23.05.2013 15:17 Merkliste 0

Geschmacksfrage: Zum Schluss eine Baustellenkritik

09.08.2012 | 18:02 |  von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)

Heute ein Abschied und eine etwas ungewöhnliche Vorschau auf das Fabios.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Eigentlich sollte ich mich heute an dieser Stelle nachhaltig, breit und mannigfaltig entschuldigen: bei allen Köchen, Kellnern und Gastronomen. Bei Lokalbetreibern, die mit vermeintlich guten Ideen und kulinarischen Visionen angetreten waren und das Pech hatten, auf einen Kritiker zu stoßen, der das alles nicht versteht wie sie. Also auf mich. Denn in der vorerst letzten Lokalkritik wäre es vielleicht schlau, für künftige private Restaurantbesuche ohne Sanktionsmöglichkeit vorzubauen und die Wahrscheinlichkeit für Racheaktionen zu senken.

Doch das wäre unsportlich. Daher heute eine sehr kurze Bilanz nach mehr als zehn Jahren Kritik. Beginnen wir mit den sogenannten Konzepten: Idealerweise sind die Grundlagen für ein erfolgreiches Lokal ein guter Koch, ordentliche Lebensmittel, deren Herkunft man kennt, solides Mobiliar, eine gute Lage und Kellner, die sich nicht vor Gästen fürchten. Fehlt dies, helfen auch elaborierte Ideen nicht, wer was wie warum und mit welcher Musik essen könnte und dafür Geld zu zahlen bereit sein müsste. Das füllt vielleicht Zeitungsspalten, ärgert aber Gäste und wahre Kritiker nur. Und eine kleine esoterische Einsicht: Es gibt Orte, an denen fast alle neuen Lokale scheitern. Es ist schön, diese in Zukunft auslassen zu dürfen und endlich irgendwo den edlen Privatstatus „Stammgast“ zu erhalten.

Aber damit auch ein reales Lokal vorkommt, erlaube ich mir auf den Spuren vieler gefeierter Kollegen, eine Lokalprophezeiung, also eine Baustellenkritik: Im neuen Fabios auf der Wiener Tuchlauben wird man ab Mitte September vor lauter russischer Neoinnenstädtern, Toskana-Fraktionisten und Exmodels keinen Platz bekommen. Nicht nur denen wird es viel zu hell sein, gemeinsam wird man dem alten Design nachtrauern. Bei der Küche werden wir uns über die Teilaufgabe der italienischen Klassikküche wundern. Ging man nicht genau deswegen dorthin essen? Und fällt hier Joachim Gradwohl, dem manchmal nachgesagt wurde, er habe eine zu leichte Handschrift, nicht plötzlich zu sehr auf? Wollte Fabio Giacobello nicht ein „einfaches, unkompliziertes“ Lokal schaffen? Versteht er wirklich das darunter?  Aber hübsch ist sie, diese Baustellen-Abdeckung mit den lustigen Sprüchen und den Baustellen-Zutaten. Dieses Lokal habe ich somit einmal als erster beschrieben.

Wenn das „Schaufenster“ wieder erscheint übernehmen diese Kritik meine Kolleginnen Schaufenster-Gourmet-Spezialistin Anna Burghardt, Schaufenster-Chefredakteurin Petra Percher und Kunstkritikerin Almuth Spiegler. Mehr geht eigentlich nicht.

TIPP
Ab September wieder offen: das Fabios, Tuchlauben 4–6, 1010 Wien.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

4 Kommentare
Gast: thomas h.
11.08.2012 18:48
0 0

naja

Schaue zwar gelegentlich hier vorbei, aber ganz ehrlich, besonders waren die Beiträge und Kritiken nie wirklich. Aber wie so oft, eben Geschmackssache! Und über ein Lokal zu schreiben wie es in einem Monat eventuell sein wird kann man sich schon sparen. Gibts für die Presse nicht wirklich interessanters zu berichten? Na vielleicht kommt mit euren neuen "Gourmet Spezialisten" mehr professioneller Inhalt

Gast: Oisoifinddesschad
11.08.2012 10:17
0 0

Ade

Herr Nowak, Ihre unaufgeregten, fundierten und manchmal zart bissigen Kritiken werden mir abgehen. Sie haben sich angenehm von dem 08/15 bis krampfkreativen Geschreibsel der meisten Ihrer Kollegen wohltuend abgehoben.

Gast: sw
10.08.2012 16:00
1 0

Gourmetkritik hinterm Bauzaun

Abgesehen davon, dass etwas zu früh ist, den Koch zu kritisieren, bevor der den Herd überhaupt angeworfen hat (geschweige denn, dass der Herd wahrscheinlich noch nicht einmal eingebaut ist), finde ich es substanzlos, als Restaurantkritiker allein den BAUZAUN einer Baustelle zu kommentieren hinter dem eines der besten Restaurants in Wien generalsaniert wird, um in Zukunft seinen Gästen einen noch besseren Service zu bieten.

Sie müssen sich wohl in Geduld üben bis wieder aufgetischt wird - denn heisse Luft können wir in Wien zur Zeit leider am wenigsten gebrauchen!

Danke

0 0

Entschuldigung 2007

Meiner Erinnerung nach fand diese Entschuldigung bereits 2007 statt. In der Kritik zum Restaurant am Kahlenberg vom 3.8.2007 findet sich der Schlusssatz, der mir im Gedächtnis hängen geblieben ist:

"Und ich entschuldige mich bei fast allen
Küchenchefs, die ich in den letzten Monaten kritisiert habe: Es geht noch viel schlechter!"

http://diepresse.com/home/leben/ausgehen/geschmacksfrage/323191/

Ich werde die Geschmacksfragen des Herrn Nowaks vermissen. Ich freue mich aber seinen Stil öfters in Interviews und Kommentaren zu finden - Falls die neuen Aufgaben das zulassen...

Danke!