Wie viele Gänge verträgt der Mensch? „Viele“ war und ist die beste Antwort. Wobei: Mit der Anzahl von Kindern und/oder Jahren wird das viel schwieriger. Erstere mögen schnell nicht mehr. Das Alter ist aber noch härter: Früher war alles unter zehn Gängen nur ein Aufwärmprogramm, heute verstehe ich das „Grand-Chef-Syndrom“ nach endlosen Runden von Amuse-Gueules, Zwischengängen, Grüßen der Küche, einstimmenden Löffeln, Gänseleber-Füllungen, Post-Antipasti und Zum-Schluss-was-Süßes! Man liegt dick, faul und bewegungsunfähig wie ein Käfer in einem Sessel einer der großen Adressen. Was aber noch immer geht und genau genommen fast mehr Sinn ergibt: In italienischen Landgasthäusern zu sitzen, wo man mit allen anderen Gästen getaktet wird und einfach Gang nach Gang serviert wird, dabei alle dasselbe bekommen, etwa in der durchaus derben Trattoria Albergo Da Nando an einer der hundert Ausfallstraßen von Udine.
Richtig, wir befinden uns auf der italienischen Landstraßen-Reise Teil zwei. Versprochen waren Empfehlungen in Grado: Da Toni kennt jeder, das Lokal mit den beiden schnellen Herren im Service geht immer, die Küche ist und schmeckt traditionell bis solide. Und dann wäre da noch der Slow-Food-Tipp Agli Artisti gleich nebenan. Und für die In-Wien-Bleiber noch eine schräge Empfehlung: In der Margaretenstraße auf der Wieden steht die Patina-Wein-Kaschemme Bacco Tabacco e Venere. Der Name ist Programm, hier wird geraucht, als gäbe es kein Morgen und keine Beschränkungen. Der kauzige Wirt namens Alberto verfährt ebenfalls nach dem Da-Nando-Prinzip, er serviert auf Wunsch einfach in Serie so lange, bis man aufgibt. Dabei sind großartige Spargelgerichte, nicht wenige Tellerchen mit Béchamel und fettem Käse, Würsten und würzigem Schinken. Gäbe es keine Pasta und würde Obelix rauchen, hätte das Ganze etwas von einem gallischen Widerstandsnest gegen die Rauchergesetze. Hier wird allabendlich von Stammgästen dagegen demonstriert, geraucht und gevöllert. Die Hauptspeise, eine schlichte Tagliata, zeigt aber, dass der Hobbykoch – im alten Zivilberuf ein Weinhändler – offenbar sein Handwerk mehr als gelernt hat. Ein skurriler bis absurder Ort mit guter Küche. Von denen gibt es immer weniger. Und die Putzereien müssen auch irgendwie leben.
Geschmacksfrage: Italienische Reise II
21.06.2012 | 15:50 | von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)
Von vielen Gängen, Tipps von Herzen und den Rauchern.
INFO
Bacco Tabacco e Venere, Margaretenstr. 36, 1040 Wien. Tel.: 01/585 66 92, Mo-Fr 12-18
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