Die Testerinnen: Glet’Scha

16.05.2013 | 13:22 |  von Petra Percher (Die Presse - Schaufenster)

Reinhard Gerers Auf- und Abstieg.

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Vom Magdalenenhof am Bisamberg in die Wiener Ebene – geografisch ist das für Reinhard Gerer ein Abstieg. Es ist aber auch ein Aufstieg, weil er jetzt in der Bergstation Tirol kocht. 1700 Meter steht am Eingang, doch liegt sie im Keller. Verwirrend, aber lassen wir das. Also runter die Stufen ins ehemalige Lobsterdock, vorbei an der DJ-Gondel, rein in die Arme einer Mitarbeiterin, die das Lokal so erklärt: „Hier im Eingangsbereich und an der Bar gibt es Kleinigkeiten, da hinten kann man abtanzen und im Restaurant „Glet’Scha“ gibt es Sachen, die haben Sie noch nicht gegessen!“ Na hoffentlich redet sie von Tirol. Darum geht es doch hier im „alpinen Lifestyle-Club“ mit offiziellem Tirol-Logo auf der Webseite. Und mit den zu vielen zu oft gesehenen Geweihlustern, Gamsmotiven und Kuhfelltapeten drinnen. Tiroler Hüttenrealität inklusive: die flotte Kellnerin im Dirndl stammt aus Berlin.
Während die Speisekarte draußen mit Speck, Käse, Knödeln und Gröstl kein Klischee auslässt, ist die Glet’Scha-Karte fast ärgerlich unregional – nicht nur weil (hallo, Tirol Werbung!) jegliche Herkunftsbezeichnung der Produkte fehlt. Für so viel Understatement sind Tiroler gemeinhin ja gar nicht bekannt. Und nein: Alexander Fankhausers Tiroler Leber, die auf der kleinen Karte steht, reicht da nicht aus.

(c) Stanislav Jenis (Stanislav Jenis) Testerinnen GletSchaEin Korb voll Tiroler Brot wäre zum Beispiel ein guter Start gewesen. Doch statt knuspriger, handgemachter, ländlicher Kruste kommen großstädtische Massenstangerln daher. Als Gruß aus der Küche folgt ein erfrischendes geliertes Gurkenkräutersüppchen mit Fisch-Tatar – die zwei einsam nachgelieferten Garnelen könnte man schon noch liebevoller garnieren. Dann knackige in Speck gewickelte Jakobsmuscheln mit Schneckenragout, lauwarmes Saiblingsfilet mit säuerlich-erfrischenden Käferbohnen, eine zarte Hochrippe mit Rindermark und Ochsenschlepp in einem „Knochen“ aus Sellerie an der Seite.
Alles schwer Gerer-okay. Aber wer eine Bergstation in den Keller baut, Tirol nach Wien versetzt, einen Gletscher urbanisiert, der könnte auch einen Schlutzkrapfen ins 21. Jahrhundert holen. Was nicht heißt, dass er in brauner Butter nicht tadellos schmeckt.

INFO
Glet’Scha, Karlsplatz 5, 1010 Wien, Tel: 01/505 38 394, Di bis Sa 17–23 Uhr

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