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Geschmacksfrage: Unterwegs in London

28.06.2012 | 10:49 |  von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)

Großartige Austro-Promi-Steaks und des Kaisers neue Kleider.

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Vor Fehleinschätzungen aufgrund falscher Erwartungshaltungen ist man nirgendwo gefeit: auch nicht in London. Vom Austro-Kalifornier Wolfgang Puck hätte ich mir wegen der Geschichten über Hollywood-Oscar-Partys und passender neureicher Subkultur nicht viel erwartet. Doch im neuen Steak-Haus Cut im Hotel-Dorchester-Ableger 45 Park Lane gibt es eine Steak-Auswahl und -Zubereitung, die spontan für feuchte Augen sorgt. Ich kann jetzt gar nicht alle Rinderarten, ihre Ernährungsgewohnheiten und Stammbäume referieren, nur so viel: Die Luxusgeschöpfe hatten sicher ein besseres Leben als ich. Am Tisch entpuppten sich die Dry-Aged- und simpel abgehangenen Steaks als mürbe, aromenreiche Fleischorgien, etwa das segensreiche Sirloin, Creekstone Farmes, Kansas, 35 Tage gehangen. Auch die geschnitzten großen Pommes frites, der Spinat und der Salat lassen in ihrer präzisen Zubereitung erahnen, worauf man sich während einer Oscar-Verleihung freut. Und selbst ein schwachsinnig klingendes Gericht wie ein Hummer-Krabben-Cocktail „Louis“ wird dank frischen Meeresmaterials und knackigen Grünzeugs zu einer interessanten Angelegenheit.

Andersrum verlief der Besuch im „Dinner by Heston Blumenthal“, in dem historische Gerichte auf der Karte stehen. Gefeiert wurde das Lokal des sympathischen Stars des Molekularlabors „The Fat Duck“ als revolutionäres Wirtshaus. Es schaut aber eher wie eine zeitgemäße Hotel-Brasserie aus. In der Restaurantleitung findet sich ein Österreicher: Einer der flinken Kellner, der dem Steirereck alle Ehre machen würde, ist Vorarlberger. Nun zum Des-Kaisers-neue-Kleider-Phänomen: Blumenthal habe lange recherchiert, koche vergessene Gerichte nach. Da steht dann etwa neben „Gewürzte Taube, Ale und Artischocke“ das Jahr 1780. Das schmeckt dann genauso, wie man 2012 in vielen Restaurants der Welt Taube zubereiten kann und es auch ziemlich ähnlich macht: ziemlich roh, mit nur wenig Temperatur gegart, nett, leicht scharf gewürzt, dazu ein bisschen Reduktion von hauchzart bitterem Ale und Artischocken. Die Recherche in alten Kochbüchern war eine hübsche Fleißaufgabe. Die „Fleischfrucht“ ist wenigstens lustig: innen Hühnerleber-Parfait, außen eine säuerliche aspikige Marzipanillusion. Vielleicht hat um 1500 einfach Blumenthal gefehlt. Alte, blutige Steaks hat es übrigens sicher auch schon gegeben.

INFO
Cut at 45 Park Lane, +44020 7493 4545
Dinner by Heston Blumenthal, +44020 7201 3833

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1 Kommentare
Gast: gagagast
29.06.2012 09:03
0 1

marzipanillusion?

ich will der wahrnehmung des herrn kulinarikchefs ja nicht nahetreten, aber was er als marzipanillusion verkauft, ist für jeden anderen dinner-gast ohne schwierigkeit als mandarinen-illusion erkennbar. es sieht nämlich aus wie eine mandarine und schmeckt auch so! und dass lokalkritiken aus london in der zeitung mit dem großen horizont offenbar nur mit entsprechendem österreich-bezug erscheinen (wow, ein kellner aus der heimat!!! und ein exilkoch gleich dazu!), zeugt natürlich auch von wahrer weltläufigkeit. gratulation, nur weiter so.