Aus tiefer Zuneigung und großer Verehrung für Agnes Husslein schreibe ich vorerst nichts über das neue Dots-Lokal Martin Hos in ihrem formschönen neuen Museum, dem 21er Haus. Denn am Anfang läuft so ein Szenelokal selten rund und finden kann man es in dem Haus auch nicht so leicht. Und laut einem ersten Test ist es auch noch nicht sehr gut. Ich warte den Juli ab und lobe an dieser Stelle einmal die Location und den Wagemut, schon vor der Bahnhofseröffnung ein Szenelokal zu gründen. Habe ich schon meine Ehrerbietung für Frau Husslein erwähnt? Dass die Gegend noch ein städtisches Ziel-eins-Gebiet ist, zeigt auch ein schönes Entwicklungshilfeprogramm von Grazer Hoteliers, die mit dem Daniel und ihrem schönen Shabby-Chic-Restaurant „Speisesaal“ schon in der steirischen Landeshauptstadt punkten. In Wien haben sie nun nahe der monströsen Bahnhofsbaustelle vor einigen Monaten das Wiener Daniel eröffnet, das jedem Hipster-Haus in Berlin oder Amsterdam Ehre machen würde. (Ich verwende absichtlich den Begriff Hipster für design- und stilbewusste Menschen, um den Unterschied zum Bobo aus der Wiener Provinz zu verdeutlichen.)
Hier wird mit 60er-Antiquitäten, nicht verputztem Plafond, sichtbaren Leitungen, Topfpflanzen und Fahrrad-Equipment eine Atmosphäre erzeugt, wie es sie in ganz Wien nicht gibt. Daher schaute auch vor kurzem Erwin Wurm mit einem spektakulären Kunstprojekt vorbei – einem gekrümmten Segelboot auf dem Dach nämlich. (Wo Wurm ist, isst man übrigens immer gut.) Die hauseigene Bakery bietet ein Frühstück, bei dem sich auch Hotelfremde am Buffet bedienen können. Das schlägt mit 15 Euro zu Buche. Wirklich spektakulär ist das gar nicht, Obst, Joghurt, passabler Beinschinken, alles nett und ganz gut. Und man isst ja auch die Atmosphäre. Während morgens irgendwelche Küchlein aus der Vitrine extra kosten, bekommt man zum Ausgleich abends ein Riesensteak (Director‘s Cut), das mit dem Hinweis „Wow how cheap!“ versehen ist (34 Euro). Schnell noch eine Empfehlung für das echte Graz: In der kleinen Patina-Hochburg Corti isst man großartige Trattoria-Klassiker, von wunderbaren Sardinen in Saor über Bottarga, die in Röllchen serviert wird, oder mit Taleggio überbackene Polenta. Thomas Gottschalk liebt das Lokal angeblich für das Tiramisu.
Geschmacksfrage: Daniel
14.06.2012 | 17:12 | von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)
Ein Grazer Hotel zeigt in Wien, wie ein Hipster-Frühstück ausschauen und inszeniert werden kann.
INFO
Daniel, Landstraßer Gürtel 5, 1030 Wien, Tel.: 01/901 319 03, Bakery 6.30 bis 1 Uhr
1 Kommentare
:)
lokalbewertung in österreich ist ansich ja schon hartes brot (im wortsinn)trotzdem: drei aussagekräftige lokalkritiken in einem artikel :)
congrats mr. novak!
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