, den Christ 2006 als erster Wiener Winzer wieder auspflanzte. Für den Gemischten Satz – „die traditionellste Art des Weinmachens, da er sich stark aufs Terroir bezieht“ – wachsen Reben bunt gemischt in einem Weingarten, die Trauben werden gemeinsam geerntet und verarbeitet. Zwischen 2007 und 2011 hat sich der Export des Weißweins unter der Dachmarke „Wien-Wein“, die 2006 auf Mitinitiative von Christ gegründet wurde, mehr als verzehnfacht. Im vergangenen Jahr wurde er in 18 Staaten geliefert. Zum „Wien-Wein“-Verbund gehören neben Christ auch die Weingüter Wieninger, Cobenzl, Edlmoser und Mayer am Pfarrplatz.


„Wellness für Körper und Geist“. Solcherart erfolgreich, drängt sich die Frage nach den Verdienstmöglichkeiten auf. Wurde der Regisseur mit seiner Hauptdarstellerin zum Millionär? „Ich bin überzeugt davon, dass der Wiener Weinbau weiterhin rosigen Zeiten entgegenblickt“, bekennt er. „Wer aber schnell steinreich werden will, sollte sich von dieser Branche fernhalten.“

Der Weinbau sei ein Geschäft, das auf Nachhaltigkeit setzt, eine Herausforderung über Generationen hinweg. „Wer sich dessen bewusst ist und diesen Weg gehen will – schmerzliche Rückschläge inklusive – wird gut davon leben können.“ Und mehr brauche ein Winzer ohnehin nicht. Er kenne jedenfalls keinen Kollegen, der sieben Autos besitzen müsse, um sich gut zu fühlen. „Wein und Weinbau bedeuten Wellness für Körper und Geist. Glauben Sie mir, diese Arbeit gibt einem so viel zurück, dass man keinen Luxus mehr braucht, um glücklich zu sein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)

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10 Kommentare

...

Jaja, Neid muss man sich hart erarbeiten...

Gast: schluckspecht
24.06.2012 08:01
3 2

Weniger die Weinqualität, sondern mehr gekonntes Marketing zeichnen Christ Junior aus

Die Preise wurden erhöht, was manche Altjedlersdorfer verärgerte und zu einem Lokalwechsel animierte. Macht aber nichts, es kommen dann halt andere Gäste. Da gibt es in Jedlersdorf Huerige mit einem günstigeren Preis-Leistungsverhältnis und dazu auch noch mit besseren Weinen.

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Ist das eine bezahlte PR??


Der Papst trinkt, was ihm vorgesetzt wird.

Es wird doch wohl niemand glauben, der gute Herr Papst hat alle Wiener Weine getestet und sich für diesen entschieden. Der Herr Winzer hatte halt gute Beziehungen oder war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Über die Qualität des Weines sagt das Getrunkenwerden durch den Papst genau gar nichts aus.

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Re: Der Papst trinkt, was ihm vorgesetzt wird.

Dem Papst schmeckt aber nicht alles was ihm vorgesetzt wird... ;)

Re: Re: Der Papst trinkt, was ihm vorgesetzt wird.

gesegnet sollte er schon sein, nüm..

3 0

Re: Re: Der Papst trinkt, was ihm vorgesetzt wird.

Geschmäcker sind verschieden aber in 13 Kategorien 12 mal Gold bekommen - bei einer Blindverkostung wohlgemerkt - spricht doch schon irgendwie für (eine bestimmte) Qualität.

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Re: Re: Re: Der Papst trinkt, was ihm vorgesetzt wird.

Das funktioniert bei Weinbewertungen ein bissi anders. Da gibt's Gold ab einer gewissen Punktezahl - und somit nicht nur einmal Gold pro Kategorie sondern für jeden Wein, der über die Punktegrenze kommt.

Re: Re: Re: Re: Der Papst trinkt, was ihm vorgesetzt wird.

Ja, aber er war über der Punkteanzahl. Also kann er wohl nicht so schlecht sein ;)

abgehoben

christ macht gute wein, wie viele andere auch, kein grund ab zu heben