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Zweibeinige Nusshäher im Anflug

21.09.2012 | 20:38 |   (DiePresse.com)

Die Ernte ist ein Aufwand, aber er lohnt sich. Es reicht mitunter auch, eine einzige ganz frische Nuss auf der Zunge zergehen zu lassen, um die Englein singen zu hören.

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Für unsereiner mag das Jahr 1867 tief im Schlund der Vergangenheit ruhen. Doch bei genauerer Überlegung ist die Distanz gar nicht so groß. Was sind schon 145 Jahre? Für einen Nussbaum weniger als seine Lebensspanne. Vor exakt 145 Jahren wurde in Kalifornien die erste Walnussplantage angelegt. Heute stammen zwei Drittel aller Walnüsse aus der sonnigen Gegend, und wenn jetzt in den Supermärkten wieder Walnüsse auftauchen, dann sind es meistens kalifornische.

Zeitgleich werden sie hierzulande gerade reif und fallen von den Bäumen. Der Weg der Walnusskerne von der Nussbaumwiese bis ins Backrohr ist arbeitsreich, und mein Verständnis für diejenigen, die lieber zu den so praktisch ausgelösten und säuberlich in Zellophan verpackten Kernen greifen, ist groß. Trotzdem wird hier jetzt der herbstlichen Nussernte gehuldigt, denn die hat auch ihren Reiz.

Zuerst zum Baum selbst. Der ist ein echter Kerl unter den Bäumen, eine Persönlichkeit besonderer Art. Ein Nussbaum steht, wo immer er steht, für sich. Er ist groß und mächtig und duldet neben sich nichts. Er schickt chemische Botenstoffe aus, die andere Pflanzen am Wachstum hindern, und sichert sich so seine Privatsphäre. Alles an der Nuss ist kostbar: Das Holz zählt zum Besten, was in der Tischlerei Verwendung findet. Die grünen Nüsse enthalten mehr Vitamin C als die meisten anderen Früchte. Die Nusskerne sind seit Jahrtausenden nicht nur eines der wichtigsten Lebensmittel der Menschheit, sie haben auch gesundheitliche Talente, über die Mediziner und diätwissenschaftlich Bewanderte ins Schwärmen geraten. Aus Blättern, Rinde und Schalen gewann man seit jeher Farben und Beizen. Womit wir bei einem der traditionell lästigsten Aspekte der Nussernte wären:

Nüsse fallen nicht schön blank und sauber vom Baum, sondern mitsamt ihrer um diese Jahreszeit bereits schwärzlich verfärbten Hülle. Wer sich nicht auskennt, schält die mit bloßem Finger ab und wird in den kommenden Wochen wie ein tintenpatziger Erstklassler daherkommen, weil das Zeug dermaßen färbt, dass es selbst durch Zitronenlaugen und andere Hausmittel nicht wegzukriegen ist.

Die Nussernte muss zu einem aufmerksam gewählten Zeitpunkt erfolgen, denn es gibt immer konkurrierende zweibeinige „Nusshäher" in der Umgebung, die es ebenfalls auf die Nüsse abgesehen haben. Früher, als noch keine kalifornischen Nüsse im Supermarkt lagen, schritt man mit der langen Nussstange aus und schlug damit alles, was noch am Baum hing, herunter. Die Nüsse wurden in Körbe geklaubt und auf dem Dachboden zum Trocknen flächig aufgelegt. Oft konnte man in der Nacht die Mäuse damit Fußball spielen hören.

Sobald die schwarzen Hüllen trocken waren, wurden die Nüsse vorsichtig mit den Schuhsohlen gerieben und freigelegt. Dann, so war es jedenfalls bei uns, kochte die Großmutter eines Nachmittags eine ordentliche „Bitschn" Kakao, holte mehrere Hämmer und Bretter hervor, versammelte die Enkelschar und rief zum Nussknacken auf. Wie stark der Hammerschlag in welchem Winkel auf die Naht der beiden Nusshälften gesetzt werden musste, lernte man schnell. Auch, dass Finger dazwischen nichts verloren hatten. Der Lohn der Arbeit waren gigantische Torten und Kuchen, fette Kekse und ganz viele während des Nussauslösens erzählte Märchen.

Frisch ausgelöste Nüsse sind ein spezielles Geschmackserlebnis. Unvergleichbar mit getrockneten. Und erst die ganz frischen: Wenn der Kern noch von einem hellen Häutchen umhüllt ist, sollte man dieses abzuziehen, was ganz leicht geht, und die Sache dann feierlich ganz nackig zu verspeisen: Hören Sie die Englein singen? Auch das Nussknacken mit bloßer Hand ist keine Hexerei, wenn man sich nicht mit einer Nuss plagt, sondern zwei gegeneinander drückt. Das macht die Sache einfacher. Lauter alte Bauernschmähs, sozusagen.
Sollten Sie in der hervorragenden Situation sein, über genug Platz zu verfügen, einen Walnussbaum pflanzen zu können: Nehmen Sie nicht irgendeinen. Erkundigen Sie sich genau und wählen Sie die Sorte nach eigenem Gutdünken hinsichtlich Wuchs, Winterhärte und Ertrag aus. Nussbäume sind behäbig, die tragen erst ab einem gewissen Alter. Sie sind frostempfindlich und eigenbrötlerisch. Sie werden bis zu 160 Jahre alt und stehen noch da, wenn wir schon lang im Schlund der Vergangenheit ruhen.

 

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3 Kommentare
1 0

Jetzt beginnt die Hoch-Zeit für Nußfreunde...

...und da ich mich zu diesen zähle, möchte ich eine Anmerkung zu kalifornischen Walnüssen machen: Etliche Male im Laufe der letzten Jahrzehnte geriet ich aus verschiedenen Gründen immer wieder an kalifornische Walnüsse - und war stets enttäuscht. Fade + geschmacksarm muß ich sie nennen, kein Vergleich zu den wunderbaren Walnüssen, die wir aus (mittel)europäischen Gegenden kennen !

Gast: 215gast4
22.09.2012 07:46
5 0

sehr schön zu lesen

Danke, die Geschichte könnte aus meiner Kinderstube stammen, fernab vom selbstauferlegten Multimedia-Stress. Meine Generation musste ja noch im Garten und auf der Straße mit den anderen spielen. Andererseits war für uns Kinder das Einsammeln wie Auslösen der Nüsse eine monotone Angelegenheit. Und ja, Nussbäume hatten wir gleich 5 oder 6.

3 0

schön zu lesen

Mein Nussbaum ist leider vor mir verschieden, den hat irgendwann durch Frost "der Schlag getroffen", aber was hier erzählt wird, habe ich wenigstens auch so erlebt. Schön.

Die Autorin