Gegen neue Fliegen hilft das alte Huhn

09.11.2012 | 18:39 |  von Ute Woltron (Die Presse)

Invasive Schädlinge. Nach Kastanienminiermotte, Maiswurzelbohrer und Buchsbaumzünsler kommt soeben die nächste Plage auf uns zu: die Walnussfruchtfliege.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Invasive Arten – ob Pflanzen, Pilze, Bakterien, Tiere – sind ein Problemthema, seit die Menschheit Segel hisst, Ozeane überquert und vormals voneinander getrennte Territorien miteinander verbindet. Derzeit erleben wir jedoch eine Verschärfung dieser Probleme, und sie betreffen uns alle, auch wenn die meisten nichts davon bemerken.

Den seit etwa 20 Jahren gefochtenen Kampf gegen die Rosskastanienminiermotte bekommt der unbedarfte Spaziergänger vielleicht gerade noch mit. Doch dass etwa die Bekämpfung des in den frühen 1990er-Jahren aus den USA eingeschleppten Maiswurzelbohrers zugleich ein Bienenvernichten und – weit weniger beachtet – Hornissensterben nie zuvor da gewesenen Ausmaßes zur Folge hatte, ist kaum bekannt. Die Honigbienenvölker ihrerseits können überhaupt nur noch dank der Imker überleben, die ihnen mit extrem hohem Aufwand die in den 1970er-Jahren eingeschleppte asiatische Varroamilbe vom Leib halten. Und so geht's munter weiter.

Das heurige Jahr brachte etwa ein regionales Absterben von zum Teil jahrhundertealten Buchsbeständen durch die Raupen des auch erst seit wenigen Jahren hierzulande anwesenden asiatischen Schmetterlings mit Namen Buchsbaumzünsler. Das verantworten nicht zuletzt all jene mit, die nichts gegen den Befall im eigenen Bereich unternommen haben. Denn die zwar vielen Einzelkämpfer schauen Deppen gleich und gehen trotz ihrer Bemühungen in der Flut der Buchsbaumzünsler unter, wenn die Schadinsekten in der unmittelbaren Nachbarschaft ungestörte Entfaltungsmöglichkeiten vorfinden. Das ist ärgerlich. Nur kollektiv kann man gegen „Quarantäneschaderreger“ vorgehen, so nennt die EU solche schädlichen Organismen in neuen Gebieten, und die sind im Übrigen meldepflichtig.

Gerade hat uns der nächste erreicht: Die wiederum aus Nordamerika stammende Walnussfruchtfliege. Sollten Sie im kommenden Frühjahr an Ihren schönen grünen Walnüssen außen schwarze Verfärbungen und inwendig gelbliche Maden entdecken, sind Sie dringend dazu aufgerufen, dieses erstens bei der entsprechenden Behörde (siehe Kasten) zu melden. Zweitens sollten Sie sofortige Bekämpfungsmaßnahmen ergreifen.

 

Larven fressen das Fruchtfleisch

Die Walnussfruchtfliege Rhagoletis completa befällt neben Nüssen auch Pfirsiche. Ihre bis zu sechs Millimeter langen Larven fressen das Fruchtfleisch und hinterlassen schleimige, ungenießbar gewordene Früchte. Diese müssen, will man die Plage in den Griff bekommen, mitsamt ihrem Innenleben, verbrannt werden. Hat man diese Möglichkeit nicht, kommen sie in die Müllabfuhr. Lässt man der Sache ihren Lauf, begeben sich die Maden in den Boden, wo sie sich verpuppen und überwintern. Im folgenden Juli beginnen sie zu schlüpfen und Eier zu legen.

 

Gelbtafeln aufhängen!

Kenne deinen Feind! Den Lebensrhythmen entsprechend werden folgende Maßnahmen empfohlen: Klebrige Gelbtafeln während der Hauptflugzeit von Anfang Juli bis August im Baumgeäst aufhängen, was den Nachteil hat, dass auch andere Insekten dran glauben müssen. Den Boden rund um die Nussbäume in derselben Zeit so abdecken, dass die Fliegen nicht schlüpfen können, und den Maden mit eben dieser Maßnahme von Ende August bis Mitte Oktober den Zugang zum Boden verwehren.

Im eigenen Areal wurde zwar noch keine Walnussfliege gesichtet, doch sicherheitshalber werden ab sofort die Hühner, wie jeden Herbst, aus ihrem ohnehin geräumigen Auslauf in die absolute Freiheit entlassen. Die Baumscheiben der Nussbäume sind erfahrungsgemäß ihr liebster Aufenthaltsort. Dort scharren sie beharrlich alles an Maden und Puppen und Schneckeneiern frei, was sie finden können. So schädlich diese gefiederten Raubtierabkömmlinge in zu begrenztem Territorium sind, so segensreich sind sie in ausgedehntem Gelände.

Seit die Hühner hier Flurpflege betreiben, hat sich die Schneckenplage deutlich reduziert, und möglicherweise sind sie ein probates Mittel, um auch Geschöpfen wie der Rhagoletis completa im unmittelbaren Einzugsbereich Herr zu werden. Die Nachbarschaft hat bereits Interesse an Leihhuhntauschgeschäften bekundet. In Großbritannien, wo man gärtnerisch immer schon eine Schnabellänge voraus war, ist das bereits üblich.

Der neue Schädling

Die Walnussfruchtfliege ist ein in der EU gelisteter „Quarantäne-schaderreger“ und muss, sobald man sie entdeckt, beim zuständigen Landespflanzenschutzdienst gemeldet werden. Infos über Fliege, Maden, Bekämpfung und Meldestellen bietet die Website der Ages, Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: www.ages.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Die Autorin

AnmeldenAnmelden