Als vorbildlich organisierte Leute haben Sie sicher jetzt schon das im Herbst einzugrabende Zwiebelsortiment nach Größen, Sorten, Farben und Formen geordnet aufgelegt und stehen sozusagen mit dem Zwiebelsetzer in der Hand sprungbereit an der Startlinie. Ideal. Sie sind rechtzeitig dran, was weniger gut organisierten Leuten, wie zum Beispiel mir, selten gelingt. Doch ich arbeite daran.
Was heuer jedoch sehr wohl ausgezeichnet gelungen ist, befindet sich, nach wie vor fröhlich lila blühend, in einem Blumentopf im Kräutergarten und ist ebenfalls eine Zwiebelpflanze. Allerdings eine solche, die nicht winterhart ist und später im Herbst nicht nach draußen in die Erde, sondern hinein in den Keller wandern wird. Zum Überwintern nämlich.
Sie ahnen es bereits: Zwiebelpflanze im Kräutergarten. Lila Blüte. Nicht winterhart. Jetzt kommt wieder irgend ein exotisches Zeug daher, das gut schmeckt. Völlig richtig, es handelt sich um eine jener Pflanzen, die eben diese begehrte Kombination von Schönheit und Geschmack bildet, auf die man ruhig versessen sein darf. Die südafrikanische Knoblauch-Kaplilie ist wirklich eine anmutige Erscheinung. Lange, sehr schlanke, lanzettförmige Blätter, die entweder nur grün oder mit Panaschierung, hell-dunkel gestreift, zu haben sind, und lockere zartlila Blütenkugeln auf halbmeterlangen Stielen, die den ganzen Sommer hindurch immer wieder neu entstehen.
All das klingt nach Veilchenduft und Rosenessenz, doch hat der Name Knoblauch-Kaplilie diese liebliche Imagination wohl schon vernichtet. Tatsächlich duftet hier wenig, die Kaplilie riecht vielmehr fröhlich nach gut gewürztem Schweinsbraten, nach Knoblauchbrot und anderen bodenständigen Gerichten. Als ich zum ersten Mal eines dieser extrem würzig-scharfen, knofeligen Blätter zerkaute, ward ich augenblicklich an folgendes Erlebnis erinnert:
Einmal durfte ich einem wunderschönen Model begegnen, das ungefähr so lang und zierlich war wie ein Kaplilienblütenstängel, und das in Dior-Fummel über Pariser Laufstege geschwebt war. Als mir das unwirkliche Geschöpf die Hand reichte, erwartete man alles Liebliche aus seinem Munde, nur nicht einen Schwall breitestmöglichen Schwyzerdütschs. Die Schwyzerdütschsprechenden mögen mir bitte verzeihen, ihre Sprache ist einmalig und hat ihre speziellen Qualitäten, aber das erwartete Idiom, das Französische, wäre die Entsprechung für süßen Lilienduft gewesen; so allerdings ...
Derart verhält es sich auch mit der Knoblauch-Kaplilie. Den bodenständigen Geschmack traut man der hübschen Pflanze gar nicht zu. Und das Beste: Im Gegensatz zum Knoblauch rächt sich der Genuss dieser Art von Knofel nicht. Auch nach orgienhaften Knoblauchgelagen kann man getrost ungestraft etwa ins Kino oder ins Theater gehen, ohne seine Nachbarn bald unbehaglich von sich abrücken zu sehen. Man muss auch verheißungsvolle Tête-à-têtes nicht mehr absagen, wenn man irrtümlicherweise knoblauchliliengewürzte Speisen zu sich genommen hat, weil man, um das Kind beim Namen zu nennen, nicht aus dem Goscherl stinkt.
Möglicherweise eignen Sie sogar eine dieser Pflanzen und wissen es gar nicht. Denn meist wird sie hierzulande nur als Balkon- und Kübelpflanze gezogen. Wenn Sie ein Gewächs pflegen, das dieser Beschreibung entspricht, schnüffeln Sie einmal daran. Sollte bereits die Berührung der Blätter einen leichten Knoblauchhauch hervorrufen, könnten Sie eine Verkostung in Erwägung ziehen.
Dieses tat ich bei der Pflanze unbekannten Namens, die bei der Nachbarin steht. Die hatte sie natürlich von einer anderen Gartenfexin geschenkt bekommen. Im Gegensatz zu meinem Exemplar handelte es sich hier allerdings um eine Knoblauch-Kaplilie ohne Panaschierung. Deshalb die zeitverzögerte Erkenntnis. Denn erst nach Monaten des Kaffeetrinkens im Schatten der ungeheuerlichen Lilienorgie, die der Nachbarin natürlich wieder einmal gelungen war, fiel mir die Ähnlichkeit auf. Ob ich an diesem riesigen Gebüsch kosten dürfe, fragte ich. Klar, antwortete sie. Wir kauten versonnen eine Weile. Knoblauchlilie! Eindeutig. Noch mehr knofeligen Nudelgerichten, Knoblauchbroten, Kinobesuchen und verheißungsvollen Tête-à-têtes steht nichts mehr im Weg.
Der botanische Name dieser Pflanze lautet Tulbaghia violacea. Die Knoblauch-Kaplilie gehört zu den Lauchgewächsen, hält bis zu minus acht Grad aus, ist also ziemlich robust, aber in den hiesigen Breiten nicht winterhart. Bei guter Pflege wuchert sie und droht ihre Töpfe zu sprengen. Sie steht gerne sonnig-halbschattig, mag lieber mehr als wenig Dünger und will zwischen den durchdringenden Güssen austrocknen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)
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