Gärtnern mit Ovid: „Ertrage und halte aus!“

22.02.2013 | 18:44 |  Ute Woltron (Die Presse)

Das Säen und Anzüchten von Blumen auf der Fensterbank geht los. Über den rechten Zeitpunkt lässt sich streiten, über das Substrat nicht: bloß keinen Schimmel!

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Es geht soeben los, was alljährlich um diese Zeit losgeht, nämlich die Debatte um den idealen Moment, in dem die ersten Tomaten-, Paprika-, Salat- und so viele andere Samen in die Erde kommen sollen. Auf dem Fensterbrett natürlich, und nach Möglichkeit in der alle Keim- und Wachstumsprozesse fördernden Luftfeuchtigkeit winziger Glashäuser. Damit dann im Mai kräftige Gewächse für Gemüse- und Blumengarten zur Verfügung stehen.

Der Nachbar hat bereits Salat gesät. Der hat aber auch ein großes Glashaus und ist von Spätfrösten unabhängig. Eine andere Nachbarin meinte schon vergangene Woche, sie würde jetzt drauf pfeifen und ebenfalls erste Aussaaten vornehmen, zum Beispiel die der Tomaten. Sie könne nicht mehr warten, es müsse sich jetzt etwas tun, immerhin würden die Amsleriche bereits singen, der Frühling sei unaufhaltbar und überhaupt – es gehe jetzt das ganze Leben wieder los und sie sei glücklich.

Das bin ich auch, aber ich mische mich in diese Debatten sicherheitshalber nicht mehr ein. Und ich gebe schon gar keine Tipps mehr ab. „Blinder Eifer“, sagt Ovid, „schadet nur.“ Vor zwei Jahren war ich zu früh dran. Aussaat Anfang März. Die Pflanzen waren nach anfänglicher hervorragender Entwicklung bis Mai viel zu lang, zu dünn, zu kraftlos geworden. Auf Dauer zu wenig Licht, eh klar. Sie erholten sich draußen zwar, aber ideal war das alles nicht. Im vergangenen Jahr war ich mit Mitte April zu spät dran, was sich allerdings letztlich als die bessere Variante erwies, weil die mickrigen Paradeiser draußen einen ordentlichen Wachstumsschub hinlegten und alles vermeintlich Versäumte locker und kraftstrotzend wieder aufholten.

Der ideale Aussaattermin ist der, den Sie persönlich für den besten halten. Außerdem ist er von Pflanze zu Pflanze, ja selbst von Sorte zu Sorte unterschiedlich, also muss jeder seine Erfahrungen sammeln. Allerdings kann man getrost eine Empfehlung abgeben – verwenden Sie Anzuchterde. Die ist mager, also nicht gedüngt, und das ist gut für die Keimung. Ein ärgerlicher Begleitumstand ist folgender: Seit einigen Jahren neigen manche Anzuchterden dazu, oberflächlich Schimmel anzusetzen. Auch bei regelmäßiger Lüftung.

Elende weiße Matten bedecken bald die Erdoberfläche. Solange die Samen nicht gekeimt sind, ist das, laut Profis, ganz übel für die Winzlinge. Sind die Pflänzchen schon etwas größer, halten sie den Schimmelüberzug der Erde angeblich aus. Ja, die vielleicht, ich aber nicht. Ich will meine Miniaturglashäuser säuberlich, erdduftend und schimmelfrei. Deshalb der Tipp: Vermeiden Sie, auch wenn Sie sonst zu Recht auf Preise und Schnäppchen schauen, im Falle der Anzuchterde billige Produkte. Diese Erde kann gar nicht gut genug sein. Manche Samen sind rar und kostbar, und ich persönlich gehe nach diversen Niederlagen kein Risiko mehr ein.

Mehrere Möglichkeiten gibt es, die zum schimmelfreien Pflanzenziehen führen: Testen Sie jetzt schnell noch vor der Aussaat die Erde in Gefäßen mit gespannter Luft, also in Glashäuschen oder duschhaubenbestückten Töpfen. Eine Woche Testlauf zeigt, ob das Substrat zum Schimmeln neigt oder nicht. Wenn ja, auf den Kompost oder ins Gartenbeet damit und her mit einer besseren Erde. Auch schimmelvermeidende Maßnahmen seien empfohlen. So kann man beispielsweise die Anzuchterde mit feinem Sand mischen, etwa eins zu fünf, das reduziert laut Experten die Schimmelbildung deutlich. Radikalere greifen auch zu Fungiziden.

Eine beliebte und bewährte Methode, die ich, ich gebe es offen zu, in der noch schimmelfreien Ära meiner Anzuchtjahre zu belächeln pflegte, mittlerweile jedoch selbst praktiziere, besteht darin, die Anzuchterde zu backen. Ja, rein damit ins Backrohr, die Mengen sind ja nicht gewaltig, und ordentlich erhitzen. Das erledigt den Schimmel und auch eine weitere Pest, die man sich gern mit gekaufter Erde einfängt: die Trauermücken. Sonst wird regelmäßig gelüftet und das Substrat zwar feucht, aber nicht zu nass gehalten. Muss man ja nicht gesondert betonen, nicht wahr? Angesichts der schon gefüllten Samentöpfe der Nachbarschaft beginne ich zu schwanken. Soll ich nicht doch schon? Nein! Ich halte es abermals mit Ovid, dem Spezialisten für Metamorphosen aller Art. „Ertrage und halte aus!“, sprach der: „Warten wandelt, was nur sprossender Keim war, zu kraftvoller Saat.“

Gartenlaube

Das Gießen der pflanzlichen Miniaturen stellt eine Herausforderung dar, aber nur, solange man mit dem groben Strahl von Gießkannen hantiert. Besorgen Sie sich lieber in altmodischen Hausfrauenbedarfsgeschäften, wie beispielsweise dem Lagerhaus, Einspritzflaschen, wie man sie vor hundert Jahren für das Befeuchten der Bügelwäsche verwendet hat. Sanfteres Brausen haben Ihre Pflänzchen noch nie erlebt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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