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Gotische Samenkapsel-Architektur

07.09.2012 | 18:46 |   (Die Presse)

Mitunter braucht es Jahre, bis man herausfindet, was da im Garten wächst. Die Lindenblättrige Schönmalve, auch Samtpappel genannt, kann einem echte Rätsel aufgeben.

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Blumenmenschen sind auf irgendeine Art und Weise verbündet, deshalb zieht mich, wenn ich in die Gegend der Wiener Schleifmühlgasse gerate, eine unwiderstehliche Anziehungskraft in Richtung eines ganz bestimmten Ladens. Der heißt nicht umsonst „Blumenkraft“. Ich kann überhaupt nicht anders, ich muss hinein. Christine Fink, die den Laden gegründet hat, treibt immer wieder die absonderlichsten und seltensten Gewächse auf, und eines davon schenkte ich mir vor vielen Jahren als Bestandteil eines großen, bizarr gewundenen Blumenstraußes.

Zwischen allen möglichen Blüten und Blättern hatte sie die Stängel einer uns beiden unbekannten Pflanze eingeflochten. Die waren bereits abgetrocknet und braun und daran befanden sich fantastische geometrische Fruchtstände von etwa zwei Zentimeter Durchmesser. Die waren sehr auffällig: zipfelig, spitz, rund, irgendwie an gotische Kathedralenarchitekturen erinnernd. Wir rätselten, worum es sich wohl handeln könnte, wussten jedoch beide keinen Rat.

Ich trug den Blumenstrauß zufrieden nach Hause, und nachdem der Rest verwelkt war, hob ich die Samenstände auf. Ich bemerkte aber auch, dass sich noch ein paar Samen darin befanden, hob sie in Seidenpapier gewickelt auf und beschloss, diese im Frühling einzusetzen. Denn es war Herbst.

Die Samen keimten schnell, die Pflanzen wuchsen rasant und bildeten, der Schönheit ihrer Samenkapseln entsprechend, ebenso elegante, weiche und samtige Blätter aus. Was für eine prächtige Pflanze war das! Ich hatte immer noch keine Ahnung. War es eine einjährige Staude oder ein mehrjähriger Strauch? War es ein exotisches Gewächs oder irgendeine seltene einheimische Pflanze, die mir bis dato entgangen war?

 

Erinnerung an Zimmerlinden

Letzteres schien unwahrscheinlich, denn die Pflänzchen wuchsen sich zu imposanten Höhen von gut zwei Metern aus und hatten tellergroße sammetweiche Blätter in Herzform, waren also insgesamt so auffällig, dass man sie nicht leicht übersehen konnte. Sie erinnerten mich irgendwie an die wesentlich kleineren, sogenannten Zimmerlinden, die meine Großmutter in den 1970er-Jahren so gern gehabt hatte, und die, wie mir scheinen will, seither aus der Mode gekommen waren. Die blühten meiner Erinnerung zufolge allerdings Rosa-Orange. Die Großen hier blühten kleiner und in zartem Gelb. Dafür dauernd und reichlich.

Die Samenstände hob ich immer auf, denn ihre Geometrie blieb faszinierend und unvergleichlich. Ich erntete alljährlich im Herbst logischerweise stets auch die Samen meiner „Blumenkraft“-Abkömmlinge und setzte sie im Frühling wieder ein. Denn winterhart waren sie natürlich nicht. Dann stieß ich zu meinem Entzücken beim Durchblättern eines Fotobandes über Karl Blossfeldt auf die Abbildung exakt einer dieser Samenkapseln.

Abutilon stand darunter, Samtpappel. Rätsel gelöst. Karl Blossfeldt (1865–1932) war der einer der Pioniere der extremen Nahaufnahmen von Pflanzen. Seine Aufnahmen von Samen, Knospen und anderen botanischen Details zählen zum Schönsten, was die Schwarz-Weiß-Fotografie hervorgebracht hat.

Die Riesendinger, die ich über die Jahre gebracht habe, sind tatsächlich Lindenblättrige Schönmalven, botanisch Abutilon theophrasti genannt. Gekauft habe ich sie samt ihren Samen vor nunmehr genau einem Dutzend Jahren, also 2000, und jetzt kommt's: Damals gab es sie hierzulande so gut wie noch gar nicht. Mittlerweile hat sich die Pflanze aus China jedoch als Neophyt – also als nicht heimische Art – rasch verbreitet. Die AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) führt sie als invasive Pflanze und bezeichnet sie mittlerweile als „gefürchtetes Problemunkraut“ für die Landwirtschaft.

 

Vor Wind und Sonne geschützt

Wie dem auch sei, ich werde mich weiterhin an ihr erfreuen, und zwar in den schattigen Bereichen des Gartens. Dort, wo es feucht und fruchtbar ist, fühlt sie sich am wohlsten. Am schönsten ist die riesige Samtpappel in großen Kübelgefäßen in windgeschützten, wenig besonnten Hofstellen. Dort bekommt sie einen stützenden Stab und sehr viel Dünger. Und ich bekomme diese bizarren Samenstände, in deren Geometrien man versinken kann.

Gartenlaube

Karl Blossfeldt war zwar einer der besten, doch nicht der einzige historische Pflanzenfotograf. Heuer ist in Neuauflage Martin Gerlachs „Formenwelt aus dem Naturreiche“ im Christian Brandstätter Verlag erschienen (Herausgeberin Monika Faber, 12,50 €).

Darin zu sehen: Fotografien als Vorlage für Künstler um 1900. Alle diese Schätze stammen übrigens aus der Fotosammlung der Albertina.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)

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