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Geschmacksfrage: Eine neue Spießgrillerei

03.08.2012 | 13:51 |  von Rainer Nowak (DiePresse.com)

Kulinarische Geiseln und brasilianische Spieße. "Warum esse ich mäßig, warte lange und werde auch noch angejammert?"

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Was macht ein Gastronom, dessen Koch plötzlich krank wird und wenn einer von zwei Kellnern nicht zu Arbeit erscheint? Er nimmt weniger bis keine Reservierungen und Gäste auf, könnte man meinen. Nicht so im italienischen Cucinoto, das für seine Seeigelpasta berühmt sein soll. Leider wurden die Tierchen nicht geliefert, berichtet die Chefin des Lokals. Den tragischen Rest erzählt sie erst, nachdem man eine Stunde auf die Pasta gewartet hat und den Branzino abbestellen durfte, da er ohnehin noch nicht auf dem Grill war . . .

Dass eines von zwei Pastagerichten das falsche war, statt der Waldvariante eine rosa Tomatensauce zu den Tagliatelle geliefert wurde? Wir wollen nicht kleinlich sein. Die Chefin hatte (siehe oben) ein hartes Schicksal an diesem Abend zu erleiden. Und die andere Pasta (mit guten Meeresfrüchten) war nicht so schlecht, nur die Teigware war noch hart. Sie musste auch viel zu schnell fertig werden, man hatte sie vergessen.
Aber genau genommen ist diese Strategie gar nicht so schlecht. Einerseits setzt der Wirt auf den Mitleidseffekt, andererseits wagt er eine kleine psychologische Geiselnahme. Wer würde schon wahrheitsgemäß entgegnen: „Weder habe ich Ihren Koch angesteckt noch Ihren Kellner am Arbeiten behindert. Warum esse ich mäßig, warte lange und werde auch noch angejammert?“

Macht natürlich kein Mensch. Auch ich nicht.
Ich begrüße auch die überaus freundlichen Gastronomen des neuen Scena Rio in der Innenstadt nicht mit der Wahrheit: „Guten Tag, das Lokal ist zwar modern, aber schaut wie die Filiale einer Kette aus. Die Idee, brasilianisches Grillgut auf Spießen zu servieren, bis man Stopp ruft oder eine entsprechende Karte zückt, ist zwar lieb. Aber nur weil gerade die ganze Stadt auf edle Steaks spezialisiert ist, heißt das noch lange nicht, dass jedes gegrillte Stück Fleisch zu Jubelchören führt. Schon gar nicht solche!“

Nein, ich esse brav die gegrillten Würste und Henderlflügerln, die in solchen Churrascaria-Lokalen am Start zum Sattmachen traditionell serviert werden. Dann bricht sogar Freude über ein wirklich gutes Stück aus: Das abgesäbelte Schnitzelchen vom Sirloin-Steak war wirklich fein. Die anderen Fleischteile sind leider irgendwo zwischen zäh und fest. Aber Salatbuffets sind ohnehin die einzig vertretbaren Buffets – das hier ist von der üppigen Sorte. Die Herren im Service lernen das neue Lokal – am ersten Abend! – gerade kennen, sind aber sehr freundlich!
Irgendwie isst man in Italien und wohl auch in Brasilien eben doch ganz anders als in Wien.

(Die Presse am Freitag, 03.08.2012)

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3 Kommentare

Cucinoto - wieder ein Italiener-Abzocker in Wien...

Wie ich hier schon oft gepostet habe, zeigt sich neuerlich, dass in Wien unter der Bezeichnung "Italiener" mittelmäßige mediterrane Kost von meist großspurig auf Nobel agierendem Personal zu Apothekerpreisen in teuren Innenstadtlagen immer noch viel zu erfolgreich an unkritisches Publikum verkauft wird. Die Weinberatung bleibt meist dilettantisch, wenn man nur ein einziges Mal selbst in der Toskana war und 3-4 Weine kennt...
Der gut geschriebene gegenständliche Bericht der Presse lässt nur eine richtige Reaktion des Konsumenten zu: nicht dorthin essen gehen !

Antworten Gast: Herr B.
10.08.2012 14:49
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Re: Cucinoto - wieder ein Italiener-Abzocker in Wien...

Sehr geehrte SilviaG!

Wenn ich Ihren Kommentar richtig deute, dann haben Sie selbst nie im Cucinoto gegessen - was kritisieren Sie es dann? Das Cucinoto liegt weder in der Innenstadt noch sind die Preise gesalzen. Und in meinen Augen isst man dort auch sehr gut.

Es ist zwar schon eine ganze Weile her, aber Herr Nowak hat die Seeigelpasta des Küchenchefs Vittorio Turco in einer früheren Kolumne - für seine Verhältnisse - geradezu überschwänglich gelobt: http://diepresse.com/home/leben/ausgehen/102328/Geschmacksfrage_Da-Vitti-

Es sei mir auch noch erlaubt auf einen weiteren Kommentar zum Cucinoto zu verweisen: http://www.format.at/articles/1216/692/336094_s14/herbert-hacker-cucinoto-wien

Antworten Gast: Sandra
05.08.2012 15:26
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Re: Cucinoto - wieder ein Italiener-Abzocker in Wien...

Geschmacksfrage - die einzig richtige Antwort!
Wir waren schon oft im Cucinoto und man muss sagen es gibt in Wien sehr wenig authentische Italiener - das ist in jedem Fall einer der wenigen.
Auch die Preise sind keine Apotheker-Preise, ganz im Gegenteil: Für einen tollen Antipasti-Teller der in Wien seines Gleichen sucht mit hausgemachten Melanzane al parmigiano, ausgezeichnetem Vitello tonnato, gegrilltem Gemüse und vielem mehr nur EUR 11,50 zu bezahlen - danach ist man schon ziemlich satt (vor allem wenn man so wie ich gerne hausgemachtes Brot und Focaccia ist) - finde ich für ausschließlich selbstgemachte Speisen absolut keinen "Apothekerpreis".
Noch dazu liegt das Cucinoto NICHT in der Innenstadt, sondern authentisch wie in Italien an einem wunderbaren Fleckchen abseits des Trubels.
Und das man einmal ein bisschen länger warten musste: Wer nur eine schnelle Pizza oder Pasta essen möchte - da gibt es andere Konzepte in Wien, wo man noch im Stehen seine Speise ordert und nach schnellem Essen auch gleich wieder aufspringen kann - ganz ohne Service oder aber wie in vielen anderen Ländern üblich auch noch ein paar Worte mit dem Küchenchef oder dem Restaurant-Chef plaudert.
Ja, in vielen Ländern nimmt man sich Zeit für gutes Essen, genießt das gemeinsam mit Freunden oder Familie was ich persönlich sehr schätze - aber glücklicherweise ist Alles im Leben ist nun mal eine Geschmacksfrage...