Was macht ein Gastronom, dessen Koch plötzlich krank wird und wenn einer von zwei Kellnern nicht zu Arbeit erscheint? Er nimmt weniger bis keine Reservierungen und Gäste auf, könnte man meinen. Nicht so im italienischen Cucinoto, das für seine Seeigelpasta berühmt sein soll. Leider wurden die Tierchen nicht geliefert, berichtet die Chefin des Lokals. Den tragischen Rest erzählt sie erst, nachdem man eine Stunde auf die Pasta gewartet hat und den Branzino abbestellen durfte, da er ohnehin noch nicht auf dem Grill war . . .
Dass eines von zwei Pastagerichten das falsche war, statt der Waldvariante eine rosa Tomatensauce zu den Tagliatelle geliefert wurde? Wir wollen nicht kleinlich sein. Die Chefin hatte (siehe oben) ein hartes Schicksal an diesem Abend zu erleiden. Und die andere Pasta (mit guten Meeresfrüchten) war nicht so schlecht, nur die Teigware war noch hart. Sie musste auch viel zu schnell fertig werden, man hatte sie vergessen.
Aber genau genommen ist diese Strategie gar nicht so schlecht. Einerseits setzt der Wirt auf den Mitleidseffekt, andererseits wagt er eine kleine psychologische Geiselnahme. Wer würde schon wahrheitsgemäß entgegnen: „Weder habe ich Ihren Koch angesteckt noch Ihren Kellner am Arbeiten behindert. Warum esse ich mäßig, warte lange und werde auch noch angejammert?“
Macht natürlich kein Mensch. Auch ich nicht.
Ich begrüße auch die überaus freundlichen Gastronomen des neuen Scena Rio in der Innenstadt nicht mit der Wahrheit: „Guten Tag, das Lokal ist zwar modern, aber schaut wie die Filiale einer Kette aus. Die Idee, brasilianisches Grillgut auf Spießen zu servieren, bis man Stopp ruft oder eine entsprechende Karte zückt, ist zwar lieb. Aber nur weil gerade die ganze Stadt auf edle Steaks spezialisiert ist, heißt das noch lange nicht, dass jedes gegrillte Stück Fleisch zu Jubelchören führt. Schon gar nicht solche!“
Nein, ich esse brav die gegrillten Würste und Henderlflügerln, die in solchen Churrascaria-Lokalen am Start zum Sattmachen traditionell serviert werden. Dann bricht sogar Freude über ein wirklich gutes Stück aus: Das abgesäbelte Schnitzelchen vom Sirloin-Steak war wirklich fein. Die anderen Fleischteile sind leider irgendwo zwischen zäh und fest. Aber Salatbuffets sind ohnehin die einzig vertretbaren Buffets – das hier ist von der üppigen Sorte. Die Herren im Service lernen das neue Lokal – am ersten Abend! – gerade kennen, sind aber sehr freundlich!
Irgendwie isst man in Italien und wohl auch in Brasilien eben doch ganz anders als in Wien.
(Die Presse am Freitag, 03.08.2012)
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