Wer den Kreutzer nicht ehrt

11.01.2013 | 18:24 |  Von Ute Woltron (Die Presse)

Kräftesammeln. Das ist das, was wir Gartenleute jetzt tun, um in der Saison alle guten Vorsätze umsetzen zu können. Dann kann das Wühlen in der Erde Überraschungen bringen.

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Wer denkt, der Winter sei für Gartenleute langweilig, der kennt uns nicht. Während wir jetzt in Samenkisten kramen und in der Dämmerung des Jännerlichtes unsere von Außenseitern gefürchteten Gartenfotosammlungen ordnen – „Hab ich dir eigentlich schon meine dreihundert Dahlienfotos vom vergangenen Sommer gezeigt?“ –, nehmen wir Anrand. Bitte sagen Sie jetzt nicht, Sie wüssten nicht, was das sein soll, ein Anrand: ein Anlauf natürlich, die Vorbereitung auf den Sprung in den Garten. Für uns bedeutet das, gedankliche Spaziergänge durch das vergangene und das kommende Jahr zu unternehmen. Im Geiste fliegen wir längst schon über Blumenrabatten und Gemüsegärten, verbessern Farbkompositionen, versuchen neue Gemüsekombinationen, konzentrieren uns darauf, organisierter zu werden, auch das eine oder andere Pflanzenexperiment zu wagen und endlich Ordnung in jene dunklen Ecken der Gerätehütte zu bringen, um die wir stets den großen Bogen der Faulheit zu machen pflegen.

In unserer Ruhe liegt die volle Kraft der Konzentration auf das Wesentliche. Dazu gehört auch die Vergangenheit. Die liegt nicht nur in Form der frischen Erinnerungen an die Höhepunkte und Tiefschläge des vergangenen Jahres als bunte Skizze da. Die hat in der Natur einen längeren Atem und ist beispielsweise auch in manch altem Baum gespeichert, den noch der Urgroßvater pflanzte. Manchmal wühlt man sie zufälligerweise auch aus der Erde hervor.

Im vergangenen Sommer wurde offenbar, dass trotz der im Garten vorhandenen Ribiselsträucher ein schmerzlicher Mangel an Schwarzen Johannisbeeren zu bemerken war. Wer, der Johannisbeergelee und selbst angesetzten Cassis liebt, kommt schon mit einer läppischen Ernte von knapp einem Kilo aus? Die Schwarzen Johannisbeeren sind, nur damit Sie das wissen, andere Charaktere als die Roten und Weißen. Sie tragen nicht am mehrjährigen, sondern am einjährigen Holz. Das ist deshalb erwähnenswert, weil es beim Rückschnitt zu berücksichtigen ist, den Sie hoffentlich alljährlich und gleich nach der Ernte vornehmen.

Ein weiterer, weniger bekannter Aspekt ist dieser: Die Schwarzen sind zwar, wie auch die anderen Ribiseln, selbstbestäubend, sie benötigen also grundsätzlich keinen zweiten Strauch in ihrer Umgebung, um Frucht zu tragen. Doch sie tragen deutlich mehr, wenn sie zu mehreren gesellig beieinanderstehen. Die alten Bauerngärtnerinnen wussten das alle, denn Ribiselstauden wurden immer in Reihen gepflanzt, was, wie gesagt, vor allem den schwarzen unter ihnen äußerst behagt.

Den eigenen Johannisbeermangel sollte eine fesche Johannisbeerzeile beheben. Das Ausheben der Pflanzgruben erfolgt bei uns im Steinfeld traditionell in familiärer Arbeitsteilung, wobei abwechselnd Krampen und Spaten bedient werden. Denn selbst ein mickriges Loch in die unter nur wenigen Zentimetern Erdreich verborgene Vorstufe des Konglomerats zu stemmen ist, gelinde gesagt, fordernd. Zwischendurch rastet man auch gern und gibt dem jeweils anderen, gerade mit dem Geröll Ringenden die beliebten guten Ratschläge.

Diesmal waren wir zu dritt. Sechs Gruben waren ausgehoben, als wir in der letzten auf noch härteren Fels stießen. Normalerweise gräbt man dann mit dem Krampen bis zum Rand des Steines vor, um ihn mit einem sogenannten Kuhfuß, auch Gashaxn oder im langweiligsten Fall Brecheisen genannt, aushebeln zu können. Die Grabungsarbeiten bewegten sich über längere Zeit also in die Breite statt in die Tiefe, sodass der Nachbar schließlich feststellte, dass es sich möglicherweise nicht um einen Felsen, sondern um die Spitze eines bis dato unbekannten, mehrere tausend Meter in die Tiefe ragenden Gebirgsmassivs handle.

Egal, irgendwann bezwangen wir den Stein. In das Pflanzloch, das er hinterließ, hätte man einen Baum setzen können. Bevor wir es zuschütteten, entdeckte ich eine völlig erdverklebte Münze. Ich bürstete und polierte sie und hielt im Jahr 2012 einen Kreutzer aus dem Jahr 1812 in Händen. Wer hat ihn verloren? Was lag der da 200 Jahre in der Erde, während über ihm Kriege geführt, um Frieden gerungen, während schließlich in einer einzigen Generation mehr verändert wurde als in sechs anderen zuvor, um dann ausgerechnet von mir beim Ribiselstaudeneingraben gefunden zu werden? Das und noch so vieles mehr überlegt man halt, wenn draußen der Schnee fällt.

Gartenlaube

Mit Sicherheit überlegen Sie jetzt auch, Schwarze Johannisbeeren einzusetzen und derlei Kleinodien auszugraben: Überlegen Sie gut, welche Sorte Sie wählen. Eine der bewährtesten heißt Titania. Die trägt gut, ist robust und gegen eine der gefürchteten Schwächen der Johannisbeere, den Befall mit Mehltau, erfreulich resistent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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