Wenn die Sinologin mit China-Erfahrung einen Lokaltipp abgibt, zögert man nicht lange. Nicht, dass es in Wien komplett unmöglich wäre, ein Lokal ohne Drachen, Buddhastatue und chinesischen Singsang aus dem Lautsprecher zu finden, doch ist der kitschige Glutamatchinese nach wie vor eher die Regel als die Ausnahme. Also folgt man eben dem Rat und besucht Meister Xiao in Gersthof.
Namensgeber Xiao Quen Sheng trägt den Titel „Meister“ jedenfalls nicht zu Unrecht, das lässt sich schon recht bald sagen. Denn bereits bei den Vorspeisen zeigt sich, dass man von den üblichen kulinarischen Durchschnittsklassikern weit entfernt ist. Das „Hühnerfleisch in Sauce der 1000 Geschmacksrichtungen“ ist etwa ein leicht nussiges, scharfes und durchaus spannendes Geschmackserlebnis, so wie sich auch die „Jiao-zi“-Fleischtäschchen angenehm vom Gewohnten abheben. Und auch der frische Amur „Hui-Guo“ ist geschmacklich sehr gelungen – lediglich die vielen kleinen Gräten sind beim Essen äußerst lästig. Aber – man wurde ja vorher fürsorglich von der Kellnerin gewarnt. Nun, kann man ja als „authentisch“ verbuchen. Wobei, preislich bewegt man sich schon in der mittleren Ebene – in China wäre das Essen sicher etwas billiger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)
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