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Gelassenheit treibt schönste Blüten

12.10.2012 | 18:35 |  von Ute Woltron (Die Presse)

Kosmeen. Wenn wir Abschied nehmen, sagt Michel de Montaigne, wird unsere Neigung zu dem, was wir schätzen, noch etwas wärmer. Dazu haben wir dieser Tage viel Gelegenheit.

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Schon wieder Oktober. Noch ist er golden, schon bald nagt der Frost an allem. Eine einzige kalte Nacht wird den Herbstblumenzauber demnächst hinwegraffen, am Morgen danach wird alles schlapp und tot an kalten Blütenstielen hängen. Also lasset uns jeden einzelnen gezählten Tag noch freudig begrüßen.

Wenn wir Abschied nehmen, sagt Michel de Montaigne, wird unsere Neigung zu dem, was wir schätzen, immer noch etwas wärmer. Und tatsächlich blühen die Blumen nie schöner als am letzten Tag vor dem großen Frost. So schwierig dieser heiße, einmal zu trockene, dann wieder zu nasse, stürmische, hagelreiche, insgesamt bösartige Sommer war, so prachtvoll ist der beständige Herbst. Die Dahlien haben alles aufgeholt, was sie in der Hitze verabsäumt haben. Die Astern stehen mächtig und farbstrotzend da wie selten zuvor. Und heuer blühen hier in diesem bescheidenen Gärtlein, das ich da meines nennen darf, erstmals die Kosmeen in einer üppigen Pracht, dass es eine große stille Freude ist, die ich nunmehr mit Ihnen teile.

Kosmeen, werden sich die Wissenden unter Ihnen jetzt kopfschüttelnd fragen, diese simpelsten unter allen Bauerngartenblumen? Was ist denn da schon dabei? Die blühen doch überall. Stimmt. Doch nicht so bei mir. Denn für manche Pflanzen, und zu diesen gehört die Kosmee, braucht der Gärtner eine gewisse Lässigkeit und Seelenruhe, derer es mir bis dato mangelte, und die ich allerdings heuer anscheinend endlich erreicht habe.

Manche Pflanzen wollen einfach in Ruhe gelassen werden, die wollen sich selbst ausstreuen, die wollen nicht gepflegt, gejätet, bezupft, betuttert, überdüngt und dauernd betreut werden. Die wollen in einem halbwegs ordentlichen Rahmen sich selbst überlassen wachsen und gedeihen dürfen. Die Kosmeen, zu denen man auch Schmuckkörbchen oder Cosmos sagt, sind eindeutig Vertreterinnen solcher Pflanzenindividualisten.

Im Idealfall streuen sie sich im Herbst, wenn sie abgeblüht sind und ihre Samen ausgereift haben, selbst aus und siedeln sich im nächsten Jahr dort an, wo es ihnen passt. Wie auch das Dillkraut zum Beispiel, oder die Jungfer im Grünen. Die sind ebenso eigensinnig. Sie mögen kargen Boden, nicht zu viel Feuchtigkeit und auf keinen Fall Gärtnerinnen, die mit widerlichen spitzen Gerätschaften eifrig und zuvorkommend rund um ihre empfindliche Wurzelstöcke lockernde Arbeiten verrichten.

Dieselben Gärtnerinnen pflegen auch ab Februar, März eine Art Radikalfrühjahrsputz im Garten durchzuführen, der sich bis in das Mikroskopische erstreckt und ab sofort ebenfalls als kontraproduktiv erkannt und nicht mehr durchgeführt wird. Denn mit Sicherheit fiel eben diesem Säuberlichkeitswahn die Cosmosblüte vieler schöner Herbsttage der Vergangenheit zum Opfer. Sie wurde sozusagen bereits im Keim erstickt.

Diese Blüte ist wunderbar: Kosmeen werden zum Teil riesig, bis zu zwei Meter hoch, und blühen rosa, weiß, violett und mit einem Durchmesser von bis zu sieben Zentimetern. Das Laub ist hellgrün und zart gefiedert, und die Kombination des feinen Blattwerks mit den doch recht großen Blüten samt diesem romantischen Farbmischmasch macht die Faszination der Pflanze aus. In der Umgebung wogt es jedenfalls in fast jedem Garten in diesem Farbenmix. Die Kosmeen sind einjährig, aber sie streuen sich, wie bereits erwähnt, sehr kräftig selbst aus und kommen verlässlich alle Jahre wieder.

Es gibt in dieser großen Familie jedoch auch eine Sorte, die ziemlich klein bleibt und eine absolute Besonderheit ist. Die duftet nach Schokolade. Sie blüht sehr dunkel, und wenn man die Augen schließt und an ihr schnuppert, möchte man fast hineinbeißen, denn der Geruch ist tatsächlich täuschend schokoähnlich. Die Schokoladen-Kosmee ist im Gegensatz zu den vorhin beschriebenen „Gemeinen Schmuckkörbchen“ ausdauernd, allerdings nicht sonderlich winterhart. Wer sie in den Garten holt, sollte sie vor besagten Frösten schützen und ihr eine Art Winterhaube zukommen lassen, sonst kommt sie in unseren Breiten nicht durch.

Sie bildet im Gegensatz zu den großen Schwestern auch keine Samen und kann nur vegetativ, also über ihre Wurzelknollen, vermehrt werden. Das ist eindeutig etwas für Liebhaber. Ich beschränke mich auf die Bauernblumenvariante und bleibe glücklich mit ihr in den letzten noch warmen Tagen.

Gartenlaube

Kosmeen stammen aus den tropischen und subtropischen Zonen Amerikas, wobei ihr Hauptverbreitungsgebiet Mexiko ist. Man zählt 26 Arten. Das bei uns beliebte und meistverbreitete Schmuckkörbchen ist Cosmos bipinnatus, das „Gemeine Schmuckkörbchen“. Steht gern sonnig bis halbschattig. Nicht viel düngen, nicht zu viel gießen, hauptsächlich in Ruhe lassen. Eignet sich auch sehr gut als Schnittblume.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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