Wenn Journalisten über die Branche reden, ist oft von steigendem Druck die Rede, dass unabhängige Recherche immer seltener wird. Das stimmt zum Teil; daraus müsste man den Schluss ziehen: Früher müssen die Kollegen hart und investigativ gewesen sein. Bei den paar Kulinarikjournalisten war das angeblich anders: Einladungen und Bordeaux-Verkostungen aufs Haus gehörten dazu. Heute sehen Kritiker sogar das Brot-körbchen als Bestechungsversuch. Ich bin anders und lasse mich von den paar Versuchen zumindest beeindrucken: Das Restaurant im Hotel The Ring wurde unlängst aufwendig beworben – nicht etwa wegen eines neuen Kochs. Wen interessiert das heute noch! The Ring wurde neu gestaltet. Falsch: Es wird täglich für den Abend mit Licht und Stoff neu gestaltet. Dafür gibt es einen Eventmanager, der dann Sätze sagt wie: „Wenn man abends ausgeht, wirft man sich ja auch in Schale.“ Er hat sogar Barbie-Puppen an Journalisten verschickt. Also nicht an mich, ich würde über die Puppen viel-
leicht schreiben, aber ein lieber Kollege hat seine meiner Tochter überlassen. Vielleicht geht sie ja hin, in etwa zehn, 15 Jahren.
Etwas klassischer geht das neu übernommene Lokal Die Serviette vor, das in dieser Zeitung nicht groß, aber mehrmals inseriert hat. Ich gedachte es nicht aufzusuchen, um eine klare Grenze zwischen Journalismus und Anzeigen zu ziehen. Allerdings: So könnte sich ein Restaurant einen Verriss ersparen. Also ging ich hin, zu allen kritischen Schandtaten bereit. Und ganz ehrlich: Es begann auch gut. Der Lounge-Style ist so nichtssagend, dass ich nicht einmal mehr weiß, mit wem ich verabredet bin. Und dann gibt es zwei Menüs zur Auswahl. Und beide Hauptgerichte ziert Bärlauch! Hallo? Und vorher Spargelschaum und nachher zu Tode kopierter Schokokuchen mit flüssigem Kern? Nein, so schlimm ist es nicht, großteils ist es richtig gut; Andreas Zeindlinger mag es brav mediterran. Das Filet vom Zander bekommt er perfekt hin. Die Entenbrust auf Salat wirkt ein bisschen retro, schmeckt aber gut, und der rosa Kalbsrücken unter dem Bärlauch – jammer, jaul! – zeigt gute Fleischer-Wahl und ein Händchen für schonendes Garen. Für Abenteuer gehe ich ins Kino, für freundlichen Service hierher. Es zahlt sich also doch aus, zu inserieren. Die Barbie-Puppe kann man übrigens nicht essen. Ich habe es versucht.
Geschmacksfrage: Die Serviette
13.05.2010 | 15:40 | von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)
Restaurants in der Krise, Barbie-Puppen in der Post und ein braves Lokal names Serviette.
INFO
Die Serviette, Wien 9, Servitengasse 4, Tel.: 0664/808 20 82, Mo bis Fr 12–14.30, 18–22.30
3 Kommentare
früher schrieb man auch eher selten "angeblich",
wenn es für das behauptete weder belege noch veranlassung gab ...find ich echt nicht okay, dass du kollegen leichtherzig der bestechlichkeit bezichtigst, obwohl du’s besser weißt.
lg
flo
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