Es schneit. Und das ist gut so.

18.01.2013 | 18:34 |  von Ute Woltron (Die Presse)

Winterhärtezonen. Während sich hierzulande der Schnee gnädig über alles legt, könnte man eine Reise zu den unvergleichlichen Gartenanlagen jenseits des Ärmelkanals erwägen.

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Als Egon Erwin Kisch noch nicht der „rasende Reporter“ war, als der er zur Legende werden sollte, sondern ein blutjunges Bürschlein, wurde er von seiner Redaktion zu den Schittkauer Mühlen geschickt, die in vollem Brand standen. Er kam spät zum Geschehen, die erfahreneren Kollegen der anderen Blätter waren längst versammelt. Kisch fragte einen von ihnen, ob es irgendwelche Details zu berichten gäbe. Der Reporter beugte sich bedeutungsvoll zu ihm hinüber und flüsterte ihm dann ins Ohr: „Es brennt.“ An diese Anekdote, die Kisch selbst gern und oft vortrug, ist man erinnert, wenn man dieser Tage aus dem Fenster blickt: Es schneit.

Die Nation schaufelt Schnee und kocht Tee. Wir Gartenfexe sind erfreut wie die Kinder auf den Rodelwiesen, denn dieser Schnee schützt unsere geliebten Pflänzlein da draußen vor der angekündigten Kälte. Wenig Schädlicheres gibt es für die Zarteren unter ihnen als trockenen Frost. Der Schnee hingegen bildet eine ausgezeichnete Isolation, und auch wenn es sehr kalt werden sollte, wird darunter kaum etwas erfrieren.

Der heurige Winter führt allerdings auch einmal mehr vor Augen, dass wir doch in einem recht rauen Klima leben. Wenn man, wie Kisch seinerzeit, als Gartenmensch noch grün hinter den Ohren ist, träumt man gern von wogenden Blumenrabatten, wie sie in Großbritannien und auch in Irland gang und gäbe sind und wie man sie gern auf Bildern sieht, die den perfekten Garten vorstellen sollen. Man gräbt anfangs denn auch so manche empfindliche Pflanzenschönheit aus dem Katalog ein, um im Frühjahr nur noch ihr Ableben betrauern zu können. Deshalb sollte man schnell lernen, dass wir uns das Leben deutlich leichter machen können, wenn wir uns auf Pflanzen beschränken, die sich in unserer Klimazone wohlfühlen.

Welche das sind, zeigt die WHZ-Zahl beim Pflanzenkauf an. Wenn diese sogenannte Winterhärtezone nicht angegeben ist, schlagen Sie sicherheitshalber in Fachliteratur und Internet nach, bevor Sie zum Beispiel, so wie ich, sündhaft teure Gräser erwerben und sterben sehen. WHZ 1 bedeutet, dass die Pflanze auch sibirischem Frost bis -45 Grad gewachsen ist, wohingegen Pflanzen mit WHZ 11 bereits bei +4,5 Grad kalte Wurzeln kriegen. Recht erfreulich ist eine WHZ von zumindest 6, das bedeutet, die Pflanzen halten Temperaturen bis minus 23 Grad aus.

Die bereits erwähnten Parks und Gärten auf den Inseln jenseits des Ärmelkanals sind niemals derartigen Stürmen und Frösten ausgeliefert, die müssen nie Dürreperioden bei 35 Grad und gleichzeitigem Sturm aushalten. Dementsprechend zierlich sind sie auch anzusehen. Deshalb sei zum Zwecke der Inspiration und für Ihre Urlaubsplanung eine Gartenreise empfohlen. „Schau'n Sie sich das an“, hätte Kischs Zeitgenosse Karl Farkas gesagt. Sie werden es nicht bereuen. Sogar die Nachbarin, die ihr Geviert selbst in Notfällen nur ungern verlässt, begab sich einst auf eine solche und kehrte mit verklärtem Blick wieder. Auf die Frage, wie es denn dort so sei, in den Parks mit den berühmten „Borders“, die in farbigen Wogen und ausgeklügelten Höhenstaffelungen noch alle Betrachter bezaubert hätten, antwortete sie nur: „Es blüht.“

Sie war im Frühsommer gereist, in der besten Zeit. Als ich eine solche Reise unternahm, war es Frühherbst. Auch nicht schlecht. Wir wandelten wie im Traum durch Gärten, wo sich Buchsbäume, von geduldigen Gärtnern jahrzehntelang in die Form der Säulen von Salomons Tempel zurechtgeschnippselt, gute acht Meter gen Himmel schraubten. Wir verstummten vor fantastisch angelegten Blumenbeeten, die mit ihrer Zartheit und Vergänglichkeit die Dauerhaftigkeit der jahrhundertealten Architektur der dazugehörigen Häuser noch stärker zur Geltung brachten. Apropos Häuser: Die meisten von ihnen waren längst von Kletterrosen erobert, und selbstverständlich waren die ihrerseits von farblich perfekt dazu passenden Clematis-Sorten durchwuchert.

Es war, wie gesagt, bereits spät in der Saison. Viele Pflanzen trugen Samenkapseln. Ich trug ein weites Gewand mit geräumigen Taschen. Das erwies sich als günstig. Als ich so manchen anderen Besucher ungeniert kleine Scheren zücken und Samenkapseln abschneiden und in ebenso geräumigen Gewändern verschwinden lassen sah, kaufte ich auch eine Schere. Noch heute blüht tatsächlich so manches davon in meinem Garten. Anderes haben schneelose kalte Winter hinweggerafft.

Gartenlaube

Es gibt seit geraumer Zeit eine steigende Nachfrage nach Reiseangeboten, die speziell für Gartenfreunde zusammengestellt sind. Die führen natürlich nicht nur nach England, sondern auch nach Frankreich, Italien, Deutschland. Schauen Sie sich beispielsweise bei www.olivareisen.at um, oder fordern Sie den „Gartenlust“-Katalog bei www.blaguss.at an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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