Dieser Tage wird das erste italienische Restaurant der Stadt mit hübschem PR-Getöse renoviert: Das fabios auf den Tuchlauben soll lässiger, heller, lockerer und angeblich auch günstiger werden. Vorerst einmal sorgt die Baustelle mit den zeitgleich stattfindenden großflächigen Umbauten der Rene-Benko-Bauten gegenüber dafür, dass man durch eine wahre Sichtschutzmauerschlucht wandelt. Zeitgleich mit der Neupositionierung des fabios sperrt das Noelli zu. Heute, Freitag, und morgen, Samstag, kann man dort ein letztes Mal essen, bevor es zum Limes wird.
Gefühle wie Wehmut oder Nostalgie sind dem Restaurantkritiker aber natürlich fremd. Gut, ein paar Tränen für die Pasta mit den dicken Wurststückchen, die man immer noch tagelang abrufbar hatte, könnte ich vergießen. Den Novelli-Luster und das Gelee des Mittelmeerkochs Kontantin Fillipou mochte ich auch, und im fabios die dunkeln Logen. Hell mag ich es im Bad. Aber Schwamm drüber.
Viel wichtiger ist die Frage: Gibt es dann überhaupt noch Nobelitaliener in Wien? Nein, das Procacci ist definitiv keiner. Aber die Cantinetta Antinori müsste einer sein. Dort haben die Kellner noch schwarze Maschen und teils stolze Bäuche, die Preise sind hoch, und auf der Karte steht auch noch eine echte Pasta Bolognese, die natürlich als Pasta con ragu geführt wird. Die Gäste sprechen Englisch, Russisch, Wienerisch, die Kellner tatsächlich Italienisch. Taxiert wird übrigens, wie in original italienischen Städten jeder Gast. Wer welchen Tisch, mit oder ohne Reservierung, drinnen oder draußen, bekommt, regelt der Geschäftsführer mit dem üblichen feinen Gespür für gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten, Loyalität gegenüber Stammgästen und solchen, die signalisieren, solche unter Umständen werden zu können.
Wirklich spektakulär ist die Küche des gleichnamigen italischen Weinguts und dazugehöriger Familie in und um Florenz wirklich nicht – sondern eher, was die Wiener gern „verlässlich“ nennen. Daher besuchen das Lokal auch oft ORF-Stars und gefeierte Künstler. Vielleicht essen sie dann etwa das langweiligste und zugleich liebenswerteste Gericht Italiens: kleine Kalbsschnitzel mit Zitronensauce, hier mit echtem Fruchtteil, schön säuerlich und sinnlos zugleich. Die Fettuccine mit wunderbar zarten Babytintenfischen, Chili und Knoblauch klumpen leider ein bisschen. Der Wolfsbarsch schmeckt ein bisschen öde und wurde definitiv den Tick zu lang gegart. Aber die sautierten Steinpilze davor waren so geschmacklich dicht und dick, dass man sich in Florenz wähnt. Als Tourist eben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2012)
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