Weiße Sterne am frühen Morgen

16.11.2012 | 18:34 |  von Ute Woltron (Die Presse)

Gartenrückblick. Es beginnt eine kurze Verschnaufpause für Gärtnerinnen und Gärtner, in der das Gewesene analysiert und das Kommende wohlgefällig vorbereitet werden darf.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Während in den Städten und Gemeinden bereits die ersten Lichterketten für das zum unheiligsten aller Feste gewordenen Weihnachten montiert werden, fahren die Gärtner ihre Arbeiten langsam zurück. Über die Gärten selbst legt sich der Frost, die letzten Blätter verweht der Wind – Erde, Äcker, Pflanzen begeben sich ebenfalls zur Ruhe. Gut so, man hat eine lange Saison hinter sich. Es darf schließlich auch wieder einmal ein wenig gefaulenzt werden. Wenn dann schon im Februar die ersten Schoko-Osterhasen für das nächste zum Konsumtaumel pervertierte Fest in den Geschäften auftauchen, geht die Arbeit ohnehin wieder los.

Bis dahin ist uns, wie gesagt, eine Phase der Kontemplation gegönnt. Die ist auch nicht schlecht. Einerseits kann man jetzt schon überlegen, was man alles angehen wird im kommenden Jahr. Andererseits darf man die Experimente der heurigen Saison Revue passieren lassen. Was hat sich bewährt? Was wird man wieder anbauen? Was hat erfreut und überrascht?

Die persönliche Hitliste 2012 führt eine Pflanze an, die via Samenpäckchen aus Taiwan angereist kam. Denn wer seine reisende und in fernen Ländern lebende Bekanntschaft stets penetrant auffordert, alles, was an exotischem Samenzeug zu finden ist, bitte einzupacken, mitzubringen oder zu schicken, bekommt, was er verdient.

In diesem Fall die Samen einer Pflanze namens „Snake Gourd“, zu deutsch Schlangenhaargurke. Die Abbildung auf dem Samenpäckchen zeigte mächtig lange, doch sehr dünne schlangenkürbisartige Früchte, die von einem Rankgerüst baumelten und lustig weiß-grün gestreift waren. Der Rest an Information verhüllte sich in chinesische Schriftzeichen, dem Internet war zu entnehmen, dass Schlangenhaargurken ein in der asiatischen, vor allem der indischen Küche höchst beliebtes, gleichwohl anspruchsvoll zu ziehendes Gemüse sei: viel Wasser, viel Wärme, lange Reifezeiten und gewisse Zickigkeiten, was die Keimwilligkeit des Saatgutes anlangt.

Egal, man muss durch alle Wasser schwimmen, alles ausprobieren. Von zehn Samen keimten sieben, die stärksten Pflanzen kamen im Juni ins Glashaus, wo sie sofort alles zu umranken und zu beklettern begannen, was zur Verfügung stand. Eine das Geschehen regulierende Rankhilfe aus Jutekordeln war schnell geknüpft und fast ebenso schnell erklommen. Als derjenige, dessen gärtnerisch bewanderte Familie die Samen übersandt hatte, zu Besuch kam und die Angelegenheit besah, hielt er angesichts der Kletterhilfe kurz inne. Ob mir klar sei, wie groß die Früchte wüchsen? Nein, keine Ahnung. Meterlang, meinte er, würden die später herabbaumeln, die Konstruktion sei zu schwach. Das Gerüst wurde also verstärkt. Die exotische Gurke kletterte und gedieh. Sie mochte offensichtlich lieber den Schatten als die pralle Sonne.

 

Ja, man versteht die Pflanzen

Wenn man seine Pflanzen aufmerksam beobachtet, bemerkt man so etwas sofort. An der Art des Wuchses beispielsweise, und an der unterschiedlichen Beschaffenheit des im schattigen oder im sonnigen Bereich befindlichen Blattwerks. Wenn es heißt, man möge mit seinen Pflanzen reden, auf dass die besser wüchsen, so ist das nur in der direkten Übertragung des Satzes eine esoterische Überspitzung. Wenn man lang genug mit Pflanzen lebt und arbeitet, beginnt man jedenfalls, ihre Artikulation zu verstehen, und die besteht natürlich nicht aus Worten, sondern z.B. im Falle des Beleidigtseins aus Begriffen wie vertrocknenden Blattspitzen, weggedrehten Ranken, ungesunder Blattfarbe.

Die Schlangenhaargurke gab zu verstehen, dass sie beschattet werden wollte, was selbstredend augenblicklich geschah. Und dann begann sie sich wirklich wohlzufühlen. Eines sehr frühen Morgens erntete ich den Dank. Zwischen den Ranken hatte sich eine Blüte aufgetan, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Ein fantastisches Wunderwerk aus feinem weißem Gespinst in perfekter Geometrie, eine filigrane kleine Blütenschönheit, die allein schon die Mühe wert war. Die Schlangenhaargurke blüht in der Nacht und verblüht am frühen Morgen. Wer das Spektakel betrachten will, muss früh aufstehen.

Die Früchte selbst waren dann auch in Ordnung. Doch das Beste blieb der Anblick dieser überraschend schönen Blüten-Schlangenhaarsterne. Und die alte Neugier, was das kommende Jahr bringen wird, steigt von Jahr zu Jahr.

Aus der Gartenlaube

Die Schlangenhaargurke Trichosanthes cucumerina gehört zur Familie der Kürbisse und schmeckt vor allem jung geerntet gut. Man verwendet sie beispielsweise wie Zucchini. Ältere Früchte werden bitter und spielen, auch zu Tee geraspelt, eine gewisse Rolle in der traditionellen chinesischen Medizin. Die Samen kann man via Internet bekommen, wenn man ein wenig herumsucht, z.B. hier: www.magicgardenseeds.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Die Autorin

AnmeldenAnmelden