Der Beginn der Praterstraße mit seinen Bäumchen ist das schönste Stück Leopoldstadt und ein bisschen Paris, Wien-19-geschniegelt ist es aber nicht und bei Song, dem kopflastigen Bekleidungsanbieter, fühlt man sich wie in Williamsburg. Nun hat hier ein Sushiladen eröffnet, der die Wiener Stil- und Trendszene zu Tränen rührt. Ein Wunder, dass es noch keine allabendliche Bobo-Partyschlange vom Karmelitermarkt hierher gibt, aber vielleicht führt die bald Florian Holzer an. Das Mochi betreiben zwei Paare mit richtigem Wien-2-Lebenslauf. Kein Grafikerjob bei Jung von Matt/Limmat, kein Volontariat beim „Falter“, sondern ein richtiger Urbanjob: Tobi Müller führte in Berlin eines der Kuchi-Lokale. Dort werkte auch Edi Dimant, der aus Tel Aviv kommt und vor dem Szene-Japaner in Berlin bei Pierre Gagnaire lernte. Gemeinsam mit ihren Frauen wagen sie nun das Experiment, in der Akakiko-Hochburg Wien das kalifornisch angehauchte Partysushi neu zu interpretieren.
Natürlich wurden junge Architekten mit Vorliebe zu Dunkelheit engagiert, die das kleine Lokal zu einem lässigen Raum mit filigraner Bar-Decken-Konstruktion ummodelten. (Werden eigentlich Eigentumswohnungsbesitzer in fünf Jahren dann auch brav ihre Heime als schwarze Höhlen gestalten lassen? Die armen Kinder.) Das Publikum stürmt bereits, bestellt genau, wovon die Kritiker schwärmen, berichtet der Chef. (Ich flehe Sie an: Essen Sie immer andere Gerichte, als ich beschreibe. Danke.) Herr Müller weiß schon nicht mehr, ob er wirklich schon für Ostern reservieren soll. Aber reden wir über das Essen: Vieles hier gelingt auf
einem sehr, sehr hohen Niveau, etwa ein geschnittenes Prime Rib mit Teriyaki-Sauce oder – klingt so pervers! – eine subtil säuerliche Kreation aus Sashimi von der Dorade und Yuzu-Trüffel-Vinaigrette, in der man den derben Pilz kaum schmeckt. Anderes gelingt ganz gut: das ordinäre Sushi etwa oder die Spießchen, die mit Hühnerhaut zum Beispiel – ja, eh lustig! Wirklich warm werde ich mit den süßlichen Mochi-Rollen-Varianten aber nicht: In Rohfisch-Kombinationen getrüffelte oder geschärfte Mayonnaise oder gebackene Paprikastreifen zu packen, erinnert geschmacklich irgendwie an Kindergeburtstagsessen. Deluxe halt. Es hat einen Grund, warum diese Ideen ursprünglich aus Kalifornien stammen. Und nicht aus der Leopoldstadt.
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