Es heißt, es gebe so etwas wie ein Körpergedächtnis. Das können Leute wie wir, die wir ständig wie die Gämsen in unseren Gärten herumzuklettern pflegen, bestätigen. Das Langzeitkörpergedächtnis erinnert uns dieser Tage daran, endlich wieder hinauszugehen, Spaten, Scheren und andere Gerätschaften zu ergreifen und damit so lange tätig zu sein, bis die Frühjahrssonne hinter dem Berg versinkt. Oder bis uns ein Schneeschauer ins Haus weht. Das Kurzzeitkörpergedächtnis meldet dann am nächsten Morgen in Form allerlei schmerzender Muskulaturen und anderer Körperstrukturen, dass gestern einer dieser großartigen ersten Frühlingstage war, an denen man im Garten wild herumgefuhrwerkt hat. Weil man gar nicht weiß, wo man beginnen soll.
Folgender Ratschlag von Johann Wolfgang von Goethe hat sich bewährt: „Sitz nicht herum, sondern fang einfach an.“ Wer jeden Tag zumindest ein bisschen tätig ist, hält sowohl Körper als auch Garten tadellos in Schuss und findet sich niemals in der Situation wieder, hinten und vorn nicht mehr zurechtzukommen. Außerdem ist jetzt die beste Zeit, diverser keimender Unkräuter Herr zu werden. Denn noch sind sie klein.
Als der Nachbar vor Jahren sein ökologisch-biologisches Bewusstsein entdeckte und jeglichem Umweltgift abschwor, nahm seine Art, Unkraut zu vernichten, bedrohliche Ausmaße an. Er hatte gerade Gartenhütten mit Teerpappe neu gedeckt und sich für diesen Zweck ein Flämmgerät zugelegt. Sobald er diese schweißtreibende Arbeit erledigt hatte, sah man ihn mit Propangasflasche und Stichflamme über Wege und Treppen schreiten: Er flämmte nunmehr das Unkraut samt Umgebung.
Da er sich dankenswerterweise auch in meinem Garten auf Dacheshöhe teerpappeflämmend aufgehalten hatte, und weil er gerade so schön in Fahrt war, flämmte er zu ebener Erde auf dem Nachhauseweg gleich weiter. Er flämmte den Kiesplatz sowie diverse Wege und Treppchen, und dass er auch den auf der Strecke gelegenen Kräutergarten für flämmenswert befand, war ein Irrtum, den unter anderem der Currystrauch nicht überlebte. Egal. Der schmeckt sowieso nicht wirklich überzeugend und hat außerdem mit Curry nichts zu tun. Das Currykraut Helichrysum italicum, kleiner Exkurs, ist tatsächlich eine hübsche kleine italienische Strohblume. Die Methode des kurzfristigen Unkrauterhitzens und damit Entfernens hatte jedoch erfolgreich Einzug gehalten.
Das Prinzip ist denkbar simpel: Durch blitzschnelles Erhitzen werden Pflanzenzellen gesprengt, die Pflanze stirbt ab. Bei besonders tief wurzelnden Kräutern muss der Prozess gegebenenfalls wiederholt werden. Die Handhabung ist jedoch simpel, kräfte- und vor allem umweltschonend. Allerdings habe ich mir erlaubt, die Methode des Nachbarn zu verfeinern. Tatsächlich ist das breite, mächtige Flämmgerät, wie man es für Teerarbeiten verwendet, zu grob. Außerdem verbraucht es viel zu viel Gas.
Neuerdings eigne ich die professionelle, gleichwohl preiswerte Variante in Form eines eigens für Unkraut entwickelten Gasbrenngeräts. Das speit zielgenau und mittels kleiner Düsen fein zentriert den Feuerstrahl genau dorthin, wo man ihn haben will. Zum Beispiel auf die Ritzen zwischen Steinpflaster. Übertreiben muss man das natürlich auch wieder nicht, denn ein bisschen Wildnis sollte in jedem Garten Platz finden. Doch an manchen ausgewählten Stellen will man eben Säuberlichkeit.
Für Beete und vor allem für die Zeilen zwischen den Gemüsepflanzen ist hingegen die sogenannte Gartenhacke die beste Unkrauthilfe. Ein sinnvolleres Gerät muss man lang suchen! Die Gartenhacke besteht aus einem langen Stiel, an dessen Ende eine etwa 15 Zentimeter lange, gerade und in einem zum Hackeschwinger weisenden Winkel scharfe Klingenfläche angebracht ist. Diese Klinge zieht man in geringer Tiefe durch den Boden und schneidet damit die Unkräuter samt Wurzeln ab. Wer diesen Prozess gewissenhaft in zwei- bis dreiwöchigem Abstand im Frühjahr wiederholt, wird seine Unkrautsorgen im Gemüsegarten langfristig auf einfache Weise los. Ohne Gift.
Andernorts dürfen sie ruhig sprießen, die sogenannten Beikräuter. Jetzt blüht übrigens gerade mit dem wilden Ehrenpreis Veronica persica ein besonders hübsches von ihnen. Das kann man noch dazu essen. Und die blauen Blüten über Salate streuen. Aber nur, wenn Sie pestizidfrei gärtnern.
Unlängst haben wir an dieser Stelle berichtet, dass die beiden größten britischen Gartenketten alle bienenschädlichen Pestizide aus dem Sortiment genommen haben. Das hat jetzt auch die heimische Gartenkette Bellaflora getan. Alle chemisch-synthetischen Pestizide und Herbizide wurden ausgelistet und durch umweltschonende Produkte ersetzt. Applaus!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)
www.utewoltron.com