Es waren wieder wahre Hymnen, kleine textliche Orgasmen, die die Eröffnung des Ansari in der Praterstraße begleiteten. So schön, so fantastisch und auch besonders gut sei sie, die neue Niederlassung des Karmelitermarkt-Pioniers „Madiani“. In und vor diesem georgischen Stand wurde schon getrunken und mittelöstlich gegessen, da waren Aperol-Spritzer und Bobo in Wien noch gar nicht erfunden.
Das neue Lokal ist mehr ein überdimensionales Designer-Cafe, das – Überraschung – Gregor Eichinger entworfen hat. Die begeisterten Architektur-Kritiken der Restaurant-Kritiker stimmen jedenfalls tendenziell durchaus: Man sitzt nett, alles ist wirklich dekorativ – sogar die ausgeleuchteten Tageszeitungen und natürlich auch die passenden Gäste. Robert Menasse staunt kurz herein.
Aber dann gibt es da noch eine Küche. Und eine Service-Mannschaft. Die besteht aus sehr jungen, sehr freundlichen Kellnerinnen, die diesen schönen Beruf bald erlernt haben werden. Dabei sollten ihnen die Gäste helfen. Wenn es um das Essen geht, wird das ein wenig schwieriger. Entweder mögen die Hipster der Stadt plötzlich Schonkost – oder im Mittleren Osten kocht man doch nicht so mit Gewürzen und originellen Rezepten, wie alle immer schreiben. Wäre da nicht die Kellnerin, die diese Eigenschaft mittels einer Flasche Wein und Scherben unter Beweis stellt, würde man während des Verzehrs der gefüllten Karotten und des Oktopus-Salats zu entschlummern drohen: Die Grieß-Zwiebel-Kräuter-Karotten-Fülle in der ausgehöhlten, vorgekochten Karotte schmeckt genau wie sie klingt. Die Oktopus-Schnipsel liegen auf Blattsalat, ein paar Stücke getrockneter Paradeiser gibt es auch noch. So „kochte“ man früher in Reform-Drogerien, deren Kunden immer so ungesund aussahen. Die Melanzani mit Nuss und Granatapfel-Kernen schmecken besser – nach Melanzani und Nuss.
Das Hühnerfilet ist innen noch zu rosa, und außen zu wenig kross. Wirklich gut und empfehlenswert sind die Khinkali: riesige Teigtaschen mit sehr würziger Fleischfüllung. Die dauern laut Karte übrigens 20 Minuten, also auch nicht länger als der Espresso. Ein paar Tische weiter schickt eine Kollegin von der Gourmetkritik ihre Köfte zurück und übersiedelt ins Mochi, das ich sträflich unterbewertet habe.
Leider wird mich nun der heilige Orden der Karmeliter, also Journalisten, Schriftsteller und Künstler wie Erwin Wurm, mit seinem Bannstrahl belegen. Daher schnell, in gewohnter Devotheit: Der zweite Bezirk ist edel und gut, noch besser sind nur moderne Lokale mit jungen hübschen Menschen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2012)
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