Die Maya waren die größten Gärtner

21.12.2012 | 18:41 |  Von Ute Woltron (Die Presse)

Maisdämmerung. Sie haben nicht nur Kalender geschrieben, sondern auch – nach den Olmeken – den Mais gezüchtet. Wie sie das gemacht haben, das wissen die Götter.

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Sind Sie noch da? Gut, dann haben wir ja alle den gestrigen Tages überlebt und können wieder zur Tagesordnung übergehen. Den Tag nach dem 21.Dezember 2012 hätte ich ohnehin ungern verpasst. Der 22. Dezember ist mein Lieblingstag, und zwar seit ich denken kann in jedem einzelnen Jahr. Um ihn freudig zu begehen, bedarf es keines Studiums in Stein gemeißelter Kalender. Denn auch jeder Nicht-Maya auf der nördlichen Halbkugel weiß, dass ab heute die Sonne täglich wieder etwas länger scheint.

In etwa zwei Monaten werden Leute wie Sie und ich auch wieder dazu übergehen, die Miniaturglashäuser für die Fensterbank abzustauben und jene Gemüsepflanzen aus Samen vorzuziehen, die später ins Freiland übersiedeln und uns den ganzen Sommer über mit ungeheuerlichen Mengen wichtiger Vitamine versorgen werden, auf dass wir für den nächsten Winter gerüstet sind. Unter Umständen befinden sich darunter auch ziemlich große, kantige, gelbe oder lila Samenkörner, von denen heute kein Mensch mehr auch nur andeutungsweise sagen kann, wie sie vor geschätzten 8000 bis 10.000 Jahren entstanden sind: Aus ihnen entsteht der Mais, zu Ostösterreichisch der Kukuruz oder zu Westösterreichisch der Türken.

Der Mais ist die wohl wichtigste Errungenschaft eben dieser Maya und ihrer Vorgänger, der Olmeken. Die haben ihn gezüchtet. Wie das vonstatten ging, darüber rätselt die Wissenschaft. Jene, die gestern noch die Welt enden sahen, behaupten, er wäre von den Göttern als Geschenk überbracht worden. Denn viele Rätsel gibt diese Errungenschaft auf, die eine der wesentlichen agrarischen Leistungen der Menschheit war und deren Entwicklung nachhaltig beeinflusste.

Vom Mais sind keine Wildformen bekannt. Man sucht seit Dekaden danach und findet sie nicht. Das dem Mais noch am ehesten verwandte Grünzeug ist ein Süßgras mit Namen Teosinte. Doch wie aus mickrig kleinen Teosinte-Schötchen die fetten Kukuruzkolben entstehen sollten, kann keiner sagen. Die renommierte US-Biologin Nina Vsevolod Fedoroff bemerkte dazu, dass „heutzutage sicher niemand Forschungsgelder für den Versuch lockermachen würde, aus Teosinte Mais zu züchten, weil das völlig verrückt klingen würde. Gelänge dieser Versuch heute allerdings jemanden, bekäme er den Nobelpreis dafür.“ Nachsatz: „Wenn nicht sein Labor vorher von Greenpeace gestürmt und geschlossen würde.“ Denn Gentechnik allein könnte derlei vollbringen.

Der Mais ist in jeder Hinsicht eine eigenartige Pflanze. Würden wir ihn beispielsweise nicht anbauen, würde er augenblicklich aussterben. Von selbst wächst er nicht, er will Korn für Korn vom Kolben gelöst und zum rechten Zeitpunkt in die Erde gelegt werden. Die Wildnis hat der schon zu lange verlassen, um selbst existieren zu können. Bauen wir ihn also an. In der Landwirtschaft bitte, wenn geht, ohne die immer noch übliche giftige Beize, mit der die großen Saatgutkonzerne die Saatkörner umhüllen, um den Maiswurzelbohrer an seiner Tätigkeit zu hindern. Dass damit auch die Bienen sterben, kann nicht oft genug Erwähnung finden.

Unsereiner zieht den Mais, wie gesagt, ab Ende Februar vor, um ein paar Wochen Vorsprung zu gewinnen. Denn die Pflanze braucht später im Garten möglichst viele Sonnentage, um zu gedeihen und die Samen auszureifen. Mais wird vom Wind bestäubt. Pflanzen Sie ihn deshalb unbedingt zu mehreren und in Gruppen, sonst wird das nichts mit dem Maiskolbenbraten über der Glut und mit dem Maiskolbenkochen im Salzwasser und dem späteren Ablecken der über heißen, goldgelben und unbedingt süß schmeckenden Maiskörnern zerrinnenden Butter.

 

Maya: „Menschen aus Mais“

Vorteilhaft auf dem Weg dorthin sind auch ein gut gedüngter, mit Kompost veredelter Gartenboden sowie ausreichend Feuchtigkeit. Wenn aus einem einzelnen Korn eine derart mächtige Pflanze entstehen soll, braucht sie als Starkzehrerin viel Futter. Setzen Sie die heilige Pflanze der Olmeken und der Maya rund um Komposthaufen und andere Orte, die Sie verstecken wollen. Die Maya selbst nannten sich übrigens „Menschen aus Mais“. Die Götter, so die Legende, hatten versucht, den Menschen aus Lehm zu formen, doch er zerfiel. Auch mit Holz scheiterten sie. Erst als sie ihr Götterblut mit Maismehl verkneteten, gelang die Schöpfung.

Für die Gartenlaube

Eine gute Quelle für gleich mehrere Maissorten ist der österreichische Saatgutexperte Reinsaat (www.reinsaat.co.at). Hier stehen gleich vier im Programm: Golden Bantam, True Gold Sweet Corn, Ashworth und Extrasüßer Zuckermais. Alles aus „biologisch-dynamischem und organisch biologischem Anbau“. Tipp: Blättern Sie im Katalog gleich weiter, die Sortenvielzahl hier ist fantastisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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