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Geschmacksfrage: Hirsch und Kamel

29.02.2012 | 18:22 |  von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)

Heute ein iranisch-österreichisches Beisl namens Hirsch und Kamel.

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Dass Wien ein Kuhdorf ist, wissen nicht nur Kuh und Hirte, sondern auch aufmerksame Leser. Die meisten Namen tauchen immer wieder auf, die kulinarische Szene ist da keine Ausnahme. Das leben nicht nur die Köche vor, die monatlich Küchen und Lokale wechseln, sondern leider auch ich – offenbar schon als Teil des Systems. Zumindest dachte ich mir das, als ich in das eben eröffnete „Hirsch und Kamel“ in der romantischsten Gasse von Wien-Neubau stapfte. Dort begrüßte mich, völlig verblüfft, ein alter Freund aus Jugendtagen. Aus einem unerfindlichen Grund wechselte Ali die damaligen Stammlokale zeitgleich mit mir, nur stand er hinter der Bar und bestand auf Beschallung von Julio Iglesias. Mir entfuhr ein Fluch zur Begrüßung, was nicht sehr höflich war, aber über Lokale alter Bekannter zu schreiben ist immer schwer. Entweder sie sind beleidigt oder der Leser, oft beide.

(c) beigestellt Hirsch und Kamel ist der ambitionierte Versuch, ein österreichisch-persisches Beisl zu erfinden. Gemütlich wirkt es, der Barbereich ist noch zu hell und im Inneren schaut es sonderbarerweise ein bisschen aus wie in einem friulanischen Lokal, mit Kamin und so. Die Küche bietet tatsächlich – des Wirts Lebenswelten folgend – Gerichte aus der iranischen und der österreichischen Heimat. Ich versuche natürlich Erstere und bin mir nicht sicher, ob der Kräuterkuchen authentisch oder trocken oder beides ist. Die Hühnerkeulen hingegen haben mit ihrer dicken Sauce, den Granatapfelkernen und dem Safranreis Suchtpotenzial – mollig, süßlich und wuchtig. Sehr gut. Das Saiblingsfilet ist beim Garen gerade noch gerettet worden, es ist noch saftig und an der Außenhaut dennoch  kross. Die Weinkarte ist mehr als anständig.

Aber erkannt werden geht auch ganz anders: Jüngst durfte ich eine Runde ins derzeit meistüberlaufene Lokal der Stadt, ins Mochi, begleiten. Es war gut, nett und lustig. (Die Küche ist für Wien witzig-neu, aber man muss wie berichtet kreative Maki-Rollen und Mayo mögen. Sensationelles Steak!) Zwei Tische weiter fixierten mich drei junge selbstbewusste Herren so finster wie in einer bunten Raymond-Chandler-Verfilmung. Früher hätten sie vermutlich gefragt: „Gehen wir vor die Tür?“ Heute stehen dort schon die Raucher. Die Männer arbeiten und kochen für das Restaurant im Palais Coburg. In Silvio Nickols Restaurant kann ich jetzt auch nicht mehr gehen, wer weiß, was mich dort sonst erwartet.

INFO
Hirsch und Kamel, Stuckg. 6. 1070. Tel.: 01/236 01 08, Di–Sa 10–24, Küche 11–23.


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