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Kunnti Suitis aller Gärten, eint euch!

17.08.2012 | 20:26 |   (Die Presse)

Wenn bereits die Hälfte der heimischen Falterarten als gefährdet gilt, sollte man nicht haltlos klagen, sondern erst nachdenken und dann aktiv werden, durchaus mit Zorn.

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Heute, verkündet der Nachbar, werde er die Buchsbäume schneiden. Nein!, schreien die Nachbarin und ich, vor Schreck fast Kaffee verschüttend. Ganz die falsche Zeit zum Buchsbaumschneiden. Erstens haben wir Mitte August, zweitens sind Hitze und viel Sonne angesagt. Der Buchs hätte bereits Ende Mai geschnitten gehört, und zwar idealerweise zu Beginn einer trüben Phase. Er bekommt sonst Sonnenbrand und wird braun. Nächstmöglicher Termin: September.

Der Nachbar zweifelt. Er hat jetzt Urlaub und will jetzt werken. Doch wo beginnen? Man könnte diese überwucherte Ecke freilegen. Man sollte endlich jene Rose aufbinden. Die Rasenkanten gehören abgestochen, der Gemüsegarten noch einmal von Unkräutern freigelegt, der Windling eliminiert, bevor er Samen wirft.

Wir nicken verständig, denn dieses Könnte-ich-sollte-ich begleitet jeden Gartenmenschen rund um das Jahr. Jeder von uns ist, auf gut ostösterreichisch, ein Kunnti Suiti. Dauernd ist etwas zu tun, und die wenigen Momente der Kontemplation erwarten uns erst wieder, wenn Schnee liegt. Doch jetzt schon weiß ich, was ich besser machen werde, was mein wichtigstes Kunnti Suiti für 2013 und darüber hinaus sein wird:

Ich werde, wie jedes Jahr, den Buchs rechtzeitig stutzen, doch mich ansonsten den elementaren Dingen der Natur widmen und versuchen, Sie als Verbündete zu gewinnen: Ich werde alle Schmetterlingswirtspflanzen anbauen oder stehen lassen, derer ich habhaft werde. Ich werde Sie alle, die Sie diese Kolumne lesen und freie Flächen bewirtschaften, dazu aufrufen, das Gleiche zu tun. Ich werde mit offiziellen Stellen in Kontakt treten und händeringend meine Dienste anbieten und versuchen, alles, was geht, für Schmetterlinge zu tun. Zum Beispiel, das üblich gewordene Abrasieren der Ackerraine mit großem Gerät zu verhindern. Wo früher Schlehen, Weißdorn und andere Hecken wuchsen, wächst jetzt gar nichts mehr.

Schlehen und Weißdorn zählen zu den wichtigsten Wirtspflanzen des Segelfalters. Dieses Prachtstück von einem Insekt gilt in Vorarlberg bereits als ausgestorben, so wie bestimmte Bläulingsarten in Wien. Der Schwalbenschwanz steht auch schon auf der Roten Liste, Trauermantel, Apollofalter, Großer Feuerfalter, Weißer Waldportier – wo sind sie alle geblieben?

Die Hälfte der heimischen Tagfalterarten gilt als gefährdet, neun Prozent der europäischen Falter sind vom Aussterben bedroht. Angesichts solcher Tatsachen, die im Gegensatz zu den tagesaktuellen Verbrechen von Finanzindustrie oder Politik kaum Nachrichtenwert zu haben scheinen, überkommt mich ein großer Schmerz. Doch der nützt niemandem. Besser ist da schon der kurz darauffolgende noch größere Zorn: Kann es wirklich sein, dass wir alle miteinander in den wesentlichen Dingen des Lebens zu Kunnti Suitis degeneriert sind? Dass wir aufgehört haben, zu glauben, auch als Einzelner könne man irgendetwas gegen die zur Zeit so verdrießlichen Entwicklungen dieser schönen Welt tun?

Neben den Buchsbäumen, die in altmodischer Manier meinen Gemüsegarten säumen, wächst heuer erstmals Fenchel. Der ist mittlerweile übermannshoch und blüht. Das ist für sich schon ein feiner Anblick, doch viel größere Freude bereiten mir die gelb-grün-schwarz getüpfelten Schwalbenschwanzraupen, die auf ihm leben. Der Schwalbenschwanz weidet gern auf Fenchel, auf Dillkraut und auf Karottenlaub. Der Apollofalter liebt Fetthennen. Der Waldportier braucht, wie viele andere Falterarten, bestimmte Gräser. Deshalb an dieser Stelle ein Hoch auf all jene, die zumindest ein paar Quadratmeter Wiese statt Rasen in ihren Gärten stehen lassen.

Über die ökologische Bedeutung der Schmetterlinge muss man sich hier nicht verbreitern, die ist ohnehin bekannt. Zum Abschluss lieber eine kleine Geschichte über ihre Schönheit und über den wohl bekanntesten Schmetterlingsforscher der Literatur: Als Vladimir Nabokov schon sehr alt war und wusste, dass er von diesem Bett, auf dem er lag, wohl nicht mehr aufstehen würde, bekam er Besuch von seinem Sohn. Der erinnert sich daran, dass der Vater plötzlich nasse Augen hatte. Es war die Flugzeit einer bestimmten Falterart angebrochen, und der Schriftsteller und Lepidopterologe wusste, dass er nie wieder ausziehen und diesem schönen Falter nachstellen würde.

Gartenlaube

Bevor wir alle nasse Augen kriegen, weil die Falter aussterben, müssen wir aktiv werden. Kein Gift im Garten lautet Regel Nummer eins, was sonst noch zu tun sein kann, wird nach gründlicher Recherche wohl aufbereitet hier an dieser Stelle folgen. Verbündete und zu unterstützende Experten melden sich bitte unter ute.woltron@diepresse.com, die hiermit den Kunnti-Suiti-Klub gegründet hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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2 Kommentare

jaja, die falter

ph, bittebitte kümmerts euch ab sofort um den erhalt von schmetterlingen. weil sonst hamma ja keine sorgen. wie angrennt is denn des???

Nicht alle Schmetterlinge werden weniger

Frau Woltron macht sich Sorgen um das beschneiden der Buchsbäume. Dank dem Schmetteling Cydalima perspectalis oder Buchsbaumzzünsler wird es bald keine Buchsbäume mehr geben, so nicht eine resistente Sorte gefunden wird.
Sicher berechtigt ist ihre Sorge um einige heimische Arten, aber auch die sieht man, wenn man zur richtigen Zeit an den passenden Ort kommt.

Die Autorin