Jetzt ist es also auch unseren Breiten im Steinfeld nicht erspart geblieben: Es kam der gelbe Hagel über Semmering und Wechsel gezogen und geruhte hier niederzugehen. Er zerschlug in wenigen Momenten die Arbeit vieler Monate. Eine Viertelstunde eiswürfelgroßes Prasseln im Dämmer eines Abends – und alles war dahin. Zumindest fast alles. Ein bisschen was bleibt, wie wir ja immer gehofft haben, stets übrig. Zwischen den spätsommerlichen Eiskugelbergen behauptete sich beispielsweise eine Pflanze, die dankbarer nicht sein könnte, und die eigenartigerweise in den heimischen Gärten kaum bekannt ist: Sie heißt Kaukasischer Gamander. Diese Pflanze wird heute hier gewürdigt – als Hoffnungsschimmer in der Wüstenei, denn was bringt es denn, sich das Leben von ein bisschen Eis im August verdrießen zu lassen?
Die robuste Pflanze, die angeblich aus den Gebirgsgegenden des Iran stammt, und über die man sonst kaum Näheres herausfinden kann, muss man sich folgendermaßen vorstellen: Sattgrünes, an großblättrige Minzesorten erinnerndes Laub, Blütenähren in Purpurlila, die zwischen den Blatthorsten bis zu einem halben Meter hoch aufragen, und die vom Hochsommer bis in den Herbst hinein wochenlang ihren Dienst an Biene, Hummel und Auge verrichten. So unverdrossen lange blüht kaum eine andere Blütenstaude. Das Lila ist auffällig und ein Aufputz für jedes Blumenbeet. Der Kaukasische Gamander ist eine Bienen- und Insektenweide ersten Ranges, schön ist er sowieso, und seine Einsatzgebiete in den Gärten sind mit oder ohne Hagelgefahr mannigfaltig.
Man kann es allerdings auch übertreiben mit ihm. Im ersten Schock wandelte die Nachbarin am Morgen nach dem Hagelunwetter wie Ophelia über den Kahlschlag, der vormals ihr blühender Garten gewesen war. Ophelia! Bleiche Jungfrau, wie der Schnee so schön. „Gamander“, hörte man sie murmeln. „Ich werde überall Kaukasischen Gamander pflanzen, ich gebe alles andere auf, es wird hier nur noch Gamander geben, Kaukasischen Gamander.“
Zwischenzeitlich ward die Angelegenheit ein wenig überdacht und relativiert. Der arme geprügelte Garten kann ja nichts dafür, dass er vorübergehend im Eimer ist. Das angedrohte Ausreißen aller Pflanzen und das störrische Ersetzen derselben durch Gamander und andere hagelresistente Genossen wird also zum Glück nicht stattfinden. Auch den im ersten Schmerz verkündeten endgültigen und selbstverständlich lebenslangen Rückzug zu ausschließlich in Innenräumen zu verrichtenden hagelsicheren Tätigkeiten wird die geläuterte Nachbarin nicht antreten.
Nichtsdestotrotz kann man eine allgemeine Gamanderausweitung ins Auge fassen. Denn, wie erwähnt, er ist ein pflegeleichtes Multitalent. Er eignet sich zur Einzelpflanze genauso wie für die Massenkultur. Er ist sehr wüchsig, braucht so gut wie keine Pflege, schaut beispielsweise als Randbepflanzung üppig-wilder Blütenrabatte rassig aus und wächst auch in schwierigen, weil karg-trockenen Gartenzonen. Dort bleibt er halt ein bisschen kleiner. Warum soll man sich das Leben mit Pflanzen wie diesen nicht leicht machen?
Apropos: Einfacher als den Gamander zu vermehren ist kaum etwas im Garten. Auch das tut zur Abwechslung gut. Man breche einen gut gewachsenen Gamanderstängel ab und stecke ihn irgendwo in den Boden. Dann muss man nichts tun, als ihn in den ersten ein, zwei Wochen gelegentlich gießen, bis er in Windeseile Wurzeln gebildet hat und Blätter treibt. Ab diesem Moment kann man ihn seinem Schicksal überlassen.
So ist das mit dieser Pflanze. Und wer ihn einmal hat und die Blüten so lange stehen lässt, bis er Samen ausgebildet hat, wird im nächsten Jahr ab Mai, Juni viele kleine Gamanderpflänzchen vorfinden. Er sät sich nämlich selbst recht gut aus. In Gegenden mit sehr vielen Mäusen, also praktisch überall, empfiehlt es sich, die Samen im Herbst abzunehmen und im Frühling auszustreuen. Das ist die sicherste Methode.
Sonst bleibt nur zu sagen, dass auch die Steine kaum Hagelschaden genommen haben, und natürlich die ewig schönen Feldahorne. Die sind ein eigenes Kapitel wert, das demnächst geschrieben werden sollte, oder besser, das von Berufeneren oft und schon vor langer Zeit geschrieben wurde. „O, große Kräfte sind's, weiß man sie recht zu pflegen, die Pflanzen, Bäum' und Stein' in ihrem Innern hegen.“
Trost Da in solch bittersüßen Situationen das Öffnen der kostbarsten aller Schatztruhen, der der Weltliteratur, immer noch Trost gespendet hat, kommt bereits jetzt ein Hinweis auf den schönen „Literarischen Gartenkalender“ von Schöffling & Co. für 2013 (22,95 €). Jede Woche ist mit einem Blumenfoto von Marion Nickig und einem Zitat gespickt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)
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