Die Testerinnen: Nibelungenhof

Succowellness und ein hoher kulinarischer IQ in Traismauer.

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So ein Saftladen! Das Lokal ist fast leer, Angestellte sind keine zu sehen, und die Speisekarte kommt auch nicht daher. Dieses Restaurant soll neuerdings (wieder) zwei Hauben haben?

Noch einmal von vorn. So ein Saftladen! Nibelungenhof-Chef Rainer Melichar steckt nämlich hinter dem Prinzip Succowell, arbeitet also mit jenen frischen, filtrierten Gemüsesäften, die sich einige heimische Köche abgeschaut haben. Angefangen habe das mit dem Champion-Juicer aus dem Biber-Katalog, erzählt der nicht gerade mundfaule Koch beim spätabendlichen Besuch in der Küche (wo er auch seinen Unmut darüber ausdrückt, dass Restauranttester sich nie die Küche ansehen – mit Testerinnen rechnet offenbar niemand).

Das Lokal ist fast leer. Melichar gönnt sich nämlich den Luxus, nach einem zigfachen Mittagsgeschäft abends ein Schild rauszuhängen, das nur Gäste mit Reservierung fürs Succowell-Menü hineinbittet. Damit Melichar beim Abschmecken nicht beeinträchtigt ist, erklärt seine Frau Elisabeth. Sie ist auch der Grund dafür, dass im Nibelungenhof keine Angestellten zu sehen sind: er in der Küche (allein, und das bei jeder Auslastung), sie im Service.

Und die Speisekarte kommt auch ewig nicht daher. Das Menü wird nämlich individuell abgestimmt und mündlich erklärt. Die Tischgenossin gab telefonisch vorab bekannt, sie möge „keinen Koriander und kein Scharf“. Sie bekommt also kein Schaf. Für sie gibt es zum Auftakt Topfen von der Kuh mit reduziertem Paprikasucco. Egal, sie verkündet vor Hingerissenheit ob des hyperintensiven roten Elixirs entfesselt, dass sie da jetzt für den letzten Rest mit dem

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Finger hineinzufahren gedenke. Die Rote-Rüben-Terrine nebst Pak Choi mit Buchweizen entpuppt sich als Sulz mit papierdünnen Rübenschichten und extrastarkem Geschmack, das Trio aus Kalbsbries, Carpaccio und Kalbskopf kommt mit perfekt ausbalanciertem Senfeis. In jeden Gang sind Melichars Succhi eingeflochten. Teilweise sichtbar, wie bei den Karotten zu Schleie und Karpfen, oder als blinder Geschmacksverstärkerpassagier wie der Selleriesucco in der Kohlrabicreme zum rosa Traisentaler Reh.

Hier ist gar nichts chic. Und die Hauben will man nicht, „die passen nicht zu uns“.

TIPP

Nibelungenhof, Wiener Straße 23, Traismauer, Tel: 02783/6349, Küchenzeiten für Succowell-Menü nach Vereinbarung.

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